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Enge macht erfinderisch: Hinter der ersten Wand mit Avantgarde-Exponaten kommt noch eine zweite (Fotos: Siegrist/SPZ)
Enge macht erfinderisch: Hinter der ersten Wand mit Avantgarde-Exponaten kommt noch eine zweite (Fotos: Siegrist/SPZ)
Mittwoch, 18.07.2007

Besuch im Insiderkreis der Petersburger Avantgarde

St. Petersburg. Michail Matjuschin und seine dritte Frau Elena Guro waren zentrale Figuren der russischen Avantgarde. Ihr Haus auf der Petrograder Seite steht seit kurzem als „Museum der Avantgarde“ Besuchern offen.

Das Museum scheint noch ein Geheimtipp zu sein. Es ist auch nicht ganz einfach zu finden und die Beschriftung ist eher dezent. Das wunderschöne graue Holzhaus wirkt ein wenig verlassen neben den großen heruntergekommenen Gebäuden in der Professor-Popow-Straße.

Die Koordinaten
Adresse: Uliza Professora Popowa 10,
nächste Metro: Petrogradskaja
Geöffnet: täglich außer Mi von 11 bis 18 Uhr
Eintritt: Ausländer 70/40 Rubel, Einheimische 50/30 Rubel (Erwachsene/Kinder und Studenten), Fotoerlaubnis 50 Rubel
Telefon: 234 42 89
Internet: www.spbmuseum.ru/matyushin
Als es 1840 gebaut wurde, befand es sich noch in eher ländlicher Umgebung. 1912 zogen Matjuschin und Guro hier ein, ihre Wohnung wurde für zwei Jahrzehnte Anlaufstelle und Aufenthaltsort vieler berühmter Künstler. Die Zeit scheint spurlos an dem Haus vorbeigeflossen zu sein – doch das liegt daran, dass es sich um eine originalgetreue Nachbildung aus den 1990er Jahren handelt.


Außen heimelig, innen eher museal nüchtern



Im Gegensatz zu seinem heimeligen Äußeren ist die Atmosphäre im Innern durch Neonlicht und weiße Wände eher kühl. Der Charme des Gebäudes verliert sich. Es herrscht Stille und sterile Sauberkeit. Man traut sich wegen des „lauten“ Auslöserklicks kaum zu fotografieren und schlurft so leise wie nur möglich in Hausschuhen durch die Gänge.

Holzhäuser sind selten in St. Petersburg. Doch auch dieses ist eine Rekonstruktion.
Holzhäuser sind selten in St. Petersburg. Doch auch dieses ist eine Rekonstruktion.
Besucher scheinen eine Seltenheit zu sein, die Kassenfrau bemerkt einen erst nach einem Räuspern. Diese muss wiederum die Garderobendame rufen, die kurz darauf auftaucht. Jedoch nicht, um den Mantel aufzuhängen (das muss man selbst erledigen), sondern um den Gast während des Ganges durchs Museum wie ein Schatten zu verfolgen.

Im Erdgeschoss kann alle sechs Monate eine andere Auswahl von Exponaten aus dem reichhaltigen Nachlass der Künstler besichtigt werden. Wann umgestellt wird, kann jedoch niemand sagen, „in ein paar Wochen“ ist die genaueste Auskunft.

Momentan sind Fotos und Zitate der berühmten Besucher dieses Hauses auf schön gestalteten Kartonplatten zu sehen. Doch erfordert es Geduld, die langen Texte auf Russisch zu lesen. Nur die Bildbeschriftungen sind auch auf Englisch.

Künstlertreffpunkt: Große Namen gingen hier ein und aus



Hat man sich ein wenig in die Ausstellung vertieft, beginnt die Geschichte dieser Räume aufzuleben. Hier haben sich in den 10er und 20er Jahren die Großen der russischen Kunstszene getroffen, diskutiert und gearbeitet. Bekannte Namen wie Malewitsch, Majakowski, Filonow und Chlebnikow verkehrten hier. Alltagsgegenstände, zum Beispiel ein an der Decke hängendes Klappbett und Arbeitswerkzeug zeugen von der Atmosphäre eines Künstlertreffpunktes.

An den Wänden hängen Gemälde des Hausherrn und seiner Frau, die sich anscheinend leidenschaftlich gerne gegenseitig porträtierten. Viele Landschaftsbilder zeugen auch von den Reisen des Paares. Interessant sind auch die vielen Entwürfe: Das Museum bietet gekonnt auch einen Einblick in die Entstehungsweise von Kunst.

Viel intellektuell verspielter Kleinkram



Skizzen, Spielzeug, kleine Objekte - im Matjuschin-Haus gibt es viel zu entdecken.
Skizzen, Spielzeug, kleine Objekte - im Matjuschin-Haus gibt es viel zu entdecken.
Im oberen Stock befindet sich eine Dauerausstellung. Hier liegt das Wohn- und Arbeitszimmer Matjuschins. Zu sehen ist auch die vergleichsweise bescheidene Arbeitsecke seiner Frau. Erst hier wird einem bewusst, wie vielseitig die künstlerische Tätigkeit dieses Paares war: Schnitzereien, Bilder, Noten, Gedichte, Bücher – kaum eine Kunstform, in der sie sich nicht versuchten.

Kunst schien in ihrem Alltag allgegenwärtig zu sein – nicht ein Wandschränkchen, das nicht bemalt wurde. Guro entwarf auch als bekannte Schriftstellerin Kinderspielzeug und Matjuschin verpasste jedem Staubfänger seine eigene Note, indem er ihn ergänzte oder umgestaltete.

Die Museumswärterin plaudert aus dem Nähkästchen



Durch das Auftauchen einer zweiten Besucherin fühle ich mich nicht mehr ganz so einsam und meine stumme Verfolgerin taut ein wenig auf und beginnt mich mit kleinen Anekdoten zu unterhalten. So erfahre ich zum Beispiel, dass Matjuschins Kinder nie hier lebten, sondern im Ausland aufwuchsen, dass eine Tochter heute in der Ermitage arbeitet und ähnliche Details. Man könnte glauben, die Aufseherin sei eine enge Freundin des Künstlers gewesen.

Jetzt wird auch die eigentliche Funktion der Dame klar: Weil der Platz so knapp ist, beginnt sie nun, die doppelten Wände zu verschieben, um eine zweite Schicht mit Exponaten sichtbar zu machen.

Sie scheint auch für die Werbung zuständig zu sein: Besucher werden aufgefordert, bald wieder zu kommen und eine Führung für nur 200 Rubel, egal wie groß die Gruppe ist, zu buchen. Sie macht das so charmant, dass man es durchaus in Erwägung zieht.
Denn die wenigen Besucher hier bekommen durchaus den Eindruck, zu einem erlesenen Kreis zu gehören – so wie es zu Matjuschins Zeiten war, wenn man dieses schöne Haus betreten wollte.


(Pascale Siegrist/SPZ)


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