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Auch der Sozialistische Realismus enthält so seine Feinheiten und versteckte Botschaften - zu studieren im Russischen Museum. (Foto: Russisches Museum)
Auch der Sozialistische Realismus enthält so seine Feinheiten und versteckte Botschaften - zu studieren im Russischen Museum. (Foto: Russisches Museum)
Mittwoch, 21.06.2006

St. Petersburg: Vier aktuelle Ausstellungs-Tipps

St. Petersburg. Im Russischen Museum ist eine Ausstellung der russischen Kunst der Vor-Perestroika-Zeit gewidmet. Die Eremitage zeigt bewegte Kunstwerke sowie das russisch-englische Projekt „The Rake’s Progress“.


Mit der Ausstellung "Zeit der Veränderung" versucht das Russische Museum die Zwischentöne im totalitären Kunstbetrieb der Sowjetunion in den Jahren 1960-1985 aufzuzeigen. Zweifellos gab es nach Stalins Tod bis zur Einleitung der Perestroika durch Gorbatschow immer wieder Phasen, in denen sich die kulturpolitische Doktrin des sozialistischen Realismus veränderte oder neu interpretiert wurde.

Sie entwickelten sich je nach Veränderungen in der politischen Führung oder Einflüssen aus dem Ausland - denn auch der eiserne Vorhang war manchmal durchlässiger als gemeinhin angenommen. Das Vorhaben, diesen "Block" sozialistischer Kunst aufzulösen und den Blick darauf zu sensibilisieren, ist ein wichtiger Schritt und eine große Herausforderung.

Sozrealistischer Ernst und fideler Humor


Tatsächlich staunt man bei einem Besuch im Korpus Benois nicht schlecht über die künstlerische Vielfalt, die sich einem bietet. Mit über zweihundert Bildern, Skulpturen und Grafiken wird ein sehr breites Spektrum an Künstlerinnen und Künstlern präsentiert. Zwar dominiert auf den ersten Blick jene offizielle Kunst, die man beim Stichwort "Sowjetunion" vor Augen hat.

Die Motive aus Partei, Revolution, Krieg Aufbau, Arbeit und Familie wurden bis zum Ende der Sowjetunion von Malern und Bildhauern gefordert, um anerkannt zu werden.

Doch zu ihnen gesellen sich – wie Kuckuckeier – Bilder, die von der offiziellen Linie abweichen und der Ausstellung Leben einhauchen. Der finstere, sozrealistische Ernst, der beispielsweise die Skulptur "Kamtschatkaer Fischer" von Dmitri Schachowski prägt, wird durch den frechen Sportradler aufgehoben, der im fidelen Gemälde "Morgen" von Wjatscheslaw Sagonek eine Gruppe von Bäuerinnen und Gänsen aufscheucht.

Auch stilistisch brechen jene "anderen" Bilder aus dem Bannkreis zwischen Impressionismus und Neuer Sachlichkeit aus – so zum Beispiel Mina Tschitscherinas "Selbstbildnis mit Stadt" oder Anatoli Saslawskis "September" mit expressionistischer Farbgebung und schiefer Perspektive. Damit taucht man tief in den Bereich des damals Nichterlaubten, Nichtgezeigten und Geächteten ein.

Die kunsthistorische Reflexion fehlt leider


Doch so erfreulich das große Spektrum ist, so problematisch ist es für die Besucher, sich ein Bild über die damalige Situation zu verschaffen. Denn außer Videos, welche einen allgemeinen historischen Hintergrund bieten, fehlt dieser Ausstellung jegliche Information über den Kunstbetrieb dieser Jahre. Was war wann erwünscht und erlaubt? Was war verboten oder wurde einfach nicht zur Ausstellung zugelassen? Welche Kunst fand nur im Untergrund statt?

Auf all diese grundlegenden Fragen gibt die Ausstellung keinerlei Antwort - es sei denn man wandert mit dem an Text und Bild reich ausgestatteten (und 1400 Rubel teuren) Katalog durch die Ausstellung. Der an sich schön komponierten Ausstellung - die noch bis in den September hinein geöffnet sein wird - fehlt es leider an kunsthistorischer Reflexion.

