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Galeristin Konowalowa in ihrer Galerie - der ganzen. (Foto: eva/rufo)
Galeristin Konowalowa in ihrer Galerie - der ganzen. (Foto: eva/rufo)
Montag, 17.09.2007

Kunst durchs Guckloch: Eine Galerie in der Tür

St. Petersburg. Seit 2006 präsentiert Jewgenia Konowalowa in ihrer kleinen Galerie zeitgenössische Petersburger Künstler. Diese befindet sich hinter einer Tür, die nirgendwohin führt, aber trotzdem als Zugang dient.

In Russland haben Türen einen besonders starken Symbolgehalt. Hier, wo es noch immer ein Privileg ist, seine eigenen vier Wände zu besitzen, symbolisieren sie vor allem die Grenze zwischen öffentlichem Leben und Intimsphäre, zwischen Heimat und Heimatlosigkeit.

Eine der wenigen, die sich am Kampf um „die eigene Tür“ nicht beteiligt, ist Jewgenia Konowalowa. Sie kam 1986 aus dem südrussischen Wolgograd nach Leningrad und hat bis heute keinen festen Wohnsitz, außer der theoretischen Niederlassung im Studentenheim, in dem sie damals registriert wurde.

Sie ist stets auf der Wanderschaft und lebte mehrere Jahre in einem Abbruchhaus. Als sie und ihre Mitbewohner eines Tages auf die Straße gesetzt wurden, nahmen sie ihre Tür mit. „Wir kamen nach Hause und sahen, dass das Haus durchsucht und alle Türen aufgebrochen worden – da wollte ich wenigstens die Tür mitnehmen“, erzählt sie. Sie beschloss, die Tür zu einem Teil ihres Lebens zu machen und eine Idee umzusetzen, die ihr schon lange im Kopf herum gegangen war: die Türengalerie.

Der Türspion funktioniert verkehrt rum



Im legendären Petersburger Kulturzentrum „Puschkinskaja 10“, wo sie in den 90ern vier Jahre lang einen Atelierraum unterhielt, fand sie im Treppenhaus einen Standplatz. Noch bevor die kleine Galerie eröffnet worden war, erregte die Tür großes Aufsehen. „Es war lustig – ich traf immer wieder Leute, die dachten, hinter der Tür sei wirklich eine Wohnung“, meint Konowalowa schmunzelnd.

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Tatsächlich macht die solide Eisentür mit robustem Riegel einen seriösen Eindruck. Befände sie sich nicht in einem Kulturzentrum, müsste man dahinter mindestens einen pensionierten Milizgeneral vermuten. Doch schon wer sich den Türspion näher besieht, muss misstrauisch werden – er ist nämlich verkehrt montiert, innen ist außen! Wer hindurch blickt, bekommt in der Fischaugenperspektive einen Teil der Ausstellung im Innern zu sehen, die von Neonröhren beleuchtet wird.

Viele Künstler drängen in die kleine Tür



Das Konzept der kleinen Galerie ist schnell erklärt: Konowalowa zeigt vor allem Arbeiten zeitgenössischer Künstler, und das im Abstand von drei bis vier Wochen. Da sie viel in der Petersburger Kunstszene unterwegs ist, lernt sie immer wieder Leute kennen. „Ich habe keine Probleme, Ausstellungen zu organisieren, der Andrang ist groß“, so Konowalowa.

„Ursprünglich wollte ich vor allem Objekte und Installationen zeigen, weil die Tür zusammen mit dem Lift selbst so etwas wie eine Installation bildet“, erklärt sie. „Aber momentan sind solche Kunstwerke eher in der Minderheit – ich möchte mich eben nicht zu stark festlegen.“ Schon denkt Konowalowa darüber nach, die Galerie mit Filmvorführungen zu erweitern, aber dann müsste sie ständig anwesend sein. Im Moment öffnet und schließt das Personal des Kulturzentrums ihre Tür.

Das Tagebuch der Großmutter ausgestellt



Eine der ersten Ausstellungen in der Tür war das Tagebuch ihrer ukrainischen Großmutter, das sie geerbt hat. Diese stammt aus einer Bauernfamilie und hatte nur drei Jahre die Schule besucht. Ihre Notizen schrieb sie in einer krakeligen Schrift in einen Abreißkalender. „Das interessanteste daran ist, dass darin einfache Dinge, wie Einkäufe, Preise, das Wetter oder ihr Wohlbefinden, neben wichtigen Ereignissen, wie zum Beispiel dem Tod von Freunden oder Verwandten vermerkt sind“, erklärt Konowalowa.

Diese persönliche Geschichte wiederum kontrastiert mit dem Datum und den offiziellen Feier- und Gedenkdaten der Sowjetunion – etwa dem Todestag Lenins oder der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg auf dem Kalenderblatt. Eine besonders interessante Chronik ergibt der Kalender von 1990 – einem Schicksalsjahr der untergehenden Sowjetunion.

Vom Maschinenbaukombinat an die Kunstakademie



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Auch Konowalowas Lebenslauf ist stark geprägt von der Zeit des Umbruchs. Sie durchlief ursprünglich eine Ausbildung als Computertechnikerin und trat zur Arbeit in einem großen Maschinenbaukombinat in Wolgograd an. „Aber ich habe keinen einzigen Tag auf meinem Beruf gearbeitet“, erzählt sie lächelnd. „Wir haben die ganze Zeit Plakate und Anweisungstafeln für die Fabrikbelegschaft gemalt.“ Nach Petersburg gelangte sie auf Einladung von Freunden, und er gefiel ihr so gut, dass sie blieb.

Vier Jahre besuchte sie die konservative Repin-Kunstakademie als Hörerin in verschiedenen Malklassen. Als reguläre Studentin, wäre sie niemals angenommen worden, zu sehr schlug sie aus der Art. „Bei offiziellen Besuchen versteckte man meine Bilder.“ Danach setzte sie ihr Künstlerleben fort – einige Tage pro Monat als Putzfrau und Wohnungshüterin fürs Brot, die übrige Zeit malend.

Der Schritt zur Galeristentätigkeit war für Konowalowa ein logischer: „Nachdem ich lange für mich gearbeitet hatte, wurde mir bewusst, dass es wichtig ist, sich auch zu zeigen – darum begann ich Ausstellungen zu organisieren“, erklärt sie. „Außerdem macht es einfach Spaß!

Kunst und Künstler sind auf dem Rückzug



Die Türengalerie ist ihre Antwort auf den Platzmangel für Kunst in Petersburg. War es in den 90er Jahren noch einfach, Räume für die Kunst zu finden, so ist dies mittlerweise fast unmöglich. Heute unterhält Konowalowa ein Atelier in einem Industriegebäude, das jedoch nur begrenzt zugänglich ist. Kunst und Künstler sind in der „russischen Kulturhauptstadt“ auf dem Rückzug.

Auch Konowalowas nächstes Projekt ist deshalb eine Nische: eine Treibhaus-Galerie. „Darin leben die Künstler, die gehegt und gepflegt werden müssen wie Pflanzen und Blumen.“

(Eugen von Arb/SPZ)


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