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In der Sowjetunion schaffte man das nicht: Die Selbstdarstellung einer Großmacht durch elegante Architektur wie mit dem Generalstabsgebäude am Schlossplatz (Foto: ld/.rufo)
In der Sowjetunion schaffte man das nicht: Die Selbstdarstellung einer Großmacht durch elegante Architektur wie mit dem Generalstabsgebäude am Schlossplatz (Foto: ld/.rufo)

Der Schlossplatz – ein Leckerbissen für Architekturfans

St. Petersburg. Es gibt nur einen Ort in St. Petersburg, der sich mit den überwältigenden Newa-Panoramen messen kann – der Schlossplatz. Die einzigartige Harmonie der architektonischen Stile ist wahrhaft grandios.


Der Schlossplatz ist Petersburgs Hauptplatz und zugleich die allerbeste Stube – das Aushängeschild der Stadt. Mit seiner Fläche von fünf Hektar ist er doppelt so groß wie der Rote Platz in Moskau! Hier treffen sich Barock und Klassizismus, bis zur Perfektion ausgefeilte architektonische Symmetrie und das bunte Treiben der modernen Großstadt.

Wer Augen hat zu sehen…


Der Winterpalast, das ihm gegenüberliegende Generalstabsgebäude, das zwischen beiden errichtete Stabsgebäude des Garde-Corps und die Alexandersäule als Gesamtensemble sind eine Herausforderung an die Fototechnik. Am ehesten lässt es sich mit der Videokamera einfangen – oder aus der Luft.

Am besten aber mit den eigenen Augen: „Wer Augen hat zu sehen, sehe!“, riet einst Heinrich Böll in seinem Vorwort zu einem Bildband über die UdSSR. Er wird bei diesem Ausruf auch den Schlossplatz gemeint haben. Wir wollen ihm folgen.

Am Winterpalast kommt keiner vorbei


Bei unserem Rundgang über den Platz gehen wir chronologisch vor: Als Petersburg gegründet wurde, diente der spätere Schlossplatz zuerst als Glacis für die nebenan gelegene Admiralitäts-Festung. Später lagerten auf der Admiralitätswiese Schiffsholz und Anker; das „kaiserliche Vieh“ hatte hier seinen Auslauf; es gab Volksvergnügungen und Truppenschauen.

Die andere Seite des Schlussplatzes bildet die Eremitage - und in der Mitte des Platzes steht die Alexandersäule (Foto: ld/.rufo)
Die andere Seite des Schlussplatzes bildet die Eremitage - und in der Mitte des Platzes steht die Alexandersäule (Foto: ld/.rufo)
Der erste Schritt zur heutigen Pracht wurde mit dem Bau des Winterpalastes vollzogen, mit dem in der Mitte des 18. Jahrhunderts der italienische Architekt Bartolomeo Rastrelli betraut war. An seinem barocken Meisterwerk kommt kein einziger Petersburg-Besucher vorbei – es sei denn, er ist bekennender Kulturbanause und ignoriert das weltberühmte Kunstmuseum namens Eremitage, das hier heute zu Hause ist.

Vorbei kam am Winterpalast bis 1917 auch kein Architekt, denn seine obere Dachkante war das absolute Höhenmaß in der Hauptstadt des russischen Kaiserreiches – höher als 22 Meter durfte kein anderes Haus in der Stadt hochgezogen werden.

Russlands Kriegsruhm verherrlichen


Carlo Rossi, ebenfalls ein italienischer Baumeister und anerkannter Meister des Klassizismus, hat in St. Petersburg sehr viele Spuren hinterlassen. Seine Stärke war der Ensemble-Bau, den er bis zur Perfektion beherrschte.

Das weitläufige, in einem sanften Bogen um die Südseite des Platzes gezogene Generalstabsgebäude gehört zu seinen Meisterwerken. Die beiden Gebäudeteile und der von einem sechsspännigen Siegeswagen gekrönte Triumphbogen in der Mitte entstanden zwischen 1819 und 1829 und sollten Russlands Kriegsruhm verherrlichen, der nach dem Sieg über Napoleon verstärkt nach künstlerischem Ausdruck verlangte.

Auch die Alexandersäule in der Platzmitte setzt dieses Thema fort. Auguste Montferrand, der Erbauer der Isaakskathedrale, ließ sie 1832-1834 errichten. Die Granitsäule wurde aus einem Stück gehauen, sie steht dort ohne weitere Befestigung nur dank ihres Gewichtes von 600 Tonnen. Der Engel an ihrer Spitze trägt übrigens die Züge von Zar Alexander I., unter dem Russland den Sieg über Napoleon errungen hatte.

Den Abschluss des Gebäudeensembles bildete wenige Jahre später schließlich das Gebäude für den Stab des Garde-Corps, für das Alexander Brüllow, der übrigens auch die Lutherische Petrikirche am Newski Prospekt erbaut hat, den Entwurf lieferte.