Tipp II: Kinetische Kunst in der Eremitage


Kinetische Kunst ist, wenn das Werk sich bewegt - oder das Hirn das nur glaubt (Foto: Eremitage)
Kinetische Kunst ist, wenn das Werk sich bewegt - oder das Hirn das nur glaubt (Foto: Eremitage)
Eine der lebendigsten und buntesten Ausstellungen ihrer Geschichte zeigt die Eremitage noch bis zum 25. Juli: Kinetische Kunst. Diese "bewegte" Kunstrichtung, deren Anhänger auch das Mobile erfanden, hat ihre Wurzeln zwar schon im Dadaismus und Futurismus.

Ihre Blüte erlebt sie jedoch in den 50er und 60er Jahren, als Künstler wie Alexander Calder mit ihren verspielten Werken bekannt wurden. Die Bewegung findet einerseits durch wind- oder maschinenbetriebene Elemente statt oder andererseits nur optisch-physikalisch in Form von Farb- und Formkompositionen, die das menschliche Auge irritieren. Die russisch-italienische Gemeinschaftsausstellung präsentiert rund fünfzig Arbeiten aus Italien, Russland, Lateinamerika, Frankreich, Jugoslawien und Deutschland.

Tipp III: „Der Werdegang eines Wüstlings“
Zeichnung aus Hockneys Version des Rake Progress. (Bild: Eremitage)
Zeichnung aus Hockneys Version des Rake Progress. (Bild: Eremitage)
So lautet die freie Übersetzung der Ausstellung im Foyer des Eremitage-Theaters – „The Rake’s Progress“. Mehr als 30 Ausstellungsstücke aus der Sammlung der Eremitage und des British Councils aus London sind noch bis zum 23. Juli zu besichtigen.

Dabei wurden Arbeiten dreier völlig verschiedener Künstler, der englischen Graphiker William Hogarth (1697-1764) und David Hockney (geboren 1937) sowie des Komponisten Igor Stravinsky (1882-1971) mit gutem Grund zusammengefasst: Sowohl in der Bilderserie des sozialkritischer Malers und Grafikers Hogarth als auch in Stravinskys Oper, beide mit dem Titel „The Rake’s Progress“, wird die Geschichte des Lebemanns Tom Rakewell erzählt, der sein Geld verspielt, Frauen vernascht, sich und seine Mitmenschen ruiniert und schließlich in der Psychatrie landet.

Dritter im Bunde ist David Hockney, der seit den frühen 60er Jahren internationale Anerkennung genießt. Sein erster Radierzyklus zu diesem Thema wurde 1963 veröffentlicht.

Tipp IV: Leben am Bosporus: junge türkische Fotografie


Von wegen nur Istanbul, Döner und Efes-Bier: Die Türkei, wie einheimische Fotografen sie sehen.
Von wegen nur Istanbul, Döner und Efes-Bier: Die Türkei, wie einheimische Fotografen sie sehen.
Brücke zwischen Orient und Europa, Land zwischen Islam und westlicher Kultur - solche Allgemeinplätze sagen wenig aus über das tatsächliche Leben in der Türkei. Eine andere Sprache spricht die Ausstellung „Junge türkische Fotografie“, die bis 30. Juni im Staatlichen Fotografiezentrum (Bolschaja Morskaja Uliza 35, täglich von 11-19 Uhr) zu sehen ist.

Hier gewähren zehn junge Türkinnen und Türken Einblicke in ihr Land, die über die gängigen Klischees von Döner und verschleierten Frauen hinausgehen. Vielmehr erzählen die Aufnahmen vom Meer, von den Menschen, ihrem Alltag und ihren Träumen, aber auch von Politik und Geschichte.

Besonders interessant: Gokhan Geziks Fotoreihe „Spassibo“, die das Erbe jener Russen zum Thema hat, die 1917 vor der Revolution flüchteten. Ein Tipp für alle, die die Türkei bisher nur als Ziel günstiger Pauschalreisen kennen – denn sie hat weit mehr zu bieten!

(-eva/.rufo-SPZ)


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