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Blick über die Altstadt von Wyborg - hätte es weniger Schnee, sähe man die Ostsee (Foto: jg/SPZ)
Blick über die Altstadt von Wyborg - hätte es weniger Schnee, sähe man die Ostsee (Foto: jg/SPZ)

Wyborg: Schwedisch-finnisches Kopfsteinpflaster

Zu Besuch in der ältesten Stadt des Petersburger Umlandes: Wyborg weist Russlands einzige intakte Altstadt im baltisch-mitteleuropäischen Stil auf. Die schwedische und später finnische Vergangenheit ist auf jedem Schritt spürbar – und auch heute bestimmt die Grenznähe den Alltag.

Es ist grau an diesem Tag. Dicke Schneeflocken kreiseln durch die Luft. Der Zug von St. Petersburg nach Wyborg schleppt sich die letzten Meter in den Bahnhof. Im Abteil rüsten sich die Leute mit schweren Pelzen und wollenen Mützen für die raue Witterung. „Im Sommer ist Wyborg wohl freundlicher“, sagt die 22jährige Natascha, als sie eilig ihre Sachen in ihre Reisetasche packt. Die Studentin aus St. Petersburg fährt wie so oft an den Wochenenden zu ihren Eltern nach Hause – zwei Stunden mit dem Zug in Richtung Finnland.

Wie hinkommen:
Zweimal täglich fahren Express-Elektritschkas „erhöhtem Komforts“ vom Finnländischen Bahnhof in St. Petersburg nach Wyborg. Abfahrt 7:50 (Ankunft 9:25) und 13:05 (Ankunft 14:41). Zurück kann man um 20:10 (Ankunft 21:50) fahren. Fahrtpreis 160 Rubel pro Fahrt. Darüber hinaus verkehren täglich noch zahlreiche normale Vorortzüge, die aber wegen zahlreicher Halts bis zu 2 Stunden 30 Minuten für die Strecke benötigen.
Beim Aussteigen bläst mir kalter Wind ins Gesicht. Man spürt, dass das Meer nicht weit entfernt ist. Natascha und die anderen Passagiere bahnen sich hastig einen Weg durch den einsetzenden Schneesturm. Vom Bahnhof sind es nur ein paar Minuten zu Fuß, und schon ist das historische Zentrum Wyborgs erreicht. Schon auf diesem Weg bekomme ich das Gefühl, in einer kleinen anderen Welt gelandet zu sein – trotz des unaufhörlichen Brausens des Windes wirkt alles sehr beschaulich, ruhig und friedlich. Und anders als im Petersburger Dauergewusel – hier trifft man unterwegs nur vereinzelt auf Leute.

Eine Burg entführt ins Mittelalter




Die alte Burg, das Wahrzeichen Wyborgs, ist schon von weitem zu erblicken. Charmant liegt das alte Gemäuer auf der kleinen Insel Linnan-Saari und schafft – je nach Betrachtungsweise - eine Verbindung oder einen Puffer zwischen der historischen Stadt und der Ostsee.

Die Keimzelle der Stadt: Die Wyborger Burg (Foto: jg/SPZ)
Die Keimzelle der Stadt: Die Wyborger Burg (Foto: jg/SPZ)
Nachdem ich den schmalen Weg zum Haupteingang der Burg absolviert und das große, wuchtige Eisentor durchschritten habe, fühle ich mich kurzerhand ins Mittelalter zurückversetzt. Eine alte, morsche Holztreppe führt hinauf zu dem wuchtigen, aus großen Steinen erbauten Turm. Vom sogenannten Olafturm habe man, so steht es im Reiseführer, einen wunderschönen Blick über die Altstadt und den Hafen hinaus auf die von Inselchen übersäte Wyborger Bucht - vorausgesetzt natürlich, das Wetter ist besser als heute.

Doch der Besuch des Burgmuseums tröstet mich einigermaßen über die Schlechtwetter-Attacke hinweg. Hier gibt es eine aufschlussreiche Ausstellung, die anhand vieler Beispiele die Geschichte der Region Karelien erklärt und natürlich auch eine genaue Darstellung der Geschichte Wyborgs und seiner Burg.

