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Ursula Rossmeisel, 1946 nach Russland verschleppt (foto: C. Riedel/SPZ)
Ursula Rossmeisel, 1946 nach Russland verschleppt (foto: C. Riedel/SPZ)
Montag, 27.06.2005

Heimatvertrieben – einmal quer durch Russland

Cornelia Riedel, Nachodka. Seit bald 60 Jahren lebt Ursula Rossmeisel als Staatenlose in Russland. Nach Kriegsende wurde sie von den Sowjets aus Deutschland zum Arbeitsdienst verschleppt. Nun will sie nach Hause.


Wenn Ursula Rossmeisel Tee anbietet, klingt ihr Deutsch ein bisschen wie aus einer anderen Zeit. In ihrem Zimmer, das Schlafraum, Wohnzimmer, Spiel- und Arbeitszimmer in einem ist, findet sich gerade Platz für ein Bett, einen kleinen Tisch und einen Schrank. Auf dem Bett türmen sich Kissen und Plüschtiere ihrer siebenjährigen Enkelin, mit der sich die Rentnerin den 14-Quadratmeter-Raum teilt.

Das Zimmer gehört zu einer Gemeinschaftswohnung in der Hafenstadt Nachodka, an der Pazifikküste Russlands. Bahnstationen haben hier, noch 130 Kilometer „hinter“ Wladiwostok, keine Namen mehr, sondern nur noch Kilometerzahlen. Hier ist die Welt scheinbar zu Ende. Bis Moskau sind es neun Flugstunden – doch von der kleinen Ostsee-Insel Hiddensee, Ursula Rossmeisels letztem Wohnort in Deutschland, trennen sie bald 60 Jahre.

Eine Lebens-Odyssee zwischen Rostock und Wladiwostok

Sie schenkt Tee ein. „Legt gut drauf“, fordert sie ihre deutschen Gäste zum Essen auf. Geschäftig deckt sie den Tisch in einem Zimmer, in dem man sich kaum umdrehen kann. Die 75-Jährige ist Deutsche, doch ihre Heimat hat sie 1946 zum letzten Mal gesehen. In Swinemünde wird sie 1931 geboren. Ihre Eltern sterben früh und die 14-Jährige lebt zum Kriegsende mit ihren drei Brüdern und der Großmutter auf der Insel Hiddensee. Um das Familiengeld aufzubessern, geht sie über Land und bettelt. Als die Insel am Kriegsende von sowjetischen Truppen eingenommen werden, macht sich die 14-Jährige nach Stralsund auf, um dort als Trümmerfrau zu arbeiten.

Wenn die Sprache auf Deutschland kommt, füllen sich Ursula Rossmeisels Augen mit Tränen. „Auf der Lünebürger Heide ...“ stimmt sie leise an. Enkeltochter Nastja schaut die Fremden, deren Sprache sie nicht versteht, neugierig an. Ihre beiden Geschwister leben aus Platzmangel im Heim. Ursula Rossmeisel gießt Tee nach. Sie erinnert sich an die Tage nach dem Krieg, die ihr Leben verändern sollten: „Ich putzte Steine und bin mit dem verdienten Geld immer übers Wochenende nach Hause zur Großmutter gefahren“, erzählt sie. Manchmal sucht sie nach dem passenden deutschen Wort. Irgendwann wird sie in Rostock von einer russischen Patrouille aufgegriffen und zu einem Sammelpunkt gebracht. „In der sowjetischen Kommandantur musste ich zusammen mit anderen Mädels sauber machen, kochen und Wäsche waschen“.

Mit Gewalt zur Russin erklärt

Die inzwischen 16jährige wird gemeinsam mit Russinnen, Litauerinnen und anderen deutschen Mädchen festgehalten. „Wenn man es nicht so machte, wie die russischen Leute es wollten, wurde man geschlagen, gequält und mit Hunger bestraft“, erzählt sie vom Beginn ihres Martyriums. Ihr größter Peiniger war ein Mann mit dem seltsamen Namen Alster. „Er war streng und ständig wütend, grausam auch zu den russischen Soldaten.“ Eines Nachts wird Ursula zu ihm gebracht. „Warum lügst du?, fragte er mich, ich wusste damals gar nicht, was er wollte. Dann schlug er mich mit einem Hosenriemen, als er behauptete, ich wolle nur nicht nach Russland und würde deshalb vorgeben, ein deutsches Mädel zu sein“, erzählt sie.

„Du bist Maria Mironowna Makarowa aus Lettland, verstehst du?“, sagte er. Dies habe sich dann wiederholt, bis es nicht mehr zum Aushalten war. „Irgendwann sagte ich, ich sei Maria Mironowna. Da lachte er und antwortete: `Wenn Du das nicht gelernt hättest, hätte ich dich totgeschlagen`“. Von da an lebt Ursula Rossmeisel unter russischem Namen, verängstigt und zum Arbeitsdienst in russischen Familien gezwungen. Als man bei ihr einen auf Deutsch verfassten Brief an ihren Bruder findet, wird sie zusammengeschlagen. Die Tätowierung auf ihrem Arm, kyrillische Buchstaben, stammt aus dieser Zeit. „Wer das gemacht hat und wie das passiert ist, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Die Deutsche wird nach Russland verschleppt. Erst ab 1956 kann sie wieder unter ihrem deutschen Namen leben und bekommt von den sowjetischen Behörden einen Ausweis ausgestellt.

