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Das Atomkraftwerk in Sosnowy Bor (foto: J. Wriedt/SPZ)
Das Atomkraftwerk in Sosnowy Bor (foto: J. Wriedt/SPZ)
Mittwoch, 24.08.2005

Ein neues Städtchen – und ein altes Atomkraftwerk

Jana Wriedt, St. Petersburg. Sosnowy Bor, eine offiziell noch „gesperrte Stadt“ am russischen Ostsee-Ufer, lebt recht entspannt von und für die Atomenergie. Umweltprobleme werden im Alltag ausgeklammert.

„80 km“ steht auf dem Namensschild des Bahnhofs. Irgend jemand hat vor ein paar Jahren mal zwei Augen und einen lachenden Mund in die Null geritzt. Inzwischen sind die Spuren verblichen, aber immer noch sichtbar. Die Elektritschka aus St. Petersburg braucht zwei Stunden bis in die Stadt an einer Bucht des finnischen Meerbusens. Entlang der Schienen blitzt zwischen Baumstämmen und dichtem Grün zeitweise das Meer auf. „Kiefernwald“, so idyllisch lautet auf deutsch der Name von Sosnowy Bor.

Doch die Kiefern, die dem 60.000-Einwohner-Städtchen den Namen gaben, sehen nicht aus, als würden sie sich über diese Ehre freuen. Kahle und verfärbte Stellen an den Stämmen zeigen, wie es um den Zustand der Bäume bestellt ist. In einer Langzeitstudie haben Biologen des Institutes für landwirtschaftliche Radiologie und Agroökologie herausgefunden, dass die Mutationsrate bei den Kifern von Sosnowy Bor um ein Vielfaches höher liegt als in der Region 20 Kilometer vor der Stadt.

Eine Stadt als Anhängsel eines Atomkraftwerks

Der Schuldige für solche Umweltschäden ist in Sosnowy Bor leicht zu finden. Denn die noch junge Stadt wurde nur aus einem einzigen Zweck gegründet: Seit 1973 steht hier an der malerischen Koporskaja-Bucht eines der größten und ältesten Atomkraftwerke Russlands. Die „Leningradskaja Atomnaja Elektrostanzija“ (LAES) liefert der benachbarten Millionenstadt fast 40 Prozent ihrer Energie. 28 Milliarden Kilowattstunden werden hier jährlich produziert. Für Umweltschutzgedanken blieb bei diesen wirtschaftlichen Dimensionen lange kein Platz.

„Dabei ist das Leben hier doch ganz normal“, findet Alexander. Er und sein Freund Dmitri haben Nuklearenergietechnik studiert und arbeiten seit zwei Jahren im Kraftwerk. Alexander feiert seinen 25. Geburtstag mit einer Grillparty am Strand. In Sichtweite ihres Arbeitsplatzes lassen sich die jungen Leute ihre Schaschlikspieße schmecken. Alex hat Glück, die Sonne scheint, das Wetter lädt zum Baden ein. Das Wasser in der Bucht ist schon fast lauwarm. „Aber ich glaube nicht, dass das am Kraftwerk liegt.“ Dabei passieren 200 Kubikmeter Meerwasser pro Sekunde den Kühlkreislauf.

Ein Strand wie jeder andere – mit atomarer Heizung

Mehrere zig Millionen Fische finden dabei jährlich den Tod in den Wehren – ein Schaden nicht nur für die Natur, so die Umweltorganisation „Green World“. Deren Experten beziffern den wirtschaftlichen Verlust durch entgangene Fänge auf täglich 3.000 Euro. Das empfindliche Ökosystem des finnischen Meerbusens leidet in der Bucht ganz erheblich. „Zwei Drittel der erzeugten Energie gehen als Abwärme verloren“, so „Green World“-Sprecher Oleg Bodrow. „Nur ein Drittel der Atomenergie wird überhaupt in Elektrizität umgewandelt.“ Das warme Wasser bietet giftigen Blaualgen eine gute Lebensgrundlage.

