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St.Petersburg, Petrograd, Leningrad und Piter:
Revolutionen, Repression, Blockade, Freigeist und Reform

Die Niederlage im Krieg gegen Japan brachte 1905 die brodelnde Unzufriedenheit im Lande zum Ausbruch. In Petersburg wurde am berьhmten "Blutsonntag" eine friedliche Demonstration zusammengeschossen, die mit einer Bittschrift an den Zaren ьber die Erleichterung der schweren Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft vor den Winterpalast gezogen war. Es kam zur ersten russischen Revolution.

Zar Nikolaus II. war gezwungen, mit der Staatsduma ein (in seinen Befugnissen allerdings sehr eingeschränktes) Parlament zuzulassen. Die Revolution wurde niedergeschlagen, und für wenige Jahre schien im Lande wieder Ruhe einzukehren, begleitet von einem ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung.

Krisen und Kriege

Doch mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges offenbarte sich die innere Schwäche des rückständigen Zarenreiches. Russland erlitt wiederum vernichtende Niederlagen. Die Unruhe wuchs ins Unermessliche, Streiks lähmten das ganze Land, und Nikolaus musste nach der Februarrevolution 1917 abdanken.

Das entstehende Machtvakuum nutzten die linksgerichteten Bolschewiki, die im Oktober 1917 nach dem "Sturm auf das Winterpalais" an die Macht kamen.

Der Krieg dauerte damals noch fort, und unter dem Vorwand der "Frontlage" von Petrograd (so hatte noch Zar Nikolaus seine Hauptstadt umtaufen lassen, damit sie keinen deutschklingenden Namen trägt) zog die Sowjetregierung unter Lenin im März 1918 nach Moskau um.

Im nachhinein war die Verlegung der Hauptstadt nur folgerichtig, denn das nun erwachsende totalitäre Regime der "Diktatur des Proletariats" konnte nichts weniger brauchen, als den Freigeist und die Unstetigkeit der Stadt an der Newa.

Für Petersburg war es das Aus als Hauptstadt und der Beginn eines jahrzehntelangen Dämmerns in erzwungener Isolation und Provinzialität.

So viele Namen...

Städte entstehen, irgendwann bekommen sie einen Namen, und den tragen sie mit sich, solange es sie gibt. So wie die Menschen. Nicht so Petersburg.

Der für russische Ohren ungewohnte "deutsche" Name mußte 1914 zu Beginn des Krieges gegen Deutschland dem russifizierten Petrograd weichen. Knapp zehn Jahre später, wenige Tage nach Lenins Tod, wurde daraus Leningrad.
Es wollte scheinen, als ob die Stadt nach allen Umwälzungen nun auch noch durch den Verlust ihres angestammten Namens einer Entwurzelung anheimfiel, in der sich in gewisser Weise Belyjs Verdikt "Wenn Petersburg nicht Hauptstadt ist, dann gibt es kein Petersburg" verwirklichte.


In sowjetischer Zeit setzte dann eine wahre Straßen-Umbenennungs-Manie ein, auf die der immer schon spezifische Petersburger Humor in den 30er Jahren mit fatalistischen Scherzen wie "Treffen wir uns Ecke 25. Oktober und 3. Juli" zu antworten wußte, wenn man sich an der Ecke Newski Prospekt und Sadowaja-Straße verabredete. Außer dem Galgenhumor war den Bewohnern nicht viel geblieben.

Die Rache Stalins an der freigeistigen, unbotmäßigen Stadt

Wie sollte eine Stadt, die als "Fenster nach Westen" gegründet wurde und für die Offenheit und internationale Kommunikation zur Lebenslegitimation geworden war, in einem autoritären, auf Geschlossenheit und Einheitlichkeit pochenden Staat bestehen?

Kundgebung 1924
Kundgebung 1924
Und wie würde dieser totalitäre Staat solche eine Freigeistigkeit dulden? Er tat es nicht, und für Leningrad folgten Jahrzehnte der Erniedrigung und des Kampfes ums Überleben.

Die Stadt rief von Anfang an den Argwohn der Moskauer Führung hervor, und alle Stalinschen Säuberungen der 20er und 30er (und auch noch der 40er) Jahre waren hier am schmerzlichsten zu verspüren - sei es die Kampagne gegen den Parteichef Sinowjew, die Ausweisung der "Ehemaligen" (sprich der vorrevolutionären Intelligenz und des Adels) oder die massenhaft einsetzenden Repressionen nach der Ermordung von Kirow im Dezember 1934, die im Endeffekt den Auftakt zu den "großen Säuberungen" ab 1937 bildeten.