„So kann man doch nicht leben!“

Ursula Rossmeisel bereitet Pelmeni zu, die russische Nationalspeise. Die Küche teilt sie sich mit den anderen Bewohnern der Unterkunft. Ganze Familien leben hier in ein Zimmer gepfercht. Das Wasser wird aus der Heizung abgezapft, denn anderes gibt es gerade nicht. „So kann man doch nicht leben, es ist zu fürchterlich, die Nachbarn sind jeden Tag betrunken, die Aserbaidschaner von gegenüber verkaufen selbstgebrannten Wein und Drogen und in der Nacht gibt es keine Ruhe“, klagt sie. Ihre Stimme klingt fest und klar, als sie sagt: „Ich will nach Deutschland, wo es bloß ein bisschen sauberer ist und wo ich ordentlich leben kann“. Eine ihrer Töchter und das Enkelchen, das bei ihr aufwächst, möchte sie mitnehmen. Beide sprechen kein Deutsch. Die letzte Post von einem Bruder in Stralsund kam 1992.

Ursula Rossmeisel, 1946 nach Russland verschleppt (foto: C. Riedel/SPZ)
Ursula Rossmeisel, 1946 nach Russland verschleppt (foto: C. Riedel/SPZ)
Wenn Ursula Rossmeisel von ihrem Leben erzählt, reihen sich Ortswechsel, Demütigungen und Vertreibungen wie Selbstverständlichkeiten aneinander: Ende der 40er Jahre wird sie vom Sammellager in Deutschland ins weißrussische Grodno gebracht. Nächste Lebensstationen sind Riga, dann Leningrad, ein kleiner Ort in der Nähe von Archangelsk im hohen Norden und Karaganda in Kasachstan. Sie hat einige Männer, doch keinen heiratet sie, weil ihr die nötigen Dokumente fehlen.

Den größten Teil ihres Lebens verbringt die Norddeutsche in Tadschikistan, wo sie in einem Erholungsheim nahe der Hauptstadt Duschanbe als Gärtnerin arbeitet. Sie schwärmt noch heute: „Damals war das Leben schön, wir hatten eine große Wohnung, eine tolle Arbeit und uns ging es gut. Und dort gab es so viele Früchte und gutes Essen!“, erzählt sie und ihre Augen beginnen ein bisschen zu glänzen.

Sie holt einen bundesdeutschen Reisepass hervor, die Seiten lose, einige zerrissen, per Hand 1970 in Moskau ausgestellt, auf Ursula Rossmeisel. „Damals wollte ich zurück nach Deutschland. Ich bin von Duschanbe extra nach Moskau gefahren, um den Pass zu bekommen. Doch meine sechs Kinder waren auf meinen damaligen tadschikischen Mann geschrieben und der stimmte der Ausreise seiner Kinder nicht zu.“ Sie entscheidet sich für die Familie und gegen die Rückkehr in die Heimat. Der deutsche Pass verfällt nach fünf Jahren.

Flucht von Tadschikistan an den Pazifik

Mit den Bürgerkriegswirren 1992 in Tadschikistan sollte die Odyssee der Ursula Rossmeisel weitergehen. Als Deutsche ohne Pass in einem zentralasiatischen Land wurde es zu gefährlich. Mit drei Enkeln, Kinder ihrer alkoholkranken Tochter, flieht sie nach Moskau. „Von dort sind wir weiter nach Wladiwostok, wo einer meiner Söhne wohnte“, erzählt sie – und die Ruhe, mit der sie den erneuten erzwungenen Ortswechsel über Tausende von Kilometer erzählt, lässt die Brüche im Leben der Ursula Rossmeisel nur erahnen.

Die Rückkehr nach Deutschland ist ihr Lebenstraum. Auch, weil es inzwischen Probleme mit der russischen Rente gibt: „Ohne Dokumente wollen die russischen Behörden mir nichts mehr zahlen“, erzählt sie. 960 Rubel stehen ihr zu, dass sind weniger als 30 Euro pro Monat. Dazu kommen 1500 Rubel (43 Euro) Invalidenrente. Die Behörden verweigern ihr eine Anerkennung als Staatenlose, und ohne die gibt es keine Rente.

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Auf der Behörde in Wladiwostok hat man ihr geraten, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen. „Aber ich bin doch keine Russin!“, sagt sie empört, „und ich möchte endlich nach Deutschland!“ In Wladiwostok hilft ihr nun ein deutscher Dozent, einen Reisepass zu bekommen: Der Berliner Peter Schwarz hat für sie den „Antrag auf Ausstellung eines Staatsangehörigkeitsausweises“ beim Bundesverwaltungsamt in Köln gestellt. Bis Ursula Rossmeisel ihren neuen deutschen Pass in den Händen halten kann, ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.
(cr/SPZ)


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