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Mekka der Architekten, Künstler, Komponisten und Dichter - und eine Stadt voller literarischer Helden

Willkommen auf der größten Baustelle Europas: Von Anbeginn schöpfte Petersburg seine Lebensgrundlage aus dem Zustrom frischer Geister und tätiger Hände von außen. Dem Rufe des Zaren Peter folgten viele Architekten aus Westeuropa, die für sich ein neues Tätigkeitsfeld suchten.

Zu den ersten gehörten Domenico Trezzini , Andreas Schlüter und Jean Baptiste Leblond. Noch zu Lebzeiten Peters kam Carlo Rastrelli mit seinem Sohn Bartolomeo nach Petersburg, und Letztgenannter sollte zum großen Meister des Russischen Barock in der Baukunst werden, wovon bis heute der Winterpalast, das Smolny-Kloster und der Katharinenpalast in Zarskoje Selo zeugen. Fürwahr konnten die Baumeister ihrer Phantasie freien Lauf lassen, denn Platz gab es mehr als genug.

"Tabula rasa" für kluge und mutige Köpfe

Alles war möglich. Kein Wunder, daß sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Carlo Rossi , dem Meister des Klassizismus, ein Mann fand, der nicht mehr nur einzelne Gebäude projektierte, sondern in ganzen Gebäudeensembles dachte, was der Platz der Künste und die Anlage des Alexandra-Theaters mit der dahinterliegenden Rossi-Straße aufs Beste beweisen.

Eine einzigartige Synthese der beiden großen Stile – Barock und Klassizismus - stellt bis heute der Schlossplatz dar, auf dem sich Rastrellis Winterpalast und Rossis Generalstabsgebäude in ungeahnter Harmonie ergänzen.

Im sechsten Hinterhof links im Keller...

Aber wie alles in Petersburg, hat auch die prachtvolle Gala-Bebauung ihre Schattenseiten. Die Zeiten des "großen Stils" wichen dem Eklektizismus. Die rasch einsetzende und sich rasant entwickelnde Industrialisierung zog immer neue Arbeitskräfte in die Stadt, für die große und vielstöckige Wohnhäuser errichtet wurden.

Diese "Mietskasernen" mit ihren aneinandergereihten Höfen, einer dunkler und enger als der andere, mit den vermieteten Zimmern und "Ecken" in diesen Zimmern (man mag sie als Vorläufer der berüchtigten "Kommunlwohnungen" sowjetischer Zeit, der "Kommunalkas" ansehen) brachte das "andere" Petersburg hervor - die Stadt der Armen , der "Erniedrigten und Beleidigten". Die Stadt der auf der Strecke Gebliebenen. Kurzum: der typischen Helden Dostojewskis. Dabei ist Petersburg nicht einfach Kulisse ihres Lebens und Leidens, sondern oft aktiver Teilnehmer am Geschehen.

Ein Held der Literatur par excellence

Petersburg ist eine durch und durch literarisierte Stadt. Wo sonst würde sich vollen Ernstes eine ganze literaturwissenschaftliche Richtung mit dem Auszählen der 730 Schritte von Dostojewskis Held Raskolnikow aus "Schuld und Sühne" bis zum Haus der Wucherin befassen, um dann vollen Ernstes zu behaupten: nur dieses eine Haus kann es gewesen sein, und da im 3. Stock hat die Alte gewohnt, und dort im Torbogen hat der Bösewicht das Beil hinterlassen...

Anhand der Literatur kann man nachvollziehen, welche Rezeption Petersburg durch die Zeiten erfahren hat und welchen Modifizierungen diese unterlag.

Es beginnt mit den Oden des 18. Jahrhunderts von der "stolzen, glänzenden Metropole eines erstarkten Reiches" und erreicht einen ersten Höhepunkt mit Puschkins 1833 entstandenem Poem "Der Eherne Reiter", in dem die "besiegte Naturgewalt" in Gestalt der Newa zu einem Angriff auf die Stadt ansetzt.

Inspiriert ist "Der Eherne Reiter" von der verheerenden Überschwemmung im November 1824. Puschkin thematisiert den unlösbaren Konflikt zwischen den "großen" Staatsinteressen und den "kleinen Leuten". Dies Werk legte den Grundstein zu der eigenständigen Gattung der "Petersburger Literatur".

Es folgen die düsteren Prophezeiungen des Untergangs des "Petersburger Imperiums" in der düster-ahnungsvollen Umbruchszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wenn im Roman "Petersburg" von Andrej Belyj das Wasser "bazillengeschwängert" schäumt und Schatten über die Brücken von den Inseln ins Zentrum huschen, um Bomben zu legen - dann scheint die Zeit nahe zu sein, in der der "Antichrist" sich zur Herrschaft aufschwingen wird.

Bei allem Pathos literarischer Bilder - in gewisser Weise sollten die feinfühligen Künstler des Wortes Recht behalten.

Die große Blüte vor dem grandiosen Untergang

Anna Achmatowa
Anna Achmatowa
Doch zuvor kam es noch zu einem ungeahnten kulturellen Aufschwung, der unter dem Namen "Silbernes Zeitalter" in die Geschichte einging.

Eine Zeit des Experiments in Kunst und Literatur begann, die bis in die 20er Jahre anhielt, bevor sie von den engstirnigen Dogmen der neuen sowjetischen Staatsideologie erdrosselt werden sollte.

Es war eine produktive, kreative Zeit, in vielem provoziert, angespornt und genährt von der Vorahnung des heraufziehenden politischen und gesellschaftlichen Umbruchs.


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Es war wie ein Tanz auf dem Vulkan, dessen brodelnder Mittelpunkt natürlich Petersburg war. Die Künstler der "Welt der Kunst" und Dichter wie Anna-Achmatowa, Alexander-Blok und Wladimir Majakowski stehen stellvertretend für eine ganzes Gestirn begabtester Köpfe. In Architektur und Interieur brachte der Jugendstil mit seinen fließenden, asymmetrischen Formen den unruhigen Zeitgeist zum Ausdruck. In Petersburg gibt es (besonders auf der Petrograder Seite) einige ausgezeichnete Beispiele für diesen Stil in der Baukunst.



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Auf einem Relief im Giebel der Petersburger Isaakskathedrale hat sich der Baumeister des Gotteshauses selbst verewigt: Herr Montferrand hält sein monumentales Werk zärtlich im Arm. (Topfoto: Brammerloh/.rufo)



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