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Natalja Ilminskaja (Foto: privat/SPZ)
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Donnerstag, 01.03.2007

„Pures Glück, dass wir nicht verraten wurden“

St. Petersburg. Die 84 Jahre alte Natalja Ilminskaja gehört zu den wenigen deutschstämmigen Russen, die sowohl die Leningrader Blockade als auch Stalins Repressionen gegen Deutsche überlebten. Ein SPZ-Interview.

Ihr Großvater Robert Hesselbarth war im 19. Jahrhundert nach seiner Heirat mit einer Petersburger Deutschen in damalige russische Hauptstadt gezogen. Unsere Gesprächspartnerin wurde hier 1922 geboren.

SPZ: Wie haben Sie St. Petersburg in ihrer Jugend wahrgenommen?

Das war nicht nur für mich, sondern für meine gesamte Familie und mein Umfeld eine sehr schwere Zeit zum Leben. Als ich geboren wurde, war der Krieg zwar noch nicht ausgebrochen, aber wir waren arme Leute. Meine Mutter hatte keine Arbeit, und mit dem mageren Gehalt meines Vaters, der studierter Musiker war, musste eben die ganze Familie inklusive zweier Kinder ernährt werden.

SPZ: Wie haben sie sich zu Beginn der Repressionen gegen die Deutschen verhalten?

Wir haben einfach aufgehört, Deutsch zu reden. Das ist auch der Grund, warum ich meine Muttersprache inzwischen nur noch sehr schlecht spreche. Damals haben wir in einer Kommunalwohnung gelebt, ich war sehr jung und weiß noch, dass uns unsere Nachbarn nicht besonders wohl gesonnen waren. Wir haben versucht, nicht aufzufallen, obwohl wir natürlich in der ständigen Angst leben mussten, entdeckt zu werden. Letztendlich war es pures Glück, dass wir nicht verraten worden sind. Mein Vater hat sich frühzeitig um einen russischen Pass für mich bemüht, so war ich auf dem Papier russisch, das hat natürlich auch geholfen.

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SPZ: Wie haben Sie den Krieg erlebt?

Als der Krieg ausbrach, hungerten wir wie alle anderen Einwohner Petersburgs. Die Rationen wurden immer kleiner, Tauschhandel war überlebenswichtig. Jeden Monat ist ein Mitglied meiner Familie gestorben. Zuerst mein Vater, das hat nicht lange gedauert, dann meine Tanten, zuletzt meine Mutter. Sie war eine sehr starke Frau. Aber eines Morgens lag sie tot im Bett.
Irgendwann stumpfen die Gefühle ab, irgendwann weint man nicht mehr, wenn man einen weiteren Menschen begraben muss, der einem sehr nahe gestanden hat. Ich habe keinen Hass gegenüber den deutschen Besatzern empfunden, nein, das nicht. Im Krieg arbeitete ich einige Jahre als Krankenschwester – doch oft kamen wir zu spät und konnten nur noch Leichen bergen.
Nachdem ich Vollwaise geworden war, wurde ich bei meiner Arbeit besonders unterstützt. Letztendlich hat es mich gerettet, dass ich während der Blockadezeit bei der Flugabwehr der Armee diente. So hatte ich den Schutz der Gruppe.

SPZ: Wie ist ihr Leben nach dem Krieg verlaufen?

Nach dem Krieg habe ich eine technische Hochschulausbildung absolviert. Ingesamt habe ich 30 Jahre als Ingenieurin gearbeitet, habe zwei Kinder bekommen und kann mich heute sogar über einen Urenkel freuen.
In der Katharinenkirche auf der Wassili-Insel, in der ich vor über 80 Jahren getauft worden bin und die während der kommunistischen Zeit als Tonstudio genutzt wurde, bin ich auch heute noch aktiv. Hier besuche ich die Gottesdienste und höre mir Konzerte an. Schon mein Vater war Organist in dieser Gemeinde, vielleicht habe ich auch deshalb einen besonderen Bezug dorthin, weil ich dort praktisch aufgewachsen bin.“

SPZ: Hatten und haben Sie noch Kontakt zu anderen Deutschstämmigen?

Ich bin Russin, ich fühle mich als Russin geborgen, habe hier geheiratet und ich lebe hier, in Russland liegen meine Wurzeln. Allerdings ergab sich im Jahre 1991 die Möglichkeit, zum 300-jährigen Jubiläum der Familie Hesselbarth – meiner Familie – nach Deutschland zu reisen. Ich habe dort zwei Wochen verbracht, die ich sehr genossen habe. Ich schreibe heute noch zwei Cousinen aus München, die ich bei diesem Treffen kennen gelernt habe. Dafür musste ich mich zwar an mein längst vergessen geglaubtes Deutsch erinnern, doch wir halten den Kontakt.

SPZ: Frau Ilminskaja, herzlichen Dank für das Gespräch!



(Interview: Sara Reith/SPZ)

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