Nach 400 schwedischen Jahren wurde Wyborg russisch


Wyborg - kurzer Steckbrief
Die Stadt Wyborg gehört politisch zum Leningrader Gebiet und hat 79.000 Einwohner. Die städtische Wirtschaft beruht neben dem Tourismus hauptsächlich auf dem Schiffbau. Größtes Unternehmen der Stadt ist die Kvaerner Werft. In der Stadt nimmt der von Russland seit Jahrzehnten an Finnland verpachtete Saimaa-Kanal seinen Ausgang, der die finnische Seenplatte mit der Ostsee verbindet. Wyborg hat einen Ostseehafen und ist Eisenbahnknotenpunkt an der Strecke St. Petersburg-Helsinki. Die Stadt soll Ausgangspunkt des unterseeischen Abschnitts der geplanten Ostsee-Gaspipeline nach Deutschland werden. Jedes Jahr findet in Wyborg das Kinofestival „Fenster nach Europa“ statt.
Diese wurde 1293 auf Befehl des Schweden-Fürsten Torkel Knutsson errichtet und sollte zum Schutze der schwedischen Reichsgrenze dienen. Damit begann die später so wechselvolle Geschichte Wyborgs, denn danach beanspruchten auch Russen, Finnen und schließlich die Sowjets Wyborg für sich. Für die ersten 400 Jahre blieb es diesbezüglich allerdings ruhig: Wyborg war schwedisch - bis zu dem Zeitpunkt, als im Großen Nordischen Krieg der aufstrebende russische Zar Peter I. 1710 die Küstenfestung eroberte, um seine erst sieben Jahre zuvor gegründete Traumstadt St. Petersburg landseitig gegen Schweden abzuschirmen.

Nachdem ich genug Geschichtstheorie im Museum erfahren habe, heißt es sich wieder warm anziehen und die historischen Gebäude der Stadt selbst erkunden. In dieser Hinsicht hat Wyborg wirklich viel zu bieten. Allerdings: Ein komplett altstadtsaniertes Zentrum, indem Denkmalschützer jeden Ziegelstein hegen und pflegen, darf man hier nicht erwarten. Nur wer sich ganz auf die Stadt, wie sie eben ist, einzulassen versucht, wird in den verschlafenen Gässchen mit einer einzigartigen Atmosphäre und altertümlichem Charme belohnt.


Auf dem Weg in die historischen Gefilde hat man auf einer Brücke nach links noch einmal einen schönen Blick auf die Burg, rechts liegt einsam und verschneit ein Kutter im Hafen. Maritime Atmosphäre will an diesem sibirischen Tag aber nicht aufkommen – und das grobe Kopfsteinpflaster der schmalen Gässchen ist tückisch glatt.

Ein uriger Anblick: Der Uhrturm


Der Uhrturm ist mürbe - aber die Uhrzeit stimmt (Foto: jw/SPZ)
Der Uhrturm ist mürbe - aber die Uhrzeit stimmt (Foto: jw/SPZ)
Auf dem Weg zum Marktplatz erhasche ich durch einen bröckelnden Mauerrest schon einen kurzen Blick auf den Uhrturm. Dem Bau, der 1490 errichtet wurde, sieht man sein Alter an – das Gemäuer ist bröcklig und grau. Im Jahre 1793 soll Zarin Katharina II. eine Glocke für den Turm gestiftet haben. Ob sie noch da oben hängt, ist nicht recht zu erkennen – aber dass am Turm befindliche, goldgerahmte Uhr exakt die Zeit anzeigt, erstaunt mich dann schon fast wieder.

Von vier Kindern einmal abgesehen, die ungeachtet dessen, das es stürmt und schneit, unterhalb des Turmes zwischen den Mauern einer alten Backsteinruine spielen, sind nur sehr vereinzelt Leute auf der Straße zu sehen. Nur wenige Fuß- und Reifenspuren ziehen sich auf den Gassen durch den frischen Schnee.

Die finnische Epoche von „Viipuri“ ist noch lebendig


Ein stilles Pflaster: Wyborger Altstadtgassen (Foto: jw/SPZ)
Ein stilles Pflaster: Wyborger Altstadtgassen (Foto: jw/SPZ)
Auffallend sind hingegen die vielen zweisprachigen Ausschilderungen – auf russisch und finnisch. Egal, ob es sich um eine einfache Laden-Aufschrift, ein Werbeplakat oder ein vereinzeltes Straßenschild handelt, auch die jüngere Geschichte Wyborgs scheint so gegenwärtig. Immerhin gehörte die Stadt nach den Wirren der Oktoberrevolution im 20. Jahrhundert samt der ganzen sogenannten Karelischen Landenge für zwei Jahrzehnte zu Finnland. Hier im Stadtzentrum findet man auch noch andere eindeutige Hinweise auf diese Epoche – in Form von Architektur, die teils im damals hochmodernen Bauhaus-Look, aber auch im finnischen national-romantischen Stil gehalten ist.

