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Und wohin jetzt? In modernen Shopping-Centern ist Orientierungsinn gefordert (foto: ld/SPZ)
Und wohin jetzt? In modernen Shopping-Centern ist Orientierungsinn gefordert (foto: ld/SPZ)

Shopping-Malls im Test: Piters neue Konsumtempel

St. Petersburg. Sowjet-Zeit adé - der Newski kann die materiellen Begierden der Petersburger nicht mehr befriedigen. Deshalb schossen in den letzten Jahren zahlreiche gigantische Einkaufszentren aus dem Boden.

Neben Fachgeschäften und Supermärkten bieten derartige Laden-Konglomerate auch noch Kinos, Gastronomie und Kegelbahnen unter einem Dach. Auch wenn unsereins Deutsche gerne einige Vorbehalte gegenüber Shopping-Malls pflegen (zu amerikanisch, zu uniform, zu künstlich) ließen sich Hannah Beitzer und Julia Garten für die SPZ auf einen Streifzug durch einige der Petersburger Einkaufsparadiese ein – und staunten ...

Adresse
Uliza Jefimowa, Metro: Sadowaja/Sennaja Pl., Öffnungszeiten: 10-21 Uhr

Für Westalgiker: „Sennaja“


Versteckt im Innern eines Altbauquartals am „Heuplatz“, kommt das „Sennaja“ äußerlich eher unscheinbar daher. Doch tritt man durch die blankgeputzte Glastür, macht das heimwehkranke Herz einen großen Sprung: Italienische Taschen, französischer Wein und ein perfekt polierter Ford Fiesta zwinkern uns in der Lobby verheißungsvoll entgegen. Der goldene Westen mitten in St. Petersburg!

Dezente Musikberieselung im typisch deutschen Kaufhausstil, altvertraute und heißgeliebte Marken wie Mango, Calvin Klein, promod, Nike, Adidas, Esprit und blankpolierte Böden lassen den grauen russischen Winteralltag in weite Ferne rücken. Vorbei an den dauerputzenden Angestellten bahnen wir uns einen Weg zum 24-Stunden-Supermarkt Paterson. Hier kommen Feinschmecker mit Hang zum Extravaganten auf ihre Kosten, doch für den großen Samstagseinkauf ist dieser Laden zu kostspielig: Sollte jemand das Bedürfnis haben, 1000 Rubel für 100 Gramm selbstgemahlenen Fair-Trade-Kaffee auszugeben, bitteschön ...

Uns aber schlagen die Preise auf den Magen, so dass wir uns schnell in die „Fressmeile“ im zweiten Stock davon machen: Mc Donalds, KFC, Pizza Hut, Subway – wie war das nochmal mit der Amerikanisierung der Welt? Apropos: In der dritten Etage gibt es noch eine „Bowling City“.

Alles in allem ist hier wohl nicht der richtige Platz zur Schnäppchenjagd. Doch besticht das Sennaja durch seine Übersichtlichkeit und die vielen Klamottenläden, in denen man auch mit Normalfigur einkaufen kann. Dafür und den hohen “Westalgiefaktor“ verleihen wir zwar nicht die Höchstnote von 5, aber doch 4 Einkaufstüten

Adresse
Sennaja Ploschtschad, Metro: Sadowaja/Sennaja Pl., Öffnungszeiten: 10-22 Uhr

Für Polarforscher: „Pik“


Eisige Luft schägt uns direkt neben dem „Sennaja“ hinter der Glasfassade des Shopping-Centers „Pik“ entgegen. Hier herrscht auch sonst der russische Winter: Auf dem Weg durch das verworrene pseudofuturistische Gebäude wird man mit penetrantem russischen Elektropop beschallt.

Und auch das Angebot der Geschäfte lässt uns vergeblich nach bekannten Marken suchen. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn das Preis-Leistungs-Niveau stimmen würde. Doch die pseudo-exklusiven Shops mit wenig ansprechender Ware lassen die Lust am Kaufen schnell verfliegen.

Fröstelnd und enttäuscht steigen wir in den Keller des Gebäudes ab, zum Supermarkt „Perekrjostok“. Hier werden wir wieder besänftigt. Das Angebot ist vielfältig, man kann sogar lebende Karpfen oder Krebse direkt aus dem Aquarium kaufen. Beschwingt fahren wir ganz hoch zum Kino-Ñenter.

