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Die Marine-Kathedrale ist das weithin sichtbare Wahrzeichen von Kronstadt (Foto: jw/SPZ)
Die Marine-Kathedrale ist das weithin sichtbare Wahrzeichen von Kronstadt (Foto: jw/SPZ)

Kronstadt: Strandträumereien und Festungswälle

Wer es bei Sommerhitze den Petersburgern gleichtun und vor Staub und Abgasen fliehen will, muss nicht unbedingt die Parks der Zarenresidenzen im Süden der Stadt ansteuern. Kann man der wahren Ruhe zuliebe auf die Schönheit königlicher Lustschlösser verzichten, so darf der Ausflug auch nach Nordwesten führen – auf die Insel Kotlin mit ihrer historischen Marinebasis Kronstadt.

Schnell lässt die „Marschrutka“ die Stadt hinter sich, bald tauchen entlang der Ausfallstraße die ersten Datschensiedlungen auf. Mit einer eleganten Schleife über ein Autobahnkreuz biegt der Bus bei Gorskaja auf den zehn Kilometer langen Damm zur Insel Kotlin ab. Der als Hochwasserschutz gedachte, aber in seiner geplanten vollen Länge quer über den Finnischen Meerbusen bis heute nicht fertig gestellte Damm stellt die einzige Landverbindung nach Kronstadt dar.

Im Südteil, der von der Insel bis nach Lomonossow (Oranienbaum) führen soll, klaffen derzeit noch gewaltige Lücken. Seit dem Beginn der Bauarbeiten in den 80er Jahren ging immer mal wieder das Geld aus. Trotzdem will die Stadtregierung das gewaltige Bauvorhaben, bis 2010 beendet haben. Dann soll über den Damm auch ein Teil der Petersburger Ringautobahn führen – womit die stille Isolation Kronstadts wohl ihr Ende finden wird.

Derzeit allerdings sehen die zwei Schleusen im Nordteil des Dammes eher so aus, als bedürften sie einer dringenden Restaurierung, und gewaltige Bruchstücke einer Brücke stehen orientierungslos auf dem aufgeschütteten Kies wie Spielzeuge eines Riesen.

Am Scheideweg: Strand oder Stadt?


Wie hinkommen:
Von der Metrostation Staraja Derewnja fährt der Bus Nummer 510 etwa halbstündlich auf die Insel Kotlin. Ein bisschen suchen muss man schon – der Bus versteckt sich auf dem großen Parkplatz hinter dem „Pjatorotschka“-Supermarkt, abseits von den anderen Marschrutki-Bussen. Der 510er bringt seine Fahrgäste in rund 40 Minuten bis ins Zentrum von Kronstadt. Alternativ fahren auch von den Metrostationen Tschornaja Retschka und Prospekt Prosweschennija Minibusse mit der Nummer K-405 bzw. 406 nach Kronstadt.
Am bequemsten (und nicht einmal sehr teuer) sind allerdings die Tragflügelboote \"Meteor\", die in den Sommermonaten vom Anleger vor der Eremitage nach Kronstadt abfahren.

Auf Kotlin angekommen, muss der Besucher sich schnell entscheiden: Wer die Ruhe sucht, sollte – bevor der Bus an der ersten Kreuzung in Richtung Stadt abbiegt –aussteigen und seinen Weg zu Fuß nach rechts einschlagen, um zu den zahlreichen Stränden der Insel zu gelangen. Auf einer wenig befahrenen Teerstraße schlängelt sich der Weg durch Wald und Sumpf. Von Zeit zu Zeit sieht man von Grünzeug überwucherte alte Wehranlagen und Militärgebäude entlang der Straße. Die Schilder „Zutritt verboten“ und „Achtung, es wird geschossen“ sind durchaus zu beachten – „alt“ ist hier keinesfalls gleichzusetzen mit „stillgelegt“.

Ein weitläufiger Friedhof im Wald rechts der Straße erinnert mit seinen blank geputzten Grabmalen und grellen Plastikblumen an eine in die Gegenwart gezauberte Märchenkulisse. Natürlich darf in einer Garnisonsstadt ein Ehrenmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Kronstädter Marinesoldaten hier nicht fehlen.

Einsame Strände sind auf der Insel Kotlin fast garantiert (Foto: jw/SPZ)
Einsame Strände sind auf der Insel Kotlin fast garantiert (Foto: jw/SPZ)
Nach etwa vierzig Minuten Spaziergang hat der Erholungssuchende die Qual der Wahl, denn Kotlins Westspitze besteht aus wenig mehr als Strand, Strand und Strand. Kleine, spärlich mit Schilf bewachsene Buchten links und rechts der Straße laden zum Picknicken ein – und wenn auch viele Petersburger diese Möglichkeit schon wahrnehmen und mit Grill und Schaschlikspießen angerückt sind, so findet sich doch immer noch ein ungestörtes Plätzchen zum Dösen, Baden oder Himbeeren Pflücken. An der Spitze der Insel vereinigen sich Nord- und Südufer zu einem beeindruckenden Wüstenstreifen, der langsam ins Meer ausläuft. Küstenseeschwalben und Möwen sind hier in ihrem windigen Element.