Schließlich auf dem Marktplatz angekommen, kommt Leben in die Szenerie: Das Sprachwirrwarr aus finnisch und russisch ist kaum zu überhören. Heute ist Markttag. Dutzende Händler bieten ihre Waren rund um das lange, backsteinrote Marktgebäude an – vom Hausrat über Körbe und Lebensmittel, alles mehr oder weniger Notwendige kann man hier erstehen.

Touristen aus Suomi auf Schnaps- und Schnäppchenjagd


Allerdings: Finnen treten hier nur noch als Kunden auf: Sie kommen als Touristen über die nun 40 Kilometer weiter westlich verlaufende Grenze nach „Viipuri“ – die einen getrieben von der Nostalgie nach den finnischen „verlorenen Ostgebieten“, die anderen auf der Suche nach Schnäppchen und bedeutend billigerem Wodka und Bier als zuhause.

Wäre das Wetter besser, stünden hier jetzt viele Marktstände (Foto: jw/SPZ)
Wäre das Wetter besser, stünden hier jetzt viele Marktstände (Foto: jw/SPZ)
Frau Galejewa verkauft hier ihre Bast- und Holzwaren. „Immer wenn Markt ist, bin ich hier –an der gleichen Stelle, schon seit Jahren“, sagt sie und hat mittlerweile ihr Gesicht halb in ihrem dicken Wollschal vergraben. Ob sich Wyborg in den letzten Jahren stark verändert habe? Sie überlegt eine Zeit lang: „Nein, ich glaube nicht so sehr“ sagt sie. „Wyborg ist eine Stadt, in der die Geschichte bis heute immer lebendig ist“, meint sie.

Kaum hat sie zu Ende gesprochen, beginnt sie sorgfältig die blaue Folie, die als Überdachung ihres Standes dient, zu einem kleinen Paket zu schnüren. Auch ihre Waren sind bereits in großen Kisten verstaut. Sie packt heute früher zusammen als sonst. Das Schneegestöber lässt auch die anderen Händler die Segel streichen.

Nur die „fette Katharina“ bleibt davon ungerührt: Dieser mehr breite als hohe Rundturm gehörte einmal zu den Verteidigungsbastionen der Stadt. Jetzt ziert er hübsch renoviert den Altstadtmarkt – und beherbergt ein nettes Restaurant.

Zwischen Finnen und Russen herrscht hier eine friedliche, entspannte Atmosphäre. Das ist erfreulich und nicht ganz selbstverständlich nach dem Hin und Her, das diese Stadt im Zweiten Weltkrieg durchmachte: Im Winterkrieg 1939/40 wurde sie von der Sowjetarmee erobert, dann von den Finnen noch einmal zurückgeholt und 1944 von der vorrückenden Roten Armee wieder nach Russland einverleibt.

Sowjetische Spuren in Russlands europäischster Stadt


Bei Russland-Aktuell
• Nicht teurer, aber sicher: Ostseepipeline-Baustart (07.12.2005)
• Auf vier Rädern nach St. Petersburg (20.05.2004)
• Verkehr zwischen Russland und Finnland steigt (06.01.2004)
• Umgehungsstraße: Wyborg darf bald aufatmen (28.11.2003)
Wyborg hat wahrhaftig eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Aber genau das macht heute den Charme des Städtchens aus. Apropos, auch die Sowjetepoche ist noch gegenwärtig: Straßenumbenennungen wurden kaum vorgenommen. Noch immer flaniert man hier über den Lenin–Prospekt als der Haupteinkaufsstraße der Stadt. Doch zum Glück haben sich nicht auch noch die grauen Betonklötze, das tröge Markenzeichen des sozialistischen Städtebaus von Magdeburg bis Magadan, bis in die Altstadt mit ihrer Mischung aus Jugendstil und Mittelalter hineingefressen.

Angesichts dieser Qualitäten ist es ein wenig schade, dass Wyborg nur unter den Finnen und kaum bei den Petersburgern als beliebtes Ausflugsziel gilt. Wert wäre sie es, zumal sich der Schneesturm jetzt gelegt hat und ich mir, zurück zum Bahnhof stapfend, diese alte Stadt bei milden Temperaturen doch recht heimelig vorstellen kann. Liegt es allein an der Entfernung von 120 Kilometer, was Wyborg natürlich etwas schwerer erreichbar macht als Puschkin, Pawlowsk oder Gatschina?

Oder fürchten die stolzen Petersburger hier einfach nur eine peinliche Entdeckung: Denn wenn wir historisch gerecht sind, gebührt nicht der „künstlichen“ Millionen-Metropole im feuchten Newa-Delta, sondern diesem mehr als doppelt so alten, stillen Flecken auf karelischem Granit der vielbeschworene Ehrentitel der „europäischsten Stadt Russlands“.

(Julia Garten/SPZ – März 2006)


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