Donnerstag, 09.05.2002

Museumswohnung der Allilujews

Interieur in der Allilujew-Museumswohnung. Foto: Burdack/SPZ
St. Petersburg. In der Bürgerwohnung der Familie Allilujew gingen einst Lenin und Stalin ein und aus. Der spätere große Diktator wurde durch die Heirat mit Nadeshda Allilujewa sogar zum Schwiegersohn der Eigentümer.
Fern vom Großstadtgetümmel wartet in der 10. Sowjetskaja-Straße ein Geheimtipp für Liebhaber exotischer Museen: Lediglich ein kleines Schild am Eingang des Hauses Nummer 17 verweist hier auf eine Filiale des Lenin-Museums, das sich eigentlich ein paar hundert Meter weiter im Smolny befindet.

Das Museum verbirgt sich auf der sechsten Etage in Wohnung Nummer 20. Nach kurzem Klingeln öffnet eine freundliche Museumsdame die Tür – und man fühlt sich nach dem Eintreten in das St. Petersburg vom Beginn des 20. Jahrhunderts zurück versetzt.

Georgische Kommunisten an der Newa unter sich


In dieser Wohnung lebte von 1908 bis in die 30er Jahre die Familie des georgischen Altbolschewiken Sergej Jakowlewitsch Allilujew. Dessen 1901 geborene Tochter Nadeshda sollte 1918 die zweite Ehefrau des ebenfalls georgischen Bolschewiken Iosif Wissarionowitsch Dschugaschwili aus Gori werden.

Dieser betätigte sich seit 1912 unter dem Pseudonym Stalin (der Stählerne) aktiv als führendes Mitglied des bolschewistischen Zentralkomitees. Nach der Februarrevolution 1917 lebte er in Petrograd (wie St. Petersburg damals hieß), wo er, wie auch Lenin, in der Wohnung der Familie Allilujew ein und aus ging. Zeitweilig wohnte er auch dort.

Nadeshda Allilujewa, im Jahre 1901 in Tiflis geboren, wuchs mit ihren drei Geschwistern in einem gutbürgerlichen Petersburger Haushalt auf. Sie besuchte ein hiesiges Gymnasium und leistete, wie es während des Ersten Weltkrieges für junge Mädchen üblich war, ihren Dienst an der Zarenkrone als Krankenschwester im Lazarett.

1918 fand ihr Vater in dem 22 Jahre älteren Freund der Familie Iosif Stalin für sie eine gute Partie und auch einen, zumindest anfangs, liebenden Ehemann.

Rätselhafter Tod der Stalin-Gattin


Mit Stalins Aufstieg im Parteiapparat und der Übernahme des Amtes als Generalsekretär der KPdSU 1922 wurde die Distanz zwischen ihm und seiner Frau allerdings immer größer. Stalin war, jenseits seiner Charakterzüge des brutalen Diktators, auf Empfängen und Bällen für ungeahnten Charme gegenüber den Damen bekannt. Seine Frau hingegen vernachlässigte er immer mehr.

Die Koordinaten
Musej-Kwartira Allilujewa
Adresse: 10. Sowjetskaja Uliza 17, Wohnung 20
Nächste Metro: Pl. Wosstanija oder Tschernyschewskaja
Geöffnet: täglich von 10 bis 18 Uhr, außer Mittwoch und Samstag
Eintritt: 20 Rubel
Im November 1932 fand man schließlich Nadeshda mit einem Revolver in der Hand tot auf. Noch immer ranken sich Gerüchte um ihren Tod. Die offizielle Version lautet auf Selbstmord aufgrund ihres Ausschlusses aus dem gesellschaftlichen Leben. Wie auch Hitler, hielt der sowjetische Diktator sein Privatleben vor der Öffentlichkeit unter Verschluss. Historiker halten es aber auch für möglich, dass Stalin seine Ehefrau ermorden ließ, nachdem diese zu scharfe Kritik an ihm übte.

Das Museum in der 10. Sowjetskaja jedenfalls erinnert an eine bessere Phase im Leben Nadeshdas. Schon allein die Möbel aus dieser Zeit sind sehenswert. In einem Raum befinden sich auch ein paar Gemälde der so genannten Leniniana-Periode der 30er Jahre, die ideologisierend das revolutionierende Schaffen Lenins darstellen.

Auch werden einige persönliche Devotionalien Lenins ausgestellt, beispielsweise sein ihn im Exil begleitendes Rasiermesser, ein goldumrandeter Tischspiegel oder eine wuchtige Bronzestatue, die ein Geschenk an die Familie Allilujew war.

Im Bad der Wohnung wird man von der Museumsdame schließlich feierlich darauf hingewiesen, dass im dortigen Kupferzuber einst die Führer der Revolution ihr Bad einzunehmen pflegten. Von der historischen Bedeutung dieser Metallwanne noch ganz benommen, verlässt man voller Ehrfurcht dieses liebevoll gepflegte und mit Kuriositäten aufwartende Museum. (Peter Burdack/SPZ)

Aktualisiert im September 2008