Sightseeing im einstigen Sperrgebiet


Ausgeruht und erlebnishungrig geht es danach zurück auf die andere Seite der Insel. Mit Glück erwischt man einen der wenigen Busse, die vom Strand nach Kronstadt fahren, ansonsten muss man an der Kreuzung eine Marschrutka anhalten. Durch Reste der einstmals imposanten Festungsmauern führt die Straße in die Stadt, die bis heute ein Stützpunkt der russischen Flotte ist. Bis 1997 durfte man Kronstadt nur mit einem offiziellen Passierschein betreten, Ausländern war der Zutritt zum militärischen Sperrgebiet gänzlich untersagt.

Bei Russland-Aktuell
• Stadt zahlt Tragflügelboot-Linie nach Kronstadt (30.09.2008)
• Techno-Festival lässt Kronstadt beben (23.07.2004)
• Kronstadt ist 300 – Hurra! (18.05.2004)
• Dammbau nimmt zum dritten Mal Anlauf (08.07.2003)
• Der Kreuzfall von Kronstadt (08.08.2002)
Busse und Marschrutki halten gegenüber des „Gostiny Dwor“. Wie das Vorbild am Petersburger Newski ist das Gebäude ebenfalls imposant und gelb-weiß, aber ungleich baufälliger. Als „historisches und kulturelles Denkmal von staatsweiter Bedeutung“ soll das 1834 fertig gestellte Kaufhaus seinem Namensvetter in der großen Stadt bald in nichts nachstehen. Zum 300. Stadtjubiläum, das Kronstadt 2004 feierte, waren die Restaurationsarbeiten allerdings nicht geschafft. Und heute sieht es so aus, als würde der Gostiny Dwor erst zum nächsten runden Geburtstag Kronstadts in neuem Glanz erstrahlen.

Neben dem weitläufigen Marktgebäude erstreckt sich ein kleiner Platz mit einem Springbrunnen, in dem bei Sommerhitze gerne einige Kinder Abkühlung suchen. Eltern und Großeltern genießen derweil auf den Bänken um den Platz herum den Schatten. Linkerhand führt die Sowjetskaja-Straße und parallel dazu die Flaniermeile des Sowjetski Park am Obwodny Kanal entlang bis zur Sowjetski-Brücke.

Während rechts hinter dem Kanal die mächtigen Mauern der Admiralität empor ragen, erblickt man gegenüber das gelb-weiße Offiziershaus. Alexander Popow, der Entdecker der Radiowellen, hat hier Vorlesungen gehalten. Dem Leben und den Leistungen des Physikers ist auf der anderen Seite der Admiralität deshalb ein Museum gewidmet.

Eine Kathedrale wie ein Berg in der Ostsee


Rechts über die Brücke und an einem Denkmal für die Oktoberrevolution vorbei, dessen Kanonenläufe sich über den Kanal hinaus strecken, betritt man den weitläufigen Jakornaja-Platz vor der Meeres- oder Marine-Kathedrale. Die wuchtige Kirche, über 70 Meter hoch, diente nach ihrer Erbauung 1913 nur kurze Zeit ihrem eigentlichen Zweck, bevor sie 1929 von den Sowjets in einen Offiziers-Club und später in ein Kino umgewandelt wurde. Dabei ist es bis heute geblieben.

Besichtigt werden kann in der Kathedrale lediglich das Militärmuseum auf der Empore. Wie bei ihrem Vorbild, der mächtigen Hagia Sophia in Istanbul, kommen in den Erkern an der Außenseite unter dicken Schichten von Farbe langsam wieder die ursprünglichen Mosaiken zutage. Wann jedoch das Bauwerk wieder seinem ursprünglichen Zweck zugeführt werden kann, hängt – wie immer – vom Geld ab.

Jede Menge Marine-Monumente


Die Kathedrale und das Makarow-Denkmal (Foto: ld/rufo)
Die Kathedrale und das Makarow-Denkmal (Foto: ld/rufo)
Am Rande des Exerzierplatzes vor der imposanten Kathedrale finden sich mehrere Denkmäler. Das wohl schönste von ihnen ist das Monument für den Flottenadmiral und Hafenkommandanten von Kronstadt, Stepan Makarow. Dieser machte sich als Militär, Wissenschaftler und Weltumsegler einen Namen, bevor er 1904 im russisch-japanischen Krieg mit seinem Schiff „Petropawlowsk“ auf eine Mine fuhr und mit Mann und Maus unterging. Auf dem granitenen Sockel der Statue sind in liebevoller Detailtreue wichtige Ereignisse aus dem Leben Makarows dargestellt.

