Mittwoch, 22.05.2002

Museum für Politische Geschichte

Das Museum für politische Geschichte in St. Petersburg. Foto: ld/.rufo
Im einstigen „Museum der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ weht heute ein anderer Wind: Offen und unvoreingenommen wird hier die Politische Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert dargestellt.
Das Museum befindet sich in einem der schönsten Jugendstilgebäude der Stadt: Die Villa neben der Peter-Pauls-Festung gehörte Mathilda Kschessinskaja, der langjährigen Primaballerina des Mariinski-Theaters und Zarenmätresse. Doch dann kam die Revolution, und die roten Räte richteten hier ihr erstes Hauptquartier ein.

Neben der Kschessinskaja-Villa gehört dem Museum auch die benachbarte Villa des Holzindustriellen Baron Brandt. Die beiden Gebäude wurden in den 50er Jahren durch einen leider ziemlich unansehnlichen Verbindungsbau verschmolzen.

Feinste Jugendstilarchitektur

Dennoch lohnt es sich, neben den Exponaten zur wechselvollen russischen Polit-Geschichte auch ein Auge für die Architektur zu haben. Wo kann man sonst in Petersburg schon edelste Jugendstil-Villen von innen besichtigen?

Das Museum hat kaum eine ständige Ausstellung (wobei Lenins Arbeitszimmer im Oberen Stockwerk mit Sicherheit für immer unangetastet bleibt), sondern gestaltet einzelne Säle zu bestimmten Themen immer wieder einmal neu. Als langlebig erwiesen sich bislang die gut fundierten Ausstellungen zur Geschichte der russischen Duma in vor- wie nachsozialistischer Zeit sowie eine Schau über das russische Kaufmannstum in der Zarenzeit.

Skurriles aus der Sowjetzeit

Die Koordinaten
Adresse: ul. Kujbyschewa 2/4
Nächste Metro:
Gorkowskaja
Geöffnet: 10 – 18 Uhr
Ruhetag: Donnerstag
Eintritt: 200 Rubel
Besonders sehenswert ist der Saal, der dem Thema „Politische Stickerei“ gewidmet ist. Der Besuch dort lohnt sich, denn an der Wand hängt eine ebenso perfekte wie gigantische sowjetische Eisenbahnkarte, mit einem lebensgroßen Stalin darauf – erst beim näheren Hinsehen entpuppt sich die kartografische Meisterleistung als Stickarbeit von Näherinnen der Eisenbahnverwaltung. Wir schreiben das Jahr 1940...

Auch sonst kommen Freunde des oft ins Skurille abgedrifteten sowjetischen Personenkults hier noch auf ihre Kosten: Wo sonst würde man sich noch trauen, eine riesige rosa Vase mit Breschnjew-Konterfei auszustellen?

In der Villa Brandt befindet sich eine Ausstellung über den „Großen Vaterländischen Krieg“. Das im Verbindungsbau 1987 zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution eingerichtete Walhall der Helden der Revolution (samt dem in sowjetischen Museen fast unvermeidbaren Diorama, hier der Winterpalast vor dem Sturm) darf dagegen als historisches Zeitzeugnis gelten.

Der Saal wird inzwischen auch für eine Ausstellung über die Schattenseiten der jüngeren russischen Geschichte gebraucht: Afghanistan, Tschetschenien, Putsch, ...

Aktualisiert im August 2008.