Erst jetzt bemerken wir die Cafes mit einem schönen Ausblick auf die Isaakskathedrale. Das Kino hat rund um die Uhr geöffnet und zeigt eine Mischung aus Hollywood-Streifen und russischen Filmen. Zwar hielt das Pik für uns einige angenehme Überraschungen bereit, doch wegen des Anflugs von Grippesymptomen, der schlechten Beschilderung und den hohen Preisen bei zweifelhafter Qualität reicht das nur für 2 Einkaufstüten

Adresse
Wladimirski Prospekt, Metro Wladimirskaja/Dostojewskaja, Öffnungszeiten: 11-21 Uhr

Für Leute von Welt: “Wladimirski Pasash”


Wer nur einen Fuß in diese feine, aber doch nicht so kleine Passage setzt, begreift schnell, dass hier der Pöbel nichts verloren hat. Ein Hauch von Luxus weht durch das von einer historischen Fassade getarnte Gebäude mit seiner italienischen Retorten-Piazza. Hier reihen sich edle Boutiquen an kleine Accessoireläden.

Und was insgeheim jedes Frauenherz höher schlagen lässt: Hier findet sich eine große Auswahl an reich bestickten und kitschig verzierten Brautkleidern - alles was eine heimliche Prinzessin für ihre Märchenhochzeit braucht. Zur Verköstigung erwarten uns in der obersten Etage nicht die üblichen Fastfood-Ketten, sondern eine Konditorei, eine Sushi-Bar und ein Food-Court, wo es sich in angenehmer Atmosphäre speisen lässt.

Der 24-Stunden-Supermarkt “Universam Lend” im Keller bietet ein breites Angebot. Besonders die Käsetheke ließ uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Dazu noch ein guter Wein – der ließe sich gleich nebenan in einer vielversprechenden Weinhandlung finden. Unser Fazit: mediterranes und edles Ambiente, ideal zum Flanieren und zum Sich-als-Mensch-von-Welt-fühlen. Der entscheidende Nachteil: Wir können uns hier absolut gar nichts leisten! Aus Neid verleihen wir nur 3 Einkaufstüten

Adresse
Ploschtschad Karla Faberge, Metro: Ladoshskaja, Öffnungszeiten: 10-21 Uhr

Für Schuhfetischisten: “Sanewski Kaskad”


Um eines klarzustellen: Wir sind Frauen und mögen Schuhe. Nein noch mehr, wir lieben Schuhe! Aber was uns am Ladoga-Bahnhof erwartete, haute uns aus den Socken: Es scheint in Russland eine Art Wettbewerb der Schuhverkäufer zu geben, sich mit der Höhe der Absätze (denen an den Schuhen, nicht unbedingt an der Kasse) gegenseitig zu übertreffen. Mit den meisten Exponaten könnte man leicht jemanden umbringen und uns stellte sich die Frage, wie man auf solchen Stelzen auch nur einen Schritt unfallfrei tun kann.

Die vereinzelten Nicht-Schuhgeschäfte fügten sich anstandslos ins Bild: Pelzduplikate, synthetische Glitzerkleidchen und palletenbestickte Taschen.

Dieses Einkaufszentren scheint errichtet worden zu sein, um alle schlechten Stereotypen über russische Frauen zu bestätigen. Da bleibt nur die Flucht runter in den Supermarkt - wieder ein „Perekrjostok“, jedoch unexklusiver als im „Sennaja“. Besonders originell: Hier kann man Wein zu moderaten Preisen direkt vom Fass kaufen. Der Liter kostet um die 100 Rubel.

Natürlich kommt auch dieses Objekt nicht ohne Food-Court und Kino in der oberen Etage aus. Aber insgesamt ist es ein Alptraum für Frauen mit Geschmack und Gewicht oberhalb der Magersuchtsgrenze wie auch für Männer, die von ihrer Gattin zum Samstagsnachmittags–Shopping gezwungen werden. Selbigen wird höchstens das Parkhaus gefallen – aber das reicht nun gerade mal für 1 Einkaufstüte

Adresse
Ecke Uliza Sawuschkina/Begowaja, Metro Tschjornaja Retschka, weiter per Marschrutka, Öffnungszeiten 10-21 Uhr

Für Freizeit-Menschen: „Merkurij“


Ohne eigenes Auto ist auch nicht ganz einfach, diesen zwischen grauen Wohnklötzen liegenden Einkaufskomplex ausfindig zu machen und NICHT mit der Marschrutka daran vorbei ins Datscha-Hinterland zu rauschen.

Doch wer rechtzeitig den Absprung gefunden hat, erfährt das „Merkurij“ als echtes Shoppingparadies: Das Erdgeschoss widmet sich fast ausschließlich der Verschönerung des heimischen Interieurs, während weiter oben die mehr oder weniger modebewussten Konsum-Junkies auf ihre Kosten kommen.

Kleine, edle Boutiquen reihen sich an riesige Klamottendiscounter. Westliche Marken sind ebenso vertreten wie russische Glitter-Flitter-Mode. Im dazugehörigen Supermarkt Paterson ist die Auswahl ebenso bunt und wir erwerben verschämt ein Gläschen überteuerte Pesto. Soviel Luxus muss sein!