Nicht weit von dem heroischen Admiral entfernt brennt inmitten einer flachen, gespaltenen Marmor-Pyramide die ewige Flamme für diejenigen Kronstädter, die während der Revolutionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihr Leben ließen. Kronstadt war damals ein Zentrum der kommunistischen Bewegung und die wichtigsten Ereignisse fanden stets unter Führung oder Beteiligung der Kronstädter Matrosen statt.

Umso härter traf es die Stadt im Jahre 1921, als ein spontaner Aufstand gegen die Politik der Bolschewiken blutig niedergeschlagen wurde. Die Matrosen von Kronstadt, die Trotzki nach der Oktoberrevolution noch als „Stolz und Ruhm der russischen Revolutionen“ bezeichnet hatte, wurden zu Tausenden ermordet, eingekerkert oder davon gejagt.

Auch hier: Peter-Denkmal und ein Sommergarten


So liebte es Zar Peter: Er beaufsichtigt, andere schuften zu seinen Füßen (foto: ld/rufo)
So liebte es Zar Peter: Er beaufsichtigt, andere schuften zu seinen Füßen (foto: ld/rufo)
Hinter der Kathedrale geht es über eine Brücke in den Kronstädter Sommergarten. Der ist zwar nicht so prunkvoll wie der Petersburger, doch ebenso wohltuend grün und lädt auf verschlungenen Wegen zum Bummeln ein. Hier wie auch im weiter Richtung Hafen gelegenen Petrowski-Park stößt man auf zahlreiche Denkmäler. Schließlich gelangt man zu einer Statue des Namensgebers und Stadtgründers Peter des Großen, der hier weit über den mittleren Hafen blickt. In selbigem kann man – hübsch der Größe nach aufgereiht – einen kleinen Teil von Russlands baltischer Flotte liegen sehen.

Über das Peter-Dock hinweg führt vom Park eine Straße zu zwei weiteren Sehenswürdigkeiten der 45.000-Einwohner-Stadt. Eines der ältesten Gebäude Kronstadts ist der Italienische Palast, von dessen ursprünglichen Aussehen allerdings nicht mehr viel übrig ist. Der Palast diente im Laufe der drei Jahrhunderte als Schule, Kadettenunterkunft und Offiziersheim.

Und gleich hinter dem Palast befindet sich einer der wichtigsten Punkte Russlands: der Kronstädter Pegel. Nach diesem „Futstock“, der etwa 15 Zentimeter unter dem in Westeuropa gültigen Amsterdamer Normalnull liegt, werden sämtliche russischen Höhenangaben bemessen.

Der wohl verschlafenste Stadtteil St. Petersburgs


Die Wladimirkirche - angenehm herausgeputzt (foto: jw/SPZ)
Die Wladimirkirche - angenehm herausgeputzt (foto: jw/SPZ)
Entlang des von hier nach Norden führenden Obwodny Kanals geht es auf der Karl-Marx-Straße wieder zurück zum Gostiny Dwor. Auffallend ist, besonders am Wochenende, der im Vergleich zu St. Petersburg kaum vorhandene Verkehr.

In der Stadt herrscht eine schläfrige Stille, die durch die wenigen Sonntagsspaziergänger nicht erschüttert werden kann. Aus einem Produkty-Laden tönt mal ein Radio, ein Dackel kläfft aus einem Fenster im zweiten Stock, eine Marschrutka hupt ein paar Fußgänger an – Geräusche, die in der wohltuenden Stille nur kurz störend ans Ohr dringen, nur um als unwichtig wieder vergessen zu werden.
Eingelullt in das Grün der Alleen und Parks, schenkt die Stadt, von der man sagt, dass jedes ihrer Häuser Meeresblick bietet, willkommene Kleinstadtruhe. Nur das Auge stört sich am Zustand der oftmals verfallenen Gebäude, deren Mehrzahl - anders als in der Mutterstadt - nicht für die lokale 300-Jahr-Feier herausgeputzt wurde.

Bevor die schmerzenden Füße ihre wohlverdiente Rast im Bus 510 finden, lohnt sich noch ein kleiner Abstecher ein paar Schritte die Uliza Lenina hinunter zur hellblau gestrichenen Wladimir-Kathedrale, eines der wenigen restaurierten Gebäude der Festungsstadt. Ihr mit Blumen geschmücktes Inneres und der Glanz der teils aus Gold, Silber und Perlen gefertigten Ikonen strahlt eine Frische und Prosperität aus, wie sie im provinziellen Kronstadt sonst kaum zu spüren ist.

(Jana Wriedt/SPZ – August 2005)

Aktualisiert im April 2009


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Auf einem Relief im Giebel der Petersburger Isaakskathedrale hat sich der Baumeister des Gotteshauses selbst verewigt: Herr Montferrand hält sein monumentales Werk zärtlich im Arm. (Topfoto: Brammerloh/.rufo)



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