Hitler wollte den Schlußpunkt setzen

Zum absoluten Höhepunkt der Prüfungen im 20. Jahrhundert wurde die Belagerung durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Hitlers erklärtes Ziel war die Vernichtung von Leningrad, eine eventuelle Kapitulation sollte nicht akzeptiert werden.

Die fast 900tägige Blockade währte von September 1941 bis Januar 1944. Ihr fielen weit mehr als eine Million Menschen zum Opfer.

Die meisten starben an Hunger, denn im Winter 1941/42 sank die Brotration auf 125 Gramm pro Tag. Hinzu kam eine unerträgliche Kälte von bis zu 40 Grad Frost. Die Strom- und Wasserversorgung brach zusammen, der öffentliche Verkehr kam zum Erliegen. Die Stadt verwandelte sich in eine Eiswüste. Es war, als solle sich der Gründungsmythos vom Untergang Petersburgs nun doch noch bewahrheiten.

Die Stadt überlebte, trotzte allen Widrigkeiten, auch groben und wahrscheinlich vermeidbaren Fehlern bei der Organisation der Verteidigung auf sowjetischer Seite.

Wie sieht ein Überlebender aus...

Leningrad siegte, konnte überleben. In den 50er Jahren begann der massenhafte Zuzug von Arbeitskräften aus dem ganzen Land.

Die Stadt gewann neue Kraft, aber doch war nach allen Peripetien etwas zerbrochen, was man als den "Geist des Ortes" (Genius loci) bezeichnen könnte. Bis heute kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Einwohner und Stadt einander fremd sind, ein voneinander unabhängiges Leben führen.

Vielleicht ist diese Entfremdung von sich selbst das Schicksal aller modernen Großsiedlungen, in Petersburg spürt man es jedoch auf ganz ungewöhnliche Weise. Besonders zur Zeit der geheimnisvollen "Weißen Nächte", wenn in den dämmerungshellen Nächten eine ganz besonders feierliche Atmosphäre herrscht, scheint das Wesen Petersburgs selbst sich seinen Raum zurückzuerobern, der unter der Hetze der Alltagsmühen verschüttet bleibt.

Vielleicht ist deswegen die Entfremdung zwischen der Stadt, ihrer Geschichte und ihren Bewohnern in Moskau, wo es die identitätsstiftenden Weißen Nächte und die Stärke des Stadtmythos' nicht gibt, so viel krasser und schroffer zu fühlen.

Neues Erwachen, neue Suche nach Identität

Bis in die späten 80er Jahre blieb die Identität der Stadt im sozialistischen Grau verborgen. Man hatte sich, wie überall im Land, mehr schlecht als recht arrangiert. Es gab die sowjetische (immer ärger bröckelnde) Fassade, und es gab die illegalen Konzerte, Dichterlesungen und Künstlerausstellungen, die "Küchendiskussionen" bei laufendem Wasserhahn (damit das Abhören nicht so einfach war), die Veröffentlichungen im Selbstverlag (Samisdat) .

Dann begann die Öffnung, ein frischer Wind kam durch das so lange zugenagelte Fenster an der Ostsee.

Anatoli Sobtschak 1991
Anatoli Sobtschak 1991
Während des kommunistischen Putschversuchs im August 1991 zeigten die Leningrader mit ihrem mutigen Bürgermeister Anatoli Sobtschak in Großkundgebungen ihre feste Entschlossenheit zur Verteidigung des gerade begonnenen Demokratisierungsprozesses, ihrer Unabhängigkeit und Freiheitsliebe.

Einen Monat später kehrte auch der historische Stadtname zurück, für den sich in einem Referendum eine Mehrheit der Bewohner ausgesprochen hatte. Ganz sicher ist es ein anderes St. Petersburg, umgeben von dem anonymen Leningrad der "Schlafstädte" um das historische Zentrum herum.

Bei Russland-Aktuell
• Wie Peter sein "Piterburch" aus dem Sumpf stampfen ließ: Von der Festung zur europäischen Metropole
• Mekka der Architekten, Künstler, Komponisten und Dichter - und eine Stadt voller literarischer Helden
"Petersburg Nr. 2" könnte man es nennen. Eine Stadt auf der Suche nach neuer Identität, nach neuem Sinn. Oft noch gefangen in den endlosen Problemen der Überwindung des alten Regimes, aber auf dem Weg. Wohin mag er führen?



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Eine Hommage an den russischen Winter: Eiskerzen auf dem zugefrorenen Krjukow-Kanal in St. Petersburg. (Topfoto: Wassiljewa/.rufo)

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