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Das Tolstoi-Haus an der Fontanka ist ein Musterbeispiel für gelungene Wohnbau-Architektur (Foto: eva/rufo)
Das Tolstoi-Haus an der Fontanka ist ein Musterbeispiel für gelungene Wohnbau-Architektur (Foto: eva/rufo)
Mittwoch, 17.10.2007

Mietskaserne und Jugendstil-Palast unter einem Dach

St. Petersburg. Erste Mietshäuser wurden in Petersburg schon im 18. Jahrhundert erbaut. Während viele primitive Wohnhäuser die Zeit nicht überstanden haben, ist ein prächtiges "Dochodny dom“ heute noch geschätzt.

Die bekanntesten Beispiele der Petersburger Jugendstil-Architektur sind Geschäftshäuser und Banken, wie zum Beispiel das „Dom Knigi“ oder die Kaufhäuser Mertens oder Jelissejew. Doch eine ganze Reihe der schönsten Bauten dieser Epoche dienten einem profanen Zweck – dem Wohnen nämlich.

Gleichzeitig mit Industrialisierung und wirtschaftlichem Aufschwung wuchs im St. Petersburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht nur das Bedürfnis nach Handels-, sondern auch nach Wohnfläche. Gleichzeitig stiegen die Preise für Baugrund sprunghaft an. Das Vermieten wurde zum lohnenden Geschäft und der Gebäudetyp des Mietshauses, des „Dochodny dom“, erlebte einen Boom.

In den damaligen Außenbezirken beseitigte man die primitiven Holzhäuser, und im Eiltempo wurden große Mietshäuser hochgezogen. An der Ecke der Sadowaja zur Gorochowaja-Straße ließ beispielsweise der Fabrikant Schukow innerhalb von nur 50 Tagen ein vierstöckiges Mietshaus im Rohbau errichten. Die Verhältnisse in diesen Mietskasernen, in denen bis zu 500 Personen hausten, waren bezüglich Hygiene, Licht und Lüftung oft prekär. Es entstand jenes düstere Milieu, das Dostojewski in seinem Roman „Arme Leute“ beschreibt.

Höhe Häuser und Untermiete waren verboten



Auch ein Teil der städtischen Villen fiel dieser Entwicklung zum Opfer. Entweder wurden auf diesen Grundstücken völlig neue Gebäude errichtet, oder man baute hinter den bestehenden Häusern zusätzliche, mehrstöckige Flügel an.

Jugendstil lässt alles zu: Runde Fenster, lustige Ornamente ... (foto: eva/rufo)
Jugendstil lässt alles zu: Runde Fenster, lustige Ornamente ... (foto: eva/rufo)
Zu den bekanntesten – und originellsten – Wohnhäusern der Jahrhundertwende gehören das Burbyr-Wohnhaus an der Stremjanaja uliza (1906-07), das Tolstoi-Wohnhaus am Fontanka-Kanal (1910-12), das Lidwal-Haus am Kamennoostrowski Prospekt (1901-04) oder das Wohnhaus am Krjukow-Kanal.

Phantasie und Gewinnstreben der Bauherren setzte lediglich ein Beschluss des Staatsrats aus dem Jahr 1844 eine Grenze, der die maximale Traufhöhe auf genau 23 Meter und 10 Zentimeter festlegte und bis 1910 Gültigkeit hatte.

Die „Wohnecke“ – eine frühe Version der „Kommunalka“



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Dadurch ergab sich die Höhe des durchschnittlichen Mietshauses mit fünf bis sieben Stockwerken. Im Erdgeschoss waren entweder Wohnungen oder Ladenlokale untergebracht, und darüber die dazu gehörenden Kontore. In den folgenden Etagen befanden sich Wohnungen, deren Größe, Komfort und Miete mit zunehmender Höhe abnahmen.

Dementsprechend lebten unter dem Dach die ärmsten Mieter, zum Beispiel Studenten, einfache Handwerker oder Beamte niedrigen Ranges. Da den oft großen Familien das Einkommen nur knapp oder gar nicht für die Miete ausreichte, nahmen sie Untermieter auf.

Das war zwar verboten