Dabei wird hier nicht nur einfach eingekauft, es wird flaniert und gespeist, gebummelt und entspannt: Der sonnennahe Konsumplanet bietet auch ein riesiges Kino und eine beachtliche Fressmeile, künstlich erzeugte Gemütlichkeit mit Pseudostraßenlaternen, Bäumchen und Bänkchen – so verbringt also Piters Durchschnittsplattenbaubewohner seine Freizeit.

Und wer sein Geld nicht schon beim Shopping losgeworden ist, kann im Kasino Spielautomaten füttern und wird dabei nicht mal von seinem Zeter-Balg gestört, denn für den gibt es ein Kinderparadies mit Erzieherinnen und tonnenweise Spielsachen, in dem man seine lieben Kleinen für zwei Stunden abwerfen darf. Ja, dagegen sieht die standartisierte IKEA-Balllandschaft so schäbig aus wie ein russischer Hinterhof!

Unser Fazit: Rundumservice, ein breitgefächertes Angebot zu akzeptablen Preisen und dazu noch der angrenzende Freizeitpark – wir sind begeistert! Einzig für die komplizierte Anfahrt (ein Shuttle-Bus wäre fein) und die Tatsache, dass wir hier KEINEN Mango finden, müssen wir ein Beutelchen einbehalten, bleiben also noch 4 Einkaufstüten.
Adresse
Torfjanaja Doroga, Metro Staraja Derewnja, Öffnungszeiten: 10-22 Uhr

Für Stylische: „Gulliver“


„Torfstraße“ hin oder her, das in der Mitte dieses Komplexes thronende Kunstwerk – filigrane Eisenschiffchen, die sich um eine abstrahierte Weltkugel ringen – zeugt von speziellem Geschmack. Ebenso die Musik, fernab von Russenpop oder Kaufhausgedudel: Dank Moloko & Co herrscht Clubatmosphäre, wie man sie selbst in Petersburger Discos nur selten findet.

Entsprechend die Geschäfte: Westlich-hippe Marken stimmen klamottentechnisch auf das Szene-Nachtleben ein. Vom Make-up bis hin zu den Turnschuhen kann sich der modebewusste Petersburger Yuppie hier komplett durchstylen. Für die rechte Nahrung sorgt hier zu zivilen Preisen übrigens ein optisch ansprechender Ramstor-Supermarkt – und jedwedes Elektrogerät gibt es jenseits des Parkplatzes in einem riesigen M-Video-Markt.

Der Gulliver sorgt sich auch um die Freizeit der In-Shopper: Im Kinocenter „Mirage“ laufen Filme von US-Kost bis Russen-Blockbuster. Auch finden wir wieder Spielautomaten und Bowlingbahnen und der obligatorische Futtertrog erinnert mit Kebab House bis Call-a-Pizza schon fast an Berlin.

Alles in allem: Lichte Flure, ansprechende Architektur, wenig Gedrängel und stylische Geschäfte. Doch ist das Angebot eher beschränkt und kaum für den samstäglichen Einkaufs-Ausflug geeignet, was aber – so leid es uns tut – das Hauptkriterium für die Bewertung von Shopping-Malls sein sollte. Also füllen wir hier nur 3 Einkaufstüten

(Hannah Beitzer, Julia Garten / SPZ)

Shopping Mall Grand Canyon (foto: ld/rufo)
Shopping Mall Grand Canyon (foto: ld/rufo)
P.S. Petersburgs gegenwärtig größte Shopping-Mall, das „Grand Canyon“ hat vor einiger Zeit am Prospekt Engelsa 154 eröffnet. Wegen der abgelegenen Lage (Metro: Prospekt Prosweschtschenija) und der Tatsache, dass dort der obligatorische Supermarkt noch nicht eröffnet hat, blieb es bei diesem Test außen vor.

Für Shopping-Wütige gibt es hier Fachgeschäfte auf drei nobel ausgestatteten Etagen, ein Kino-Center sowie um die Ecke einen gut sortierten „Santa-House“-Supermarkt mit allem Kleinkram für die heimischen vier Wände. Allerdings soll der Gigant nicht lange Rekordhalter bleiben: IKEA plant für den Herbst 2006 nach Moskauer Vorbild die Eröffnung gleich zweier Riesen-Malls im Norden und im Südosten der Stadt. (ld)


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Die Shopping-Mall "Sennaja" am Heuplatz ist nur eines der neuen Einkaufszentren, die in den letzten Jahren in St. Petersburg entstanden sind. Es gibt aber auch noch genuin "russische" Einkaufsmöglichkeiten. (Foto: Deeg/.rufo)



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