Weite Strände und hohe Schlote bestimmen die Landschaft von Sosnowy Bor (foto: J. Wriedt/SPZ)
Weite Strände und hohe Schlote bestimmen die Landschaft von Sosnowy Bor (foto: J. Wriedt/SPZ)
Heute jedoch sind keine Algen zu sehen, die den Schwimmern in Sichtweite des Kernkraftwerks Probleme bereiten würden. Nach Schaschlik und Wein, Volleyball am Strand und einem kleinen Sonnenbad machen sich Alex und seine Freunde zu Fuss auf den Heimweg. Für russische Verhältnisse ist Sosnowy Bor nicht groß. Dafür bot die Atom-Stadt in Sowjetzeiten vieles, um das andere Provinzstädte dieser Dimension sie beneidet hätten – Sportclubs, Musikschulen und das Miniatur-Märchenland „Andersengrad“. Auf dessen kleiner Schlossbühne finden noch heute Aufführungen statt. In Sosnowy Bor siedelte eine Techniker-Elite – und das AKW verlieh der Stadt einen bescheidenen Wohlstand.

Im Zentrum Sosnowy Bors sieht es dennoch trostlos aus. Geplant auf dem Reißbrett und in Windeseile aus dem Boden gestampft, hat die Stadt lediglich mit der pittoresken Kinder-Burganlage von Andersengrad einen Platz, der zum Bummeln einlädt. Um die Anlage herum führt eine kleine Go-Kart-Bahn, für 40 Rubel darf man ein paar Minuten im Schneckentempo Formel 1 spielen. Ein Stück weiter ragt die „Rassel“, das höchste Gebäude der Stadt, 14 Stockwerke in den Himmel. Bei Wind scheppern die metallenen Balkonabdeckungen, die dem Haus seinen Spitznamen eingebracht haben, ohrenbetäubend.

Ruinen künden von einstigen Ausbauplänen

Von dort oben reicht der Blick über die umgebenden Wälder bis zur Ostsee. Links in der Ferne ragen die Schornsteine der LAES in die Luft. Die beiden Blöcke mit je zwei Reaktoren liegen ein gutes Stück auseinander. Unsichtbar dahinter befinde sich die großen und trotzdem hoffnungslos überfüllten Lagerstätten für Atommüll, RADON genannt. Rechts der Koporskaja-Bucht ragt eine mächtige, breite Turmruine in den Himmel, ein Überbleibsel eines geplanten nuklearen Forschungszentrums, für das das Geld nicht reichte. Nun prägt das gigantische Betonskelett den bewaldeten Streifen vor den Dünen der Bucht.

„Ein paar unserer Kommilitonen sind nach dem Studium in die Forschung gegangen“, erzählt Dima. „Aber mir wäre es dort zu streng. Die Geheimhaltungsregeln besagen, dass man Russland auf Jahre hinaus nicht verlassen darf – selbst wenn man schon längst nicht mehr dort arbeitet.“ Dima möchte mit seiner Freundin demnächst Urlaub in Ägypten machen, das Geld dafür hat er sich bereits zusammen gespart.

Das AKW als guter Arbeitgeber

Seine Eltern waren Anfang der 80er Jahre aus dem fernen Sibirien an die Ostsee gekommen. Heute arbeiten Vater und Sohn beide im Kraftwerk. Nach zwei Jahren Berufserfahrung bereitet sich Dimitri jetzt zusammen mit seinem Kumpel Alex ein Jahr lang auf eine Prüfung vor, nach deren Bestehen sie selbst Hand an den Reaktor legen dürfen. Dabei hat zumindest Dima gar nicht vor, auf lange Sicht in Sosnowy Bor zu bleiben. Er will irgendwann als „Businessman“ zu Wohlstand kommen, bildet sich neben der Arbeit mit einem Fernstudium in Wirtschaft fort und hofft, eines Tages einen Job in Petersburg zu bekommen. Bis es soweit ist, steht er jedoch mit Leib und Seele hinter seiner nicht allzu gut bezahlten Arbeit als Nuklearingenieur.

