Der Konstantins-Palast in Strelna soll die hohen Gäste aufnehmen (Foto: Deeg/.rufo)
Donnerstag, 08.09.2005
G-8: Terrorbefürchtungen bei den Gastgebern
St. Petersburg. Da Wladimir Putin nächstes Jahr den Vorsitz im elitären Club der Wirtschaftsgroßmächte führt, soll der nächste G8-Gipfel im Sommer 2006 auch in der Heimatstadt des russischen Präsidenten stattfinden.
Wie Wladimir Putin zum Abschluss des diesjährigen Treffens im schottischen Gleneagles sagte, wird es beim Petersburger Gipfel vorrangig um Fragen der Energiesicherheit und Bildung gehen. Wann genau das globale Treffen stattfindet, ist noch offen. Aber als Ort steht der Konstantins-Palast im Petersburger Vorort Strelna bereits fest. Offiziell heißt er „Staatlicher Komplex Kongresspalast“ - oder abgekürzt, aber noch holperiger, „GKDK“.
Petersburg wird Welthauptstadt – aber erst 2006 und nur für zwei Tage
Russland rückt damit als Gastgeber von der in den letzten Jahren geübten Praxis ab, den G8-Gipfel in weltabgeschiedenen Kurhotels oder gar offshore auf Kreuzfahrtschiffen zu veranstalten – was als einzige Garantie galt, um zwischen die Staatschefs und zu Randale neigende Störenfriede aus der Antiglobalisten-Liga eine ratsam scheinende Distanz zu bringen.
Putin begründete seine Wahl damit, dass der Palast von Strelna eine ideale Kongress-Infrastruktur biete, „die nicht mal der Kreml bieten kann“. Und schließlich habe man, so Putin, vor dem Petersburger Stadtjubiläum 2003 nicht wenig Aufwand betrieben, um den noch kurz zuvor halb in Ruinen liegenden Barockpalast in eine Hightech- und Hochsicherheitszone zu verwandeln.
280 Mio. USD kostete die Rekonstruktion. (Foto: Deeg/.rufo)
Zur Erinnerung: Innerhalb von anderthalb Jahren hatte der Kreml die Verwandlung des Dornröschenschlosses an der Ostseeküste in Russlands neues Schaufenster zur Welt bewerkstelligt – angeblich ohne dafür eine Kopeke Steuergeld auszugeben:
Für die strategisch wichtige Blitzrenovierung ließ man den Klingelbeutel bei Oligarchen und Konzernen kreisen und sammelte so ca. 280 Millionen Dollar „Spenden“ ein. Ende Mai 2003 fand dann auf „Schloss Putinhof“ – wie manche spotteten – ein feudaler EU-Russland-Gipfel statt.
Neben dem Tagungs-Schloss und einem neu gebauten Luxushotel verfügt der staatseigene Komplex noch über 20 VIP-Villen zu je 1.200 Quadratmeter Wohnfläche, wo Putin, Blair und Berlusconi morgens auch mal einen Plausch über den Gartenzaun halten können.
Zur Konferenz-Oase Strelna gehört auch der Flughafen Pulkovo
Der Konferenzort wird sich verlässlich zu Wasser, zu Lande und zur Luft abriegeln lassen. Doch auch wenn G8 isoliert vor den Toren der Stadt stattfindet, wird das Event nicht spurlos an St. Petersburg und seinen Bewohnern vorbeigehen. Man kann sich wohl schon darauf einstellen, dass der Flughafen wegen der dort stehenden VIP-Jets wieder zur Hochsicherheitszone erklärt wird – und während des Gipfels geschlossen wird. Zumal in der üblichen Startrichtung die Maschinen relativ tief gerade über Strelna hinwegdonnern.
Und gegen wütende Antiglobalisten-Demos dürfte wohl eine entsprechende Filtration bei der Visa-Erteilung in diesem Zeitraum vorsorgen: Bürokratische Reiseerleichterungen sind bis dahin wohl nicht zu erwarten. Mit dem ohnehin bescheidenen Häufchen des einheimischen Protestkontingents dürfte der russische Staatsschutz mit den bewährten Methoden Einschüchtern, Vorbeugehaft - und im Zweifelsfall dem Polizeiknüppel – schon fertig werden.
Während die G8-Teilnehmer davon ausgehen können, dass ihnen kein Haar gekrümmt wird, stellt sich die Frage, ob der Rest der Bevölkerung sich seiner Haut auch so sicher sein kann.
Nach der Bombenserie in der Londoner U-Bahn erweckt der G8-Gipfel vor allem bei den Benutzern des populärsten aller städtischen Verkehrsmittel ungute Gefühle. Natürlich ist es keine Gesetzmäßigkeit, dass jetzt jeder G8-Gipfel derartiges Unheil anzieht.
Aber es bleibt eine Tatsache, dass in Russland – viel stärker als in allen anderen G8-Staaten – ein islamistischer Terroruntergrund besteht, der auch zu Massenmord in Form von Selbstmordattentaten bereit ist. Und niemand kann aufgrund des Umstandes, dass Schamil Bassajew und seine „Schwarzen Witwen“ in all den Jahren des Bombenterrors Petersburg verschonten, den Schluss ziehen, dass dies auch weiterhin so sein wird. Sind wir ehrlich und fatalistisch: Bombenattentate auf Züge wie in Madrid, London oder Moskau sind auch an der Newa nicht auszuschließen.
Nur eines können sich die Petersburger zur Beruhigung sagen: 2003 zum Stadtgeburtstag waren noch mehr illustre Staatsgäste in der Stadt. Ruhig waren die Zeiten damals auch nicht – und es ist nichts passiert. Die Sicherheitskräfte und Anti-Terror-Spezialisten haben also einschlägige Erfahrung und Ortskenntnis – was sie nicht davon abhalten wird, nächstes Jahr zwischen Pulkovo und Peterhof jeden Kieselstein nochmals umzudrehen.
(ld/rufo)
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