Juri Lebedew mit seiner Übersetzung des Surminski-Buches (Foto: eva/SPZ)
Dienstag, 03.07.2007
"Früher suchte ich Feinde, heute suche ich Freunde"
St. Petersburg. Der Übersetzer und Militärhistoriker Juri Lebedew engagiert sich seit 15 Jahren für die deutsch-russische Versöhnung und die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs auf der zwischenmenschlichen Ebene.
Zum Jubiläum der Städtepartnerschaft St. Petersburg - Hamburg ist die russische Fassung von Arno Surminskis Roman "Vaterland ohne Väter" fertig geworden. Nun sucht Lebedew einen Verlag dafür. Die SPZ sprach mit Lebedew über dieses und andere Projekte.
SPZ: Herr Lebedew, warum mögen Sie Arno Surminskis Bücher?
Weil sie sehr einfach, zugänglich und verständlich und sehr wichtig für die Entwicklung der Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sind. Dank seiner einfachen Sprache ist Surminski im Stande, mehr zu sagen als Politiker hinter dem Rednerpult oder Wissenschaftler an Symposien. Er kann viel einfacher ausdrücken, was uns während des Kriegs verfeindet hat und was uns heute verbindet.
SPZ: Arno Surminski hat viele Bücher über die Deutschen und den Osten geschrieben. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Buch für Ihre Übersetzung ausgewählt?
Zur Person
Juri Lebedew ist (wie Wladimir Putin) ehemaliger Geheimdienst-Offizier und Deutschland-Spezialist. Nach dem Zerfall der Sowjetunion stellte er seine Sprach- und Landeskenntnisse in den Dienst der deutsch-russischen Verständigung. \"Früher suchte ich Feinde, heute suche ich Freunde\", pflegt er zu sagen. Lebedew sammelt und übersetzt Soldatentagebücher und organisiert als Mitglied der Versöhnungskommission Treffen zwischen Kriegsveteranen. Außerdem trug er zur Eröffnung des deutschen Soldatenfriedhofs und der Gedenkstätte von Sologubowka bei. Lebedew wird bei den Jubiläumsfeierlichkeiten der Städtepartnerschaft Hamburg-St.Petersburg zusammen mit Autor Arno Surminski den Roman \"Vaterland ohne Väter\" vorstellen.
Das ist eine gute Frage – ich bin wie durch Schicksalsfügung auf dieses Buch gestoßen. Ich hatte nicht lange zuvor das Buch von Hasso G. Stachow "Die Tragödie an der Newa" übersetzt. Dabei ging es mir hauptsächlich darum, zu zeigen, wer auf deutscher Seite am Blockadering um Leningrad kämpfte, wo damals auch meine Mutter eingeschlossen war.
Ich bin selbst Reserveoffizier, und ich interessierte mich dafür, wer diese deutschen Soldaten waren, über die man uns in der Schule einfach gesagt hatte, sie seien alle Faschisten gewesen.
Mit der Übersetzung von Stachows Buch versuchte ich, diesen Soldaten ein persönliches Gesicht zu geben. Danach suchte ich ein Buch, das nicht so stark an die Leningrader Blockade gebunden ist und eine globalere Sicht des Kriegs zeigt – so bin ich auf Surminski gestoßen.
Ich weiß nicht, ob er mich gesucht hat, oder ich ihn, auf jeden Fall war es für mich ein großer Glücksfall. Als ich mich mit Surminski traf, merkte ich sofort, dass er ein sehr anständiger Mensch mit einem guten Herz ist – das ist für mich sehr wichtig.
SPZ: Der Zweite Weltkrieg ist schon lange vorbei, die Kriege gehen weiter - haben solche Bücher einen Einfluss auf die Politik?
Ich denke, solche Bücher braucht es unbedingt. Es ist kein Zufall, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel während des Volkstrauertags in ihrer Gedenkrede Surminski für sein Buch gedankt hat. Sie nannte es "ein ergreifendes Werk" und zitierte sogar einige Stellen daraus.
Merkel stammt selbst aus jener Töchter-Generation, die ohne Väter aufgewachsen ist und hat dadurch eine direkte Beziehung zu Surminskis Geschichte. Ich bin sehr glücklich, dass sie dieses Buch kennt.
SPZ: Deutschland und Frankreich waren einst "Erbfeinde", heute leben sie in freundschaftlicher Nachbarschaft. Werden sich Russland und Deutschland einst so stark annähern können?
Ja unbedingt, aber nicht schon morgen, sondern eher übermorgen, weil wir sehr unterschiedliche Charaktere besitzen. Die Mentalitäten der Deutschen, Franzosen und aller übrigen zentraleuropäischen Nationen sind trotz allem nicht so verschieden. Unser Land wurde sehr stark durch den Osten geprägt – stets bildeten wir die Grenze zwischen Europa und Asien. Das wird uns noch lange von Europa trennen. Aber trotz allem entwickelt sich die Welt heute sehr schnell, dank des Internets und dank des Verschwindens des eisernen Vorhangs.
Ich sehe mit viel Optimismus in die Zukunft und denke, dass Deutsche und Russen sehr enge Partner werden und sich vielleicht einmal näher stehen werden als ihren direkten Nachbarn. Es ist ein Paradoxon der Geschichte, dass Völker, die sich bekriegt haben, danach oft die besten Freunde werden.
Sie engagieren sich nun bereits seit 15 Jahren für die Versöhnung zwischen Russen und Deutschen. Wie ist der Stand heute, und wie geht es weiter?
Ich denke, dass wir die Versöhnungsphase bereits hinter uns haben, denn versöhnen müssen sich jene, die Feinde waren. Diese Generation ist leider bereits am Verschwinden, ein Großteil ihrer Menschen sind gestorben. Jene Leute, Russen und Deutsche, die noch am Leben sind, haben vielfach aus gesundheitlichen oder materiellen Gründen keine Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu kommen. Ein wichtiges Zeichen dafür, dass die Versöhnung stattgefunden hat, ist der deutsche Soldatenfriedhof in Sologubowka, der 2000 eröffnet wurde.
Nun beginnt ein neuer Abschnitt der Verständigung, den die jungen und mittleren Generationen vollziehen werden. Dank Reisen, Austausch, Internet und wachsenden Fremdsprachenkenntnissen haben sie sehr gute Möglichkeiten, sich zu verständigen und die Mentalitätsunterschiede zu überbrücken.
(Interview: eva/SPZ)
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