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Sein Freund Alexander dagegen mag die Sicherheit, die der staatliche Arbeitsplatz bietet. „Der Job ist garantiert, außerdem bietet das Kraftwerk ein eigenes Gesundheitssystem und alle damit zusammen hängenden Leistungen.“ Gerade hat Alex drei Wochen mit seinen Teamkollegen im LAES-eigenen Kurheim verbracht und es sich so richtig gut gehen lassen. Die Risiken seines Arbeitsplatzes meint er einschätzen zu können. „Wir haben eine vierteljährliche Belastungsmessung und dürfen nur einer bestimmten Menge an Strahlung ausgesetzt sein, die noch weit unter dem gesetzlichen Limit liegt“, so der 25-Jährige. Trotzdem gibt er zu, dass einige Arbeitsgruppen bei der Aussicht auf gut bezahlte Extra-Arbeit einen zaudernden Kollegen auch schon mal drängen, diese Grenzen zu umgehen: „Es muss halt jeder für sich wissen.“

Der älteste Reaktor läuft und läuft und läuft ...

Der jüngste Reaktor dieses ältesten Kraftwerks der Region ist vom selben Jahrgang wie die beiden Freunde – 1981. Bis zu seiner vorgesehenen Abschaltung bleiben theoretisch noch sechs Jahre. Doch ob die Praxis sich an die Pläne hält, ist ungewiss. Die russische Regierung verlängerte im Dezember 2003 die Laufzeit für den ältesten Reaktor, der nun zehn bis 15 Jahre länger am Netz bleiben darf. Eine ökologische Untersuchung, wie sie die Gesetze vorschreiben, fand dabei laut „Green World“ nicht statt.

Geburtstagskind Alex, gerade glücklicher neuer Besitzer eines CD-Players für sein heiß geliebtes Auto geworden, hat eigene Pläne, seinen bescheidenen Lebensunterhalt ein wenig aufzubessern. Der Autofreak will versuchen, mit Reparatur und Verkauf von Gebrauchtwagen ein wenig Geld beiseite legen zu können. „Was wir bei der LAES verdienen, reicht zum Leben“, begründet er sein Vorhaben. „Aber irgendwann möchte ich einmal eine Familie gründen und eine Wohnung kaufen können.“

Neu in Sosnowy Bor: Eine Kirche

Wenigstens dafür stehen die Chancen nicht schlecht. Überall in Sosnowy Bor wachsen neue Wohnhäuser in den Himmel. Dimas vierköpfige Familie hat nach fast 20-jähriger Wartezeit gerade eine Dreizimmerwohnung bezogen, nicht weit entfernt vom Stadtrand, wo Einfamilienhäuser westlichen Stils mit großen Satellitenschüsseln auf dem Dach und teuren Autos vor der Tür auf wohlhabende Besitzer hinweisen. „Hier wohnt mein Chef“, deutet Alex auf eines der Häuser. Nicht weit entfernt von der Nobelsiedlung entsteht derzeit ein riesiges Einkaufszentrum. Ein Stückchen weiter ist gerade die neue Kirche eingeweiht worden, ein mächtiger Bau in grau und weiß mit den typischen Zwiebeltürmchen. Gegenüber erinnern alte Panzer wie in ganz Russland an den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ vor 60 Jahren.

Ebenfalls neu ist ein Denkmal, das ähnlich wie die Flamme auf dem Petersburger Marsfeld ewig leuchtet. Es erinnert an die Arbeiter, die „zum Schutz unseres Landes“ bei atomaren Störfällen ihr Leben ließen. In Tschernobyl natürlich. Aber auch die LAES, als ältestes Kraftwerk Russlands vom gleichen Typ wie der tragische Reaktor in der Ukraine, hat schon einige Katastrophen erlebt. Beim bisher schlimmsten Unfall 1975 gelangten über mehrere Wochen hinweg hohe Dosen an radioaktiver Strahlung in die Umwelt, radioaktiv verseuchte Abfälle wurden zu großen Teilen in die Ostsee entsorgt. Kraftwerkführung und Medien schwiegen. Erst bei einem ähnlichen Unfall im März 1992 wurde die Bevölkerung erstmals über die Vorgänge aufgeklärt. Doch die Umweltaktivisten von „Green World“ bemängeln bis heute ein fehlendes Bewusstsein für Sicherheitskultur im Kraftwerk.
(Jana Wriedt/SPZ)


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