Demonstrationen, Revolutionen und Mythen


Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich auf dem Schlossplatz in baulicher Hinsicht fast nichts mehr verändert. Der Besucher kann also ungehindert 170 Jahre petersburgischer und russischer Geschichte atmen.

Bei Russland-Aktuell
• Eremitage okkupiert peu a peu den ganzen Schlossplatz (04.05.2011)
• Madonna trifft Fallschirmjäger auf dem Schlossplatz (19.03.2009)
• Restaurierung des Generalstabs geht trotz Krise weiter (02.02.2009)
• Die Alexandersäule gehört bald zur Eremitage (02.09.2008)
• Pink Floyd zum Wirtschaftsforum auf dem Schlossplatz (02.06.2008)
Wenn die Bauten auch dieselben geblieben sind, schlug das Leben hier so manchen Purzelbaum – die barock-klassizistischen Kulissen haben so manche Tragödie und so manches epochemachende Ereignis gesehen. Wir wollen an dieser Stelle nur einige exemplarische Beispiele anführen.

Am 9. Januar 1905 ließ der letzte russische Zar vor seiner Residenz, dem Winterpalast, eine friedliche Demonstration von Arbeitern niederschießen, die ihm eigentlich nur eine Bittschrift überreichen wollten und in ihrem Zug keine Pflastersteine – „die Waffe des Proletariats“ – sondern Ikonen mitführten. Dieses traurige Ereignis ging als „Blutsonntag“ in die Geschichte ein und gehörte mit zu den Auslösern der ersten russischen Revolution.

Im Oktober 1917 übernahmen mit dem „Sturm auf das Winterpalais“ die Bolschewiki die Macht. Sie träumten von der „Diktatur des Proletariats“, begangen die Umsetzung ihres Traums aber sehr prosaisch mit der „Eroberung“ einer Hintertreppe und der Verhaftung der letzten Reste der Provisorischen Regierung bei Teetrinken im einstigen persönlichen Speisezimmer des Zaren.

Was Sergej Eisenstein später in seinem Klassiker „Oktober“ inszenierte, war – gelinde gesagt – eine Übertreibung. Es sind keine Arbeitermassen durch das Gala-Eingangstor gestürmt; diese Phantasie des großen Regisseurs wurde schnell zu einem hartnäckigen Mythos, der sich solange hielt, wie die Sowjetunion eine Macht war.

Ein demokratischer öffentlicher Raum


Damals diente der Schlossplatz als Aufmarschort für die Mai- und Novemberdemonstrationen und für Militärparaden. Als die Sowjetunion dann keine Macht mehr war und sich aus der Weltgeschichte verabschiedet hatte, verlor der Platz seine unnahbare Strenge und wurde von den Bürgern mehr und mehr in einen demokratischen öffentlichen Raum verwandelt.

Plötzlich tauchten hier Skatebordfahrer auf, Kutschen und Pferde, Radfahrer und Kleinkünstler. Auf dem Schlossplatz starten Volksläufe, spielen Bands, trifft sich die Jugend zehntausendfach zu großen Stadtfesten. Weltstars wie Madonna, die Rolling Stones, Sting und Paul McCartney sind hier schon aufgetreten.

Die Eremitage schwappt über


Gegen letztere zieht die Eremitage seit Jahren ins Feld – die dröhnenden Bässe fügen den Kunstwerken und den alten Gemäuern Schaden zu, heißt das Argument. Bierfestivals, Schlittschuhbahnen und andere Massenveranstaltungen hätten keinen Platz auf diesem Platz!

Die Eremitage macht sich den „heiligen Ort“ indes immer mehr untertan. Sie ist bereits, wie eine große Welle aus der benachbarten Newa, über den Platz geschwappt und hat sich im Ostflügel des Generalstabsgebäudes niedergelassen. Sie äugt auch nach dem Westflügel, in dem immer noch das Militär sitzt, und dem Garde-Corps-Gebäude.

Wird aus dem Schlossplatz irgendwann ein Eremitage-Platz? Das ist wohl nicht zu befürchten. Ein paar Jahrzehnte lang nach der Revolution musste Petersburgs beste Stube sich als Urizki-Platz beschimpfen lassen (nach einem im Bürgerkrieg getöteten Bolschewiken). Diese finsteren Zeiten werden wohl nicht wieder kommen.

Eremitage-Direktor Michail Piotrowski will aus dem Platz einen Kunsthort machen. Es sei ihm nicht verwehrt. Aber das öffentliche Leben ganz von hier zu vertreiben, wäre der falsche Schritt. Immerhin ist Petersburg heute kein konserviertes Architekturdenkmal, sondern eine lebendige und pulsierende Stadt.



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Der Winter ist eingezogen. Für ein paar Monate können sich die Russen in den Moskauer Parks an zahlreichen Eisskulpturen erfreuen. (Topfoto: Ballin)



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