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Das Haus der politischen Sträflinge - im Zentrum des klassizistischen Petersburgs ein besonders ungewöhnlicher Bau (foto: eva/SPZ)
Das Haus der politischen Sträflinge - im Zentrum des klassizistischen Petersburgs ein besonders ungewöhnlicher Bau (foto: eva/SPZ)
Dienstag, 02.05.2006

Konstruktivismus-Haus: Vom Musterbau zur Mausefalle

St. Petersburg. Am Troizkaja-Platz steht ein ungewöhnliches Wohnhaus: In den 1920er Jahren wurde es für die politischen Gefangenen des Zaren erbaut – nur um kurz darauf wieder zu einem Ort des Schreckens zu werden.

Nur ein paar Gehminuten trennen das „Haus der politischen Zwangsarbeiter“ (Dom Politkatorschan) am „Dreifaltigkeitsplatz“ von der Peter-und-Paulsfestung – dem Ausgangspunkt seiner Geschichte. Dort wurden bis zum Sturz des Zarenregimes unter anderen die politischen Gegner der Monarchie, seien es Sozialrevolutionäre, Menschewiken oder Bolschewiken, eingesperrt.

Konstruktivismus: Bauliche Verkörperung einer Zeitenwende


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Für diese Opfer des Zarismus und ihre Familien baute man 1929-33 an dieser prominenten Stelle ein sechsstöckiges Wohnhaus – es sollte ein propagandistisches Monument und zugleich Vorbild für das Leben im Kollektiv werden.

Seine Bauzeit fiel in ein Epoche, in der in vielen Großstädten groß angelegte Projekte des kommunalen Wohnungsbaus realisiert wurden, so zum Beispiel in Wien, wo man 1927 den Bau des berühmten Karl-Marx-Hofs vollendete. Das streng gegliederte und abschnittweise eintönige graue Gebäude rief unterschiedliche Reaktionen hervor, viele sahen darin mehr eine Kaserne als ein Wohnhaus. "Die Häftlinge haben sich unter dem Zaren an das Leben im Gefängnis gewöhnt, und nun hat man ein entsprechendes Haus für sie gebaut", spotteten Kritiker.

Wohnen ohne eigene Küche – eine Utopie


Die Rückseite des Gebäudes - zugegeben kein heimeliger Anblick (foto: eva/SPZ)
Die Rückseite des Gebäudes - zugegeben kein heimeliger Anblick (foto: eva/SPZ)
Nicht nur äußerlich sollte die Funktionalität des für damalige Verhältnisse futuristischen Gebäudes mit seinem dreieckigem Grundriss zum Ausdruck kommen. Auch im Innern wollte man eine neue kollektive Wohnkultur realisieren: Die 144 Wohnungen mit zwei bis fünf Zimmern wurden mit den modernsten Einrichtungen wie Badewannen und fließend Warmwasser ausgestattet.

Was es in den Wohnungen jedoch nicht gab, waren Küchen – denn die Bewohner sollten sich alle in der gemeinschaftlichen Kantine verpflegen. Dieses Wohnmodell erwies sich jedoch als Utopie und großer Fehler, der später einen Umbau nötig machte.

Auch weitere Komponenten des häuslichen Lebens waren zentral organisiert: So verfügte das Haus über eine Großwäscherei im Keller und eine Bibliothek. Im Dachbereich wurde ein Solarium und eine Aussichtsplattform eingerichtet. Das soziale Leben und die Erziehung wurden mit einem Kindergarten, einem Klub, einem Theater sowie einem Museum für Zwangsarbeit und Verbannung abgedeckt.

Letzte Blüte des russischen Konstruktivismus


Mit seiner fortschrittlichen Form und Konstruktion markiert das von den Architekten Grigori Simonow, Pawel Abrosimow und A. Chrjakow entworfene Haus am damaligen „Platz der Revolution“ die letzte Blüte der konstruktivistischen Architektur in Russland.

Als das Gebäude 1933 fertig gestellt war, hatte sich der politische und kulturpolitische Kurs unter Stalin bereits stark in die brachial-imperialistische Richtung verschoben, was auch eine Rückkehr zu konventionellen bis pompösen Bauformen bedeutete.

Allgegenwärtige Angst vor der Geheimpolizei


Eine Gedenktafel erinnert heute an die repressierten ersten Bewohner des Hauses (foto: eva/SPZ)
Eine Gedenktafel erinnert heute an die repressierten ersten Bewohner des Hauses (foto: eva/SPZ)
Der Stalinismus hatte aber auch direkte Auswirkungen auf die Bewohner des Musterbaus, der für sie bald zu einer regelrechten Mausefalle wurde. So wie ein Großteil der frühen Revolutions-Mitstreiter bei Stalins Regime in Ungnade fielen, erklärte man auch die ehemaligen politischen Gefangenen des Zaren alsbald zu Volksfeinden.

Ab 1935, als die politischen "Säuberungen" voll in Gang kamen, bekamen auch sie die Repressionen zu spüren. Insgesamt wurden 132 Familien dieser Kommune verbannt oder verhaftet – die ehemaligen politischen Häftlinge wurden damit wiederum zu Gefangenen.

Bald war unter den Hausbewohner die Angst vor dem Geheimdienst NKWD allgegenwärtig, und man fürchtete sich vor jedem Klopfen an der Wohnungstür. So entstand eine tragikomische Anekdote, die man sich noch heute erzählt: Eines Tages hörten die wenigen übriggeblieben Bewohner Klingeln und lautes Klopfen an der Tür, doch aus Furcht vor einer weiteren Verhaftungswelle rührte sich niemand von der Stelle. Da erlöste sie die Stimme des Hausmeisters aus ihrer tödlichen Angst: "Kein Grund zur Panik, Bürger, es ist nur die Feuerwehr, es brennt im ersten Stock!"

Heute fast ein ganz normales Wohnhaus


Heute ist das erst vor wenigen Jahren äußerlich renovierte Wohn-Experiment ein ganz gewöhnliches Petersburger Wohnhaus - zwar von bescheidener baulicher Qualität, aber mit einem der edelsten Ausblicke auf Newa und Festung gesegnet. Außerdem befindet sich direkt nebenan der noble Amtssitz des sog. "Generalgouverneurs" für Nordwest-Russland, Ilja Klebanow.

An das trübe Schicksal der ersten Bewohner dieses ebenso modernen wie geschichtsträchtigen Gebäudes erinnert eine Gedenkplatte im Innenhof – und allen Repressionsopfer der Stalin-Zeit wurde ein Gedenkstein umittelbar im Park davor gesetzt: Es handelt sich um einen Findling von den Solowezki-Inseln, wo Stalin das erste Gulag einrichten ließ.

(-eva/SPZ)


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