Samstag, 09.04.2005

Architekturmuseum unter freiem Himmel

Spiegelbild Versailles: Die Sommerresidenz Peterhof verrät das Vorbild der Romanows - die Weltmacht Frankreich. (Foto: Eugen von Arb)
Grundlegendes kulturelles Element der Stadt St. Petersburg ist ihre Architektur, die mit der Gründung 1703 und in den Folgejahren auf Sumpfland gebaut wurde. Wichtige ausländische Städte- und Festungsplaner legten den Grundstein für ein einzigartiges Sammelsurium von Baustilen, das heute einen weltweiten Ruf als „Architekturmuseum unter freiem Himmel“ genießt.
Die generalstabsmäßige Stadtplanung, mit der die junge Stadt im Norden aufgebaut wurde, verleiht ihr noch heute eine einzigartige Übersichtlichkeit und Geschlossenheit.

Peter der Große und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger holten die bekanntesten Baumeister nach Petersburg, das dadurch einen für Russland einzigartigen europäischen Charakter erhielt.

Goldene „Nadelspitze“ als Wahrzeichen

Die von weitem sichtbare goldene „Nadelspitze“ der Peter-Pauls-Festung, deren Baumeister Domenico Giovanni Trezzini (1670-1734) auch den ersten Stadtplan entwarf, bezeichnet den Anfangspunkt von Peterburgs Baugeschichte. Die strategisch-militärischen Interessen wurden jedoch schon bald durch den Wunsch nach Repräsentation durch Prunk und Schönheit nach westeuropäischem Vorbild verdrängt.

Mit ihren Palästen machte die russische Aristokratie den Anfang in der Petersburger Architekturgeschichte, die stellvertretend für jede folgende Epoche großartige Beispiele an Baukunst enthält: Die Eremitage sowie die Zarenresidenz Zarskoje Selo von Bartolomeo Francesco Rastrelli (1700-71) sind prägende Beispiele für die Zeit von Barock- und Rokkoko.

Die kaiserliche Sommerresidenz Peterhof am Finnischen Meerbusen, sein wohl prachtvollstes Bauwerk, ist das reine Spiegelbild von Versailles. Sie steht stellvertretend für den Willen der Romanows, in Russland eine absolutistische Herschaft aufzubauen, die jener des französischen Sonnenkönigs in Punkto Glanz und Größe in Nichts nachstand.

Empire: Ausrichtung auf Weltmacht Frankreich

Die Ausrichtung nach dem Beispiel der Weltmacht Frankreich ist auch später in der Übernahme von Napoleons Empire-Stils erkennbar. Mit einer ganzen Reihe von Bauten in diesem Stil, dem Generalstabs-Ensemble, dem Michael-Palast, dem Alexandrinski-Theater sowie der nach ihm benannten Strasse „Uliza Sotschewo Rossi“ prägte Karl Rossi (1775-1849)das Zentrum der Stadt wesentlich.

Antonio Rinaldis (1710-1794) in schwerem Graubraun gehaltenes Marmorpalais am Newaufer präsentiert eine typisch frühklassizistische Fassade, während die mächtige Kasaner Kathedrale am Newski Prospekt, gebaut von Andrej Woronichin (1759-1814), den Hochklassizismus vertritt.

Die Attribute der Eklektik prägen Bauten wie das Museum Baron Stieglitz bei der Akademie der Schönen Künste, und der Jugendstil ist mit vielen Bauten in den zentralen Bezirken vertreten, so zum Beispiel dem berühmten Singer-Haus (Pawel Sjusor) mit seiner pikanten Glaskuppel am Newski-Prospekt.

Avantgarde, Konstruktivismus und Stalin-Architektur haben die Stadt, in der seit je her eine strikt eingehaltene Bauhöhe für Neubauten vorgeschrieben wurde, bedeutend weniger geprägt als die neue Hauptstadt Moskau.
Der Palast der Sowjets (Noj Trotzki) und die turmverzierten Wohnbauten entlang des Moskowski-Prospekt (Grigori Simonow) sind gigantische Erinnerungsstücke an die Zeit des Sozialismus.

(eva/.rufo)