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HIV-positiv und abgeschoben: Waisenkinder im neuen Petersburger Sir-Ustinov-Heim (Foto: eva/SPZ)
HIV-positiv und abgeschoben: Waisenkinder im neuen Petersburger Sir-Ustinov-Heim (Foto: eva/SPZ)
Mittwoch, 24.10.2007

HIV/Aids in Russland: Entwicklung und Wahrnehmung

St. Petersburg. 1987 wurden in Russland die ersten HIV-Infizierten registriert. Seither hat sich das Virus rapide verbreitet, doch an der öffentlichen Wahrnehmung, Aids drohe nur Randgruppen, hat sich wenig geändert.

Das Virus verbreitet sich im wahrsten Sinne des Wortes mit unheimlicher Geschwindigkeit, seitdem vor 20 Jahren die ersten russischen HIV-Infizierten registriert wurden.

In der Wahrnehmung der Gesellschaft handelte es sich dabei vor allem um Menschen, welche sich das Virus über den Missbrauch von Drogen eingefangen hatten, außerdem um Homosexuelle oder Prostituierte. Kurz: um gesellschaftliche Randgruppen. Eine lebhaftere Debatte entspann sich erst, als es in Krankenhäusern in Elista, in Wolgograd und Rostow-am-Don zu massenhaften Ansteckungen von Kindern kam.

Diese Diskussionen bereiteten den Boden für NGOs, die sich den Problemen annahmen. Ein Beispiel dafür ist das „Zentrum Innovationen“ in Petersburg. Ein Teilbereich der Arbeit dieser auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisierten Organisation besteht in der Unterstützung von Kindern und Familien mit HIV-Infektionen. Aufklärungsprojekte, psychologische und soziale Hilfe werden geleistet.

Unter anderem tat sich das Zentrum mit organisatorischer Unterstützung für das „Sir Peter Ustinov Waisenhaus“ hervor. Es geht darum, Aufklärungsarbeit zu leisten und den Betroffenen ein lebenswertes Dasein zu ermöglichen.

In Petersburg leben derzeit rund 29.500 Kranke



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Ein scharfer Anstieg der Infiziertenzahlen setzte 1996 ein, als die Anzahl an Neuregistrierungen im Vergleich zum Vorjahr auf das Zehnfache stieg. Heute ist Russland das europäische Land mit der höchsten Anzahl Infizierter. Ende 2006 waren es offiziell 369. 998, die Dunkelziffer ist allerdings gewiss nicht gering. Neben den Gebieten Orenburg, Samara, Irkutsk und Swerdlowsk ist auch das Leningrader Gebiet besonders von der Seuche heimgesucht. In St. Petersburg waren zu diesem Zeitpunkt 29.452 HIV-Fälle bekannt, jedes Jahr erhöht sich die Zahl um ca. 5000.

Wesentlich verantwortlich für die Übertragung des Virus waren Mitte der 1990er verunreinigte Nadeln beim Drogenmissbrauch. Auch heutzutage ist dies sicherlich noch ein Faktor, der die Anzahl der Ansteckungen nach oben treibt. Doch damit sind die Gefahrenquellen bekanntlich längst nicht erschöpft: Auch in Russland stellt der Geschlechtsverkehr einen der Hauptübertragungswege von HIV dar.

In den Supermärkten wird dem erfreulicherweise Rechnung getragen – neben den „Kinderfängern“ Schokolade, Lutscher und Kaugummis sind Kondome zumeist an prominenter Stelle direkt an der Kasse zu finden. Sex unter Heteros ist in Russland dabei übrigens beinahe 40 Mal häufiger Ursache für eine Übertragung des Virus als Kontakte unter Homosexuellen. Höchste Zeit also, die alten Stereotype zu überdenken und mit der Stigmatisierung der Opfer zu brechen.

Aids – nur ein Problem von Junkies, Homosexuellen und Prostituierten?



Doch Geschichten wie jene der 23 Jahre alten Marina, die leider kein Einzelfall ist, müssen erst noch in die Köpfe vordringen. Weder aus schlechten Verhältnissen stammend noch homosexuell noch drogenabhängig erfuhr die junge Frau erst bei einem Aidstest in der Schwangerschaft von ihrem Schicksal, schreib unlängst die Lokalzeitung „Moj Rajon“.

Als junge Frau zählt Marina zu einer stark gefährdeten Gruppe: Vier von zehn Neuinfizierten in Russland gehören dazu. Insgesamt sind die unter 30-jährigen als Altersgruppe besonders betroffen, sie stellen mit 80 Prozent die Masse der Neuinfizierten. Hinter diesen Zahlen verbergen sich wahre menschliche Katastrophen – die aber doch weitgehend vermeidbar gewesen wären. Davon abgesehen ist die Krankheit aber auch ein ökonomischer Faktor: Menschen in ihren besten Jahren leben mit einem tödlichen Virus und benötigen kostspielige Therapien.

Besser spät, als gar nicht: Staatliche Aids-Aufklärung



Angesichts des Handlungsbedarfes beschloss der Staat – wohl getreu dem Motto „besser spät, als gar nicht“ – 2005 seine Ausgaben im Zusammenhang mit HIV/Aids im Rahmen des „Nationalen Projekt Gesundheit“ 2006 auf 3 Milliarden Rubel (ca. 85 Mio. Euro) aufzustocken. Neben Forschung und Wissenschaft, medizinischer Versorgung der Betroffenen und Vorbeugemaßnahmen wie Informationsarbeit wird es eine große Aufgabe für die Zukunft bleiben, die Situation der Betroffenen in der Gesellschaft zu verbessern.

Seit 1995 existiert zwar ein Anti-Diskriminierungsgesetz, welches eine Kündigung aufgrund einer HIV-Infektion untersagt und den Betroffenen alle Rechte und Freiheiten zusichert. Doch in der Bevölkerung ist die Angst verbreitet. So lehnen es beispielsweise 30 Prozent kategorisch ab, gemeinsam mit Menschen zu arbeiten, die Träger des Virus sind und 59 Prozent sprechen sich dagegen aus, dass ihre Kleinen gemeinsam mit infizierten Kindern lernen.

"Miss Positive" machte auf viele Eindruck



Um diese Fronten aufzubrechen bedarf es wohl noch der Energie vieler Menschen wie Swetlana Isambajewa. Die 2005 zur ersten „Miss Positive“ Russlands gewählte junge Frau demonstriert dem Land medienwirksam, dass ein lebenswertes Dasein auch mit dem Virus möglich ist, und dass auch mit der HIV-Diagnose das Leben nicht zum Stillstand kommt.

Auch Infizierte dürfen Gefühle haben, sich verlieben, heiraten und was es sonst noch an großen und kleinen Freuden des Alltags gibt. Mit ihrem Mut, in der Öffentlichkeit über ihre Infektion und ihr Leben damit zu sprechen hat sie einen erheblichen Beitrag zu einem rationalerem Umgang mit dem Virus geleistet – und einen Sprung in der Aids-Aufklärung geschafft, die bislang nur in Trippelschritten voran kam.

(Mirjam Voerkelius/SPZ)


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