Montag, 15.05.2006

Dauerstau: Wie St. Petersburg unter die Räder kam

Besondere Engpässe für die Blechlawine sind die Petersburger Newa-Brücken. (Foto: ld/SPZ)
St. Petersburg. Jeden Morgen das gleiche Bild: Endlose Autokolonnen wälzen sich in Richtung Zentrum – und vor den Brücken und Kreuzungen wachsen die Staus. Tag für Tag drängen 230.000 Autos in die Petersburger City.
Vor dem Verkehrskollaps braucht man in St. Petersburg nicht mehr zu warnen, er ist schon eingetreten. Montags bis freitags, von etwa 9 bis 11.30 Uhr und abends wieder zwischen 17 und 19.30 Uhr, verdichtet sich der Verkehr auf den Straßen in bzw. aus der Innenstadt bis zum Stillstand.

Der Begriff „Rush-hour“ geht an der Sache vorbei: „to rush“ heißt „jagen, dahinrasen“ – hier aber wird nur noch gedrängelt und geflucht und mit einer Durchschnitts-„Geschwindigkeit“ von 5 bis 8 km/h vorwärts gekrochen. Stört dann noch irgendwo ein Unfall, eine Baustelle oder eine Straßensperrung wegen einer Politiker-Eskorte den Zähfluss, geht gar nichts mehr.

Heute schon geflucht? Kreuzen Sie mal den Newski ...


Aber auch außerhalb dieser Zeiten ist das Verkehrs-Chaos allgegenwärtig: Das Vorhaben, werktags mit dem Auto am Litejny oder der Fontanka den Newski Prospekt zu kreuzen oder vor dem Moskauer Bahnhof den Ploschtschad Wosstanija zu passieren, wächst sich immer in eine Geduldsprobe aus.

Der stinkende Blechlindwurm wuchert auch in immer mehr Nebenstraßen (sog. „Schleichwege“) hinein – und verwandelt das Stadtzentrum wie auch die Hauptverkehrsadern zunehmend in ein für den Daueraufenthalt von Menschen ungeeignetes ökologisches Katastrophengebiet.

Blaulicht statt Verkehrspolitik


Jeder Petersburger Autofahrer wird es bestätigen: Die Staus werden immer schlimmer, von Jahr zu Jahr. Dabei schienen die Behörden diesem automobilen Tsunami bisher völlig teilnahmslos gegenüber zu stehen. Viele städtische Schlaglochpisten wurden zwar neu asphaltiert – aber eine Verkehrspolitik in Petersburg? Wozu denn, wenn man mit seiner Blaulicht-Limousine auch so überall freie Fahrt bekommt ...

Bis die Ringautobahn wirklich fertig ist, dauert es noch etwas: Brückenbaustelle in Rschewka im Mai 2006 (foto: ld/rufo)
Lange Zeit beschränkten sich die Lösungsansätze der Stadtverwaltung auf die forsche Behauptung, sobald die neue Ringautobahn draußen vor der Stadt den Durchgangsverkehr aufnehme, sei das Problem aus der Welt. Und bei der Verkehrspolizei schob man gerne alles Übel auf die fehlende Disziplin der Autofahrer: Falsch geparkte Fahrzeuge und die dumme Angewohnheit, in verstopfte Kreuzungen einzufahren – gäb’s dass nicht, würde schon wieder alles flutschen.

Ein banaler Grund: Zu viele Autos


Die Ursache des Problems ist dabei völlig banal – und im Prinzip erfreulich: Den Petersburgern geht es wirtschaftlich besser und besser (und auch Kredite sind immer leichter zu haben), weshalb sie sich mit Begeisterung neue Autos kaufen.

2005 wuchs der Autobestand in Russland um sieben Prozent (womit es sich hier um den am schnellsten wachsenden Automarkt Europas handelt) – aber die Statistik hinkt der Realität hinterher: Während Rentner und andere Sonntagsfahrer ihre schon lange im Hinterhof vom Rost zerfressene alten Moskwitschs nach und nach abmelden, schafft der neue Petersburger Mittelstand sich pro Jahr über 100.000 neue Autos an – und will damit auch fahren. Und zwar täglich, zur Arbeit, zum Einkauf, zum Sport ...

Inzwischen gibt es in der Stadt über 1 Million Autos. Die Blechlawine schwoll zugegeben schneller an als man im nötigen Umfang neue Straßen, Über- und Unterführungen oder Parkhäuser hätte bauen können. Doch in Petersburg geschah in dieser Richtung in den letzten Jahren herzlich wenig.

Die nachsowjetische Massenmotorisierung hat die Kapazität der einst luxuriös breiten Prospekte und der schlicht gestrickten Kreuzungen einfach erschöpft.

Parken wo es gefällt: Anarchie am Straßenrand


Allerdings drängen in westeuropäischen Städten (wo es pro Kopf doppelt bis dreimal mehr Autos gibt) bedeutend weniger Fahrzeuge in die Innenstädte. Denn dort ist das Parken teuer oder verboten. In Petersburg hingegen kann man sein Vehikel ungestraft fast überall abstellen, wo nur irgendwie Platz ist – und das kostenlos.

Schuld ist eine vorsintflutliche Gesetzeslage, die es in Russland nicht erlaubt, Parkgebühren auf öffentlichen Straßenflächen zu kassieren. Auch fehlt eine einsatzfähige Zentraldatei aller Fahrzeughalter, die es möglich machen würde, mit „Knöllchen“ Falschparker abzustrafen. Wen die Verkehrspolizei heute nicht persönlich am Auto ertappt, der kann stundenlang kostenlos im Parkverbot oder auf dem Gehweg stehen. Konsequent abgeschleppt wird allenfalls am Newski – und auch dies auf rechtlich fragwürdiger Grundlage.

Nun bläst der Smolny doch zum Kampf


Wie weiter auf Petersburgs Straßen? immerhin macht sich der Smolny jetzt ernsthafte Gedanken. (foto: Deeg/rufo)
Immerhin, in diesem Frühjahr scheint der Smolny aus seinem Dämmerschlaf erwacht zu sein: Berater des finnischen Verkehrsministeriums präsentierten einen radikalen Reformplan: Innerhalb von drei bis fünf Jahren soll eine City-Maut-Zone ausgewiesen werden, in die nur noch Bewohner und Zahlungswillige einfahren dürfen. Das Parken am Straßenrand soll kostenpflichtig werden und gleichzeitig will man an Metro- und Bahnstationen 20 bis 30 günstige Park-and-Ride-Plätze für 50.000 Autos anlegen.

Voraussetzung für die ersten beiden Maßnahmen ist allerdings ein ganzes Paket von Änderungen föderaler Gesetze durch die Duma – inklusive deutlich höherer Strafen für Verkehrssünder. In der eigenen Macht der Stadt steht es, mit mehr Einbahnstraßen und Ampeln den Verkehr zu entflechten – derartige Umbauten sind schon im Gange.

Tunnels, Brücken und Stadtautobahn sollen Entlastung bringen


Und schließlich sind ambitionierte Projekte geplant: Mit dem Bau einer Nord-Süd-Stadtautobahn zum Hafen und später dann entlang der Meeresküste wurde bereits begonnen. Die Wassili-Insel soll durch zwei weitere Brücken angebunden werden.

In der Nähe des Smolny will man bis 2010 einen sechsspurigen Autotunnel unter der Newa graben lassen, der, anders als die Klappbrücken, auch rund um die Uhr befahren werden kann. Die Kosten allein dieses Bauwerkes sind aber immens: ca. 700 Mio. Euro. Finanziert werden soll die Röhre zum Teil privat – und deshalb mautpflichtig werden.

So schnell ändert sich aber nichts


Bis allerdings all diese (Bau-)Maßnahmen umgesetzt sind und greifen, vergehen Jahre – in denen die Autoflut an der Newa nochmals um 30 bis 50 Prozent anwachsen dürfte. Mittelfristig wird also alles nur noch schlimmer werden.

Wobei es allerdings in der Entscheidung der meisten Autofahrer selbst liegt, ob sie immer länger und immer öfter im Stau versauern wollen oder nicht: Man könnte ja wie früher auch ab und an mal wieder die Metro benutzen und ein Stück zu Fuß gehen. Oder – für die Masse der Petersburger offenbar bislang noch ein völlig abwegiger Gedanke – aufs Fahrrad oder ein Moped steigen.

(Lothar Deeg/SPZ)