Trotz Timoschenko: Polen und Ukraine erwarten gute EM
Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
Startseite


Vieles von dem, was heute in Petersburg baulich entsteht, erinnert nach wie vor an Leningrad: Neubauten auf der Wassili-Insel (Foto: ld/rufo)
Vieles von dem, was heute in Petersburg baulich entsteht, erinnert nach wie vor an Leningrad: Neubauten auf der Wassili-Insel (Foto: ld/rufo)
Donnerstag, 14.09.2006

Der lange Weg von Leningrad nach Petersburg

St. Petersburg. Vor 15 Jahren bekam St. Petersburg nach einem Referendum seinen historischen Namen zurück. Doch vor allem viele Ältere nennen ihre Stadt nach wie vor Leningrad – aus Gewohnheit und Nostalgie.

„Von welchem Bahnsteig fährt der Zug nach Petersburg?“, frage ich eine Frau, die etwa 40 Jahre alt ist. „Nach Leningrad meinen Sie?“ erwidert sie und zeigt auf den zweiten Bahnsteig. Wir stehen an der Bahnstation Kuptschino, in einem Plattenbautenviertel am Stadtrand: Auch heute, 15 Jahre nach der Umbenennung, heißt die Newa-Metropole für manche Petersburger eben immer noch „Leningrad“.

1991 stimmten 54 Prozent der Leningrader für die Rückbenennung


Am 6. September 1991 verabschiedete der Oberste Rat der UdSSR einen kurzen Erlass: „Der Stadt Leningrad wird ihr historischer Name St. Petersburg zurückgegeben“. Hinter diesem Erlass lag ein heftiger Streit, der damals in der ganzen Sowjetunion geführt wurde. In der Stadt selbst vibrierte es wegen der Demonstrationen der „Petersburger“ und den Gegendemos von „Leningradern“.

„Damals gingen Tausende Leute auf die Straßen. Heute gibt es bei uns solche große Demos nicht mehr“, erzählt Sergej Chachaew, Vorstandsvorsitzender der St. Petersburger Bürgerrechtsgruppe Memorial. „Das Referendum zur Umbenennung am 12. Juni fiel mit der ersten Präsidenten- und Bürgermeisterwahl zusammen, die Atmosphäre in der Stadt war sehr angespannt“, erzählt er.

Memorial, als NGO für historische Aufklärung 1989 entstanden, hatte von Anfang an die Idee der Umbenennung unterstützt. „Wir waren absolut dafür, die Stadt wieder St. Petersburg zu nennen, da dies zur historischen Gerechtigkeit gehört“, so Chachaew. Mit einer Mehrheit von 54 Prozent haben die Leningrader damals für die Umbenennung gestimmt.

Petersburger Kultur und Leningrader Zurückhaltung – alles Vergangenheit?


Bei Russland-Aktuell
• Autoindustrie: Petersburg – das Detroit Russlands? (20.06.2006)
• Kampf der Baugiganten um Neu-Holland (07.02.2006)
• Leningrad 1939: Die Sportlehrer sprachen deutsch (28.07.2006)
• Denk mal! Peter der Große mit dem kleinen Kopf (25.07.2006)
• Russland streitet um Lenin und das Mausoleum (21.04.2006)
„Ich habe an der Abstimmung 1991 nicht teilgenommen“, sagt die 75-jährige Lidia Begajewa. „Aber die Umbenennung halte nach wie vor für eine Dummheit“. Begajewa lebt schon seit über 50 Jahren hier und hält sich für eine „Leningraderin“. „Es gibt ja nicht mehr die Petersburger Kultur des 19. Jahrhunderts. In den 90er Jahren ist eine völlig neue Generation in der Stadt entstanden. Dies sind auch keine Leningrader mehr: Sie haben die Höflichkeit, die Alltagskultur, für die Leningrad berühmt war, zum größten Teil verloren“, so die Rentnerin bedauernd.

St. Petersburg wurde seit seiner Gründung 1703 dreimal umbenannt. Das erste Mal geschah es zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914: Der Name der Reichshauptstadt klang den russischen Patrioten plötzlich „zu deutsch“ – und St. Petersburg wurde zu Petrograd.

Nach Lenins Tod 1924 bekam Petrograd die Ehre, den Namen des kommunistischen Revolutionsführers zu tragen: Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam Leningrad, das die 900-tägige Belagerung mit Not überstanden hat, noch den Ehrentitel „Heldenstadt“ zuerkannt.

Begajewas 27-jährige Enkelin, die auch Lidia heißt, mag hingegen den neuen alten Namen der Stadt: „St. Petersburg passt unserer Stadt besser.“ Ihre Oma könne sie aber auch gut verstehen: „Meine Generation hat einfach nicht die Belagerung und den Wiederaufbau der Stadt miterlebt, der Name Leningrad ist nicht so eng mit persönlichen Erfahrungen verbunden“.

Auch ehemalige Sowjetbürger sind laut Pass in Petersburg geboren


Soziologie-Student Vitali Rosow findet auch, dass „St. Petersburg“ einfach besser klingt. Er war aber verwundert, als er in seinem neuen Pass unter „Geburtsort“ den Eintrag „St. Petersburg“ gelesen hat. „Das stimmt einfach nicht, ich bin doch in Leningrad geboren“, sagt er. „Aber ich habe es nicht ändern lassen: das ist doch keine Prinzipienfrage“.

Vitali wohnt zudem an der Lenin-Straße und findet es in Ordnung, dass es nicht alles rückbenannt wurde: St. Petersburg liegt nach wie vor inmitten des Leningrader Gebietes, und in Moskau fahren die Züge dorthin vom Leningrader Bahnhof ab.

„Wir haben damals viele Hoffnungen mit der Umbenennung der Stadt verbunden. Es ist leider nicht alles so gekommen wie erwartet“, sagt Sergej Chachaew. „Die Reformen verliefen nicht fehlerfrei. Man kanndie augen nicht vor der Armut vieler Stadtbewohner verschließen.“ Der Weg von Leningrad nach St. Petersburg hat sich eben als sehr lang herausgestellt.

(Anna Litvinenko/SPZ)


Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Donnerstag, 14.09.2006
Zurück zur Hauptseite







Die Titelseite der ersten St.Petersburgischen Zeitung von 1729.





Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Petersburg intern
Schnelle Stadtnachrichten

24.05.2012Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
24.05.2012Alu-Zar Deripaska verliert Petersburger Großprojekt?
24.05.2012Vergewaltigtes Kind im Müllschlucker: 22,5 Jahre Haft
22.05.2012SPb.: Aus für Europa-Uferstraße und Ejfmans Tanzpalast?
18.05.2012Falschparken wird in St. Petersburg richtig teuer
17.05.2012SPB: Angriff auf Schwulen-Aktion trifft Gastarbeiter
17.05.2012USA zu Auslieferung von Viktor But prinzipiell bereit
15.05.2012Öffentlicher Nahverkehr in Petersburg wird teurer
15.05.2012Petersburg: „Kommunalkas“ noch im 22. Jahrhundert?
14.05.2012Bau von Petersburger Chinatown um drei Jahre verlängert
10.05.2012Erdölmagnat kauft Petersburger Flugterminal Pulkovo-2
09.05.2012Tag des Sieges – große Feiern in ganz Russland
04.05.2012Lenoblast vor Gouverneurs-Wechsel: Serdjukow muss gehen
04.05.2012Erstes Urteil wg. „Schwulenpropaganda“ in Petersburg
03.05.2012G20: Petersburger Konstantinpalast wird herausgeputzt

Mehr Petersburg bei www.petersburg.aktuell.ru >>>


Schnell gefunden
Petersburg Kultur
Petersburg Wirtschaft
Petersburg Architektur
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
St.Petersburg
Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
Kopf der Woche
Deripaska setzt auf Ex-Stasi-Agent und Putin-Spezi
Kommentar
G-8 u ASEAN: russische-amerikanische Beziehungsprobleme
Moskau
Protest-Lager: Barrikadnaja statt Saubere Teiche
Thema der Woche
Ämtertausch vollendet: Medwedew ist Premierminister
Kaliningrad
AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Freitag, 25. Mai
01:03 

Russland Geschichte: Aus finstersten Tiefen

Donnerstag, 24. Mai
18:22 

ESC: udmurtische Äffin sagt Sieg der Babuschki voraus

17:57 

Russland verliert Raketen-Radarstation in Aserbaidschan

17:22 

Trotz Timoschenko: Polen und Ukraine erwarten gute EM

16:14 

Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns zeigen!“

15:04 

Alu-Zar Deripaska verliert Petersburger Großprojekt?

13:58 

Minister verspricht Abschleppdienst per Helikopter

12:42 

Irak: Vier russische Biker sitzen in Militär-Gefängnis

12:13 

Vergewaltigtes Kind im Müllschlucker: 22,5 Jahre Haft

10:53 

Kremlwache kauft Atomschlag-sichere Kinder-Wiegen

09:23 

Demonstrantenführer Udalzow wieder auf freiem Fuß

01:03 

Geschichte Russland: Die „Aurora“ läuft vom Stapel

Mittwoch, 23. Mai
18:23 

Moskauer sollen eigene Speakers Corners bestimmen

17:53 

Ukraine lehnt Behandlung von Häftlingen im Ausland ab

17:13 

Verletzte bei Bruchlandung von Militärflugzeug

16:24 

Vor der EM: Sportjournalist pöbelt über Nationalspieler

15:11 

Tschetschenische Saurier-Eier sind profane Steine

13:51 

Kapitalflucht aus Russland kann auf 100 Mrd. USD steigen

12:35 

Anti-Alkoholkampagne: Wodka in Jakutien nur nachmittags

12:04 

Rosneft-Boss Setschin – der Mann, der Yukos beerbte

10:20 

Russlands Pop-Omas singen sich ins Finale des ESC

08:53 

Gorbatschow dementiert Gerüchte über seinen Tod

01:03 

Russland Geschichte: Schachkönig Karpow geboren

Dienstag, 22. Mai
18:33 

Späte Wiedergutmachung: Beutekunst zurück in Russland

17:55 

Studienplätze: Bildungsminister hat schlechten Einstand

17:22 

Medwedew jetzt offiziell Mitglied der Kreml-Partei

16:09 

Ukrainische Fußballerfrauen: sexy Posen für den Sieg!

15:17 

SPb.: Aus für Europa-Uferstraße und Ejfmans Tanzpalast?

13:41 

Viermal lebenslänglich im Prozess um Zuganschlag

12:49 

Medwedew führt Regierung der Stellvertreter an

11:15 

Alte Minister erhalten warmes Plätzchen bei Putin

10:11 

Gouverneur von Karelien Nelidow vorzeitig entlassen

09:04 

Weltkriegsveteran tötet Einbrecher im Handgemenge

01:03 

Geschichte Russland: Tretjakow-Galerie gegründet

Montag, 21. Mai
19:16 

Olympia in London: Kein Wodka im Beisein von Sportlern

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell





google.com
yahoo.com