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Donnerstag, 25.10.2001
Nicht mehr „streng geheim“: NKWD in der Blockade
St. Petersburg (sb). Das Blockademuseum im Soljanoj pereulok 9 präsentiert seit gestern eine ungewöhnliche Ausstellung: „Das NKWD bei der Verteidigung Leningrads.“ Nur wenige wissen, dass dem FSB- und KGB-Vorgänger während des Krieges neben der Staatssicherheit auch die Miliz samt Feuerwehr, Strassenpolizei und Zivilschutz unterstand. Viele der ausgestellten Dokumente waren noch vor kurzem als geheim eingestuft und kommen somit zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.
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Die Ausstellung beleuchtet verschiedenste Facetten der NKWD-Aktivitäten vom alltäglichen Dienst über die Wachsamkeits-Propaganda bis zur Verbrechensbekämpfung und Urteilsvollstreckung. Beim Studieren der ausgestellten Untersuchungsaufzeichnungen wird dem Besucher die ganze Ungeheuerlichkeit und Ausweglosigkeit der Lage in der belagerten Stadt bewußt. Da gibt ein 17jähriger Junge, der zu Beginn der Blockade seine Eltern verloren hatte, zu Protokoll, er habe eine Leiche vom Friedhof gestohlen und sie „mit der Absicht, sie zu essen“ nach Hause geschleppt. Dabei wurde er von der Miliz ertappt und letztendlich zum Tod durch Erschießen verurteilt.
Fünftausend Urteile fällte das NKWD während der Belagerung, ein Fünftel waren Todesurteile. Zu den verbreitetsten Verbrechen zählten Desertion, Fälschen von Lebensmittelkarten, das „Verbreiten von falschen Gerüchten“, Plündereien, Raub und Kannibalismus.
Wie viele Menschen unschuldig zu Opfern der allseits verbreiteten und zudem absichtlich geschürten Spionomanie wurden, ist unbekannt. Die Leningrader standen ja noch unter dem Eindruck der stalinistischen Kampagne der 30er Jahre, als es zur Ehrensache erklärt worden war, seinen Nachbarn oder gar die Eltern des Staatsverrats zu überführen. In einer Extremsituation wie Krieg und Belagerung mussten die vom NKWD verbreiteten (und ebenfalls auf der Ausstellung zu sehenden) Propagandaplakate folgerichtig zu einer wahren Epidemie der „Spionenjagd“ führen.
Es sei hier nur an das Schicksal des nonkonformistischen Leningrader Schriftstellers Daniil Charms erinnert, der allein durch sein exzentrisches Aussehen auffiel, was ihn sofort verdächtig machte. Er verschwand eines Tages einfach, und erst viele Jahre stellte sich heraus, dass er im Untersuchungsgefängnis an Unterernährung gestorben war. Diesen Weg gingen die meisten der während der Belagerung zu Gefängnisstrafen Verurteilten – kaum jemand überlebte das erste Jahr der Haft.
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