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Statt weiterer deutscher Siedlerhäuser entstanden in Strelna teure Villen (Foto: ld/SPZ)
Statt weiterer deutscher Siedlerhäuser entstanden in Strelna teure Villen (Foto: ld/SPZ)
Montag, 05.02.2007

Dicke Luft in der deutschen Muster-Kolonie Strelna

St. Petersburg. Von wegen friedliches Landleben: In der vor zehn Jahren mit gehörigem Pomp begründeten russlanddeutschen Siedlung Strelna-Neudorf am Petersburger Stadtrand hängt der Haussegen mehr als schief.

Die meisten Bewohner weigern sich, die ihnen gestellten Rechnungen für kommunale Dienstleistungen zu begleichen – weil ihnen dabei ungerechtfertigt Dinge berechnet werden, mit denen sie nichts zu tun haben wollen. Das Problem geht jedoch tiefer: Das deutsch-russische „Musterprojekt“ ist eigentumsmäßig völlig verfahren.
Eine turbulente Versammlung von Bewohner, Verwaltern, Vertretern der Versorgungsunternehmen und Beamten des Petrodworezer Stadtbezirks am begann im November damit, dass Vitali Stepanischew von der „Entwicklungsagentur Neudorf-Strelna“,, versuchte, das Problem nüchtern zu rapportieren: „35 der 50 deutschen Häuser zahlen nicht“.

Laut Stepanischew verweigern die Siedler das Begleichen der von der Agentur gestellten Rechnungen, „weil sie die Übereignung ihrer Häuser erzwingen wollen, weil sie mit den berechneten Leistungen nicht einverstanden sind oder auch aus Prinzip.“

Das Resultat war ein zwei Stunden anhaltender Wutausbruch seitens der Bewohner – wie auch ihres nicht unbedingt sehr diplomatisch autretenden Anwalts. Ein Fazit daraus kann man so formulieren: Stepanischew selbst ist das Problem – oder zumindest ein großer Teil davon.

Seitdem er von Sergej Kelbach, dem Agentur–Chef und Initiator der russlanddeutschen Musterkolonie, als „Vizegeneraldirektor für Vermögensverwaltung“ eingesetzt wurde, weht ein rauher Wind durch das Wohngebiet. Den Bewohnern flatterten zunächst einmal Rechnungen der Agentur ins Haus, in denen ihnen gut 4800 Rubel pro Monat (ca. 140 Euro) für allerlei Dinge vom Unterhalt der Häuser und Grundstücke über das Straßenkehren bis zum Wachposten an der Einfahrt berechnet wurden.

Statt neuer Heimat – nur ein Tritt in den Hintern?


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Der Verwalter nannte das die „offiziellen Tarife in der Stadt“. Bislang hatten die Bewohner nur ein paar hundert Rubel für ihren direkten Verbrauch an Gas, Strom und Wasser gezahlt – und reparierten ihre Häuser und fegten ihre Gehwege in bester deutscher Gründlichkeit selbst. „Er hat uns schon mit einem Tritt in den Hintern gedroht“, sagt Irina Schadura – sprich, dem Rauswurf aus der Siedlung. „Seine Juristin erklärte uns: Ihr habt nicht auf der städtischen Warteliste für Wohnraum gestanden, also habt ihr kein Recht, diese Häuser zu bewohnen.“

Nun geht die Angst um. So hatten sich die Umsiedler ihren neuen Lebensabschnitt jedenfalls nicht vorgestellt. Ziel des von der Bundesrepublik Deutschland damals mit 10 Millionen Mark zu Dreivierteln finanzierten Projektes war es, vor allem Russlanddeutsche aus Sibirien und Mittelasien von der Auswanderung abzuhalten und ihnen in Russland eine Perspektive zu geben.

1300 Familien bewarben sich damals um die ersten 50 Häuser – und wurden nach Kriterien wie professionelle Fähigkeiten und Unternehmergeist ausgesucht. Denn ursprünglich sollte die Siedlung auf 170 Häuser wachsen und um ein Gemeindezentrum und ein Gewerbegebiet erweitert werden.

Erst mit Millionen gefördert – dann vergessen


Doch daraus wurde, wie so oft, nichts: Die Regierungen beider Staaten verloren alsbald das Interesse an dem Projekt - und die halbe-halbe der Stadt und einer russlanddeutschen Stiftung gehörende Entwicklungagentur begann ein Eigenleben: Der zweite Bauabschnitt mit 28 Häusern wurde als rein kommerzielles Projekt verwirklicht.

Seither stehen neben den damals maximal billig gebauten „deutschen Häuschen“ ziemlich pompöse Vorstadtvillen. Das Gewerbegebiet machte sogar Karriere: Es bekam vom Staat den Status einer „Sonderwirtschaftszone“ zugesprochen. Statt russlanddeutscher Handwerksbetriebe bauen dort nun Industriegiganten wie Bosch und Siemens ihre Werke, berichtet Agentur-Chef Kelbach nicht ohne Stolz.

1998 versprach man den Umsiedlern Eigentum an den Häusern


So schlicht die deutschen Häuschen auch sind - sie stehen in begehrenswerter Stadtrandlage (foto: ld/SPZ)
So schlicht die deutschen Häuschen auch sind - sie stehen in begehrenswerter Stadtrandlage (foto: ld/SPZ)
1998 waren die Bewohner eingezogen. Das diffuse Versprechen von damals, sie würden auf die eine oder andere Art mit der Zeit Eigentümer ihrer Häuser und Grundstücke, hängt seither in der Luft – genauso, wie es die Ansiedler selbst taten: Volle sechs Jahre lang verweigerte ihnen die bis zur Halsstarrigkeit unbewegliche russische Bürokratie eine „ständige Registrierung“ in Petersburg – und damit die Voraussetzung für viele Arbeitsverhältnisse und soziale Garantien.

Im Jahr 2000 gingen zwar die mit deutschem Geld gebauten Häuser an den russischen Staat über, nicht aber das Territorium und die darin verlegten Versorgungsnetze für Gas, Strom und Wasser. Dies steht weiterhin „auf der Balanz“ der Agentur. Diese erhalte aber seit 2002, so Verwalter Stepanischew, vom russischen Staat nicht mehr die vertraglich zugesichterten Subventionen zum Unterhalt. Ein Gerichtsverfahren in dieser Sache habe man zwar gewonnen, aber Moskau zahle nicht.

Chaotische Rechts- und Eigentumslage


Deshalb versucht die Agentur ihre Kosten auf die Bewohner umzulegen. Die fragten sich allerdings, warum sie plötzlich vier Straßenkehrer und einen Wachdienst finanzieren sollen – und stellten dabei fest, dass Kelbachs Unternehmen nach dem neuen Wohnungsrecht nicht das geringste Recht hat, bei ihnen überhaupt irgendetwas zu kassieren. Auch die „Ansiedlungsverträge“ von 1998 seien bei Lichte betrachtet inzwischen juristisch eigentlich nichtig – doch andere Dokumente gibt es bis heute nicht.

Auf der Versammlung versprachen Agentur und Behörden unisono, innerhalb eines halben Jahres die Übereignung der Netze an die Versorgungsunternehmen vorzunehmen. Die sind auch prinzipiell bereit, sie anzunehmen, so deren Vertreter – und könnten dann direkte Verträge mit den Bewohnern abschließen. Damit wäre zumindest ein Teil des Streits aus der Welt.

Alles schon mal dagewesen: 2002 sprach man über das gleiche Problem


Nur mag man in Neudorf daran nicht mehr glauben: „Im Juni 2002 wollten wir schon vor dem Smolny demonstrieren“, erzählt Irina Schadura. „Daraufhin gab es genau so eine Versammlung wie jetzt – auf der man die Übergabe der Leitungsnetze innerhalb von zwei Monaten versprach“.

Agentur-Chef Kelbach beteuert, von der verworrenen Lage „keine Dividenden, nur Kopfschmerzen“ zu haben. Ob das stimmt, darüber sind die Meinungen auch unter den Bewohnern geteilt. Aber alle, Siedler wie Verwalter und Beamte wissen: Hier geht es schon lange nicht mehr um ein deutsch-russisches Sozialprojekt, sondern um viel Geld. Immobilienmakler, die laut Kelbach immer wieder begierlichen Blickes durch Neudorf-Strelna streifen, taxieren jedes der 50 Häuschen auf eine Viertel Million Euro. (ld/SPZ)


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