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Wenig Hirn, aber ein großer Leib und lange Finger: Dennoch finden Touristen diesen russischen Staatsbeamten attraktiv. (Foto: eva/SPZ)
Wenig Hirn, aber ein großer Leib und lange Finger: Dennoch finden Touristen diesen russischen Staatsbeamten attraktiv. (Foto: eva/SPZ)
Dienstag, 25.07.2006

Denk mal! Peter der Große mit dem kleinen Kopf

St. Petersburg. Michail Schemjakins berühmte Skulptur von Zar Peter I. regt zum Denken und Schmunzeln an. Die seltsame Figur in der Peter-Pauls-Festung symbolisiert auch Schwäche und Menschlichkeit der ganz Großen.

Auch bei noch so prominenter Platzierung kommt es leicht vor, dass man in dieser Stadt völlig acht(ungs)los an einem Standbild vorbeispaziert – im Falle des Peter-Denkmals in der Peter-Pauls-Festung ist das ausgeschlossen.

Schon von weitem glänzt einem der blank gewienerte Glatzkopf des bronzenen Stadtgründers entgegen, und nach dem "Sieh mal!" kommt hier auch gleich ein "Denk-mal!".

Wie alle, die ihn zum ersten Mal sehen, bleibt man für einen Moment irritiert stehen und betrachtet den Fürsten in seiner ganzen Hässlichkeit: Statt eines edlen Ritters mit athletischer Statur sitzt hier ein monsterhafter Koloss.

Zwischen seinen mächtigen Schultern liegt – wie im Nachhinein angenäht – ein Köpfchen ohne Haare, dessen übergroße Augen geradeaus ins Leere starren. Nicht die edlen und fähigen Hände eines Schöpfers, genialen Herrschers und Strategen hat er, sondern eklige, lange Spinnenfinger.

Schmunzeln und Kopfschütteln garantiert


Eine Schönheit ist schemjakins Peter wahrlich nicht. (Foto: ld/rufo)
Eine Schönheit ist schemjakins Peter wahrlich nicht. (Foto: ld/rufo)
Die meisten nehmen das mit Humor. Der eine oder andere muss schmunzeln, weil ihm vielleicht "Emil und die Detektive" in den Sinn kommt, in dem der Romanheld das Denkmal seiner Heimatstadt mit einer roten Nase und einem Schnurrbart verunziert. Andere schütteln ungläubig den Kopf oder beschweren sich lauthals über die Frechheit, einen so großen Mann in solch unwürdiger Weise darzustellen.

Dann muss die Reiseleiterin vermittelnd eingreifen – man dürfe das nicht so sehen, viel wichtiger sei die künstlerische Umsetzung der Persönlichkeit Peters des Großen und so weiter ...

Aber eigentlich wissen auch sie nicht so recht, was sie sagen sollen. Denn schöner wird der Peter dadurch ja auch nicht.

"Der eherne Sitzer"


Nur eines ist klar, seine Hässlichkeit macht ihn menschlich, und er verliert jene Unnahbarkeit idealisierter Herrscherbilder – ein Mensch mit Stärken und Schwächen eben.

Der beste Beweis dafür sind all die Touristen, die sich mit Vergnügen in seinen Schoss setzen und fotografieren lassen. Dies ist ein Denkmal, das man berühren kann, ohne angeschnauzt zu werden, wovon die blank gewetzten Hände zeugen.

Trotz seiner Jugend besitzt das Denkmal bereits Kultcharakter und wird von der Bevölkerung liebevoll mit Übernamen bedacht, so zum Beispiel "Peter der Vierte", weil es zuvor schon drei Denkmäler seiner Person gab, oder "Der eherne Sitzer", in Anspielung auf den "ehernen Reiter", das Peter-Denkmal am Newa-Ufer.

Denkmal einer kurzen liberalen Epoche


Man kann diesen Peter aber auch als Denkmal für eine kurze liberale Epoche in der Stadtgeschichte sehen. In seinem Entstehungsjahr 1991 erhielt die Stadt mit dem Rechtsprofessor Anatoli Sobtschak einen Reformpolitiker zum Bürgermeister, der noch heute als Vorbild für eine weltoffene und kultivierte Politik gilt. Er ermöglichte unter anderem Michail Schemjakin die Errichtung dieser Skulptur.

Bei Russland-Aktuell
• Alexandersäule: Leichter Engel auf schwerem Bein (05.06.2006)
• Peter-Denkmal: Worauf der Eherne Reiter galoppiert (27.10.2005)
• Zeretelis Gigantomanie in der Manege (17.03.2005)
• Der Matrose kriegt wieder keine Frau (15.03.2005)
• Petersburg rückt seinen Denkmälern zu Leibe (30.04.2004)
Für den verstoßenen Exil-Künstler war es eine symbolische Rückkehr in seine Heimat, die er 1971 verlassen musste. Als Zeichen des Widerstandes erschien der Bildhauer in Uniform und Soldatenstiefeln, in denen er gegen den Rhythmus von Militärmusik marschierte. 1943 geboren, besuchte er ab 1957 die Repin-Kunstakademie, von der er nach zwei Jahren ausgeschlossen wurde. Danach schlug sich Schemjakin als Gelegenheitsarbeiter und Untergrund-Künstler durch, wurde verhaftet und psychiatrisch zwangsbehandelt.

Michail Schemjakin: Ehrendoktor im Exil


Zusammen mit dem Philosophen Wladimir Iwanow verfasste er den "Metaphysischen Synthetismus", dem eine neue Art von Ikonenmalerei und das Studium religiöser Kunst aller Zeiten und Kulturen zugrunde liegt. Für dieses Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Ehrendoktorwürde der Universität San Francisco.

In den USA, wo Schemjakin heute noch lebt, machte der vielseitige Künstler Karriere. Heute besitzt er auch in Petersburg eine Werkstatt und finanziert verschiedene Projekte für sozial Benachteiligte.

Heute wird Schemjakin zwar als international erfolgreicher Künstler in Russland hofiert, seine Skulpturen stehen unter anderem auch in Moskau und Kaliningrad.

Aber es ist zu bezweifeln, ob man heute seinen Zar Peter noch einmal an solch prominenter Stelle platzieren würde. Denn dieses Denkmal verkörpert weder Macht noch Nationalstolz – zwei Dinge, die 15 Jahre später wieder sehr in den Vordergrund gerückt sind.

(-eva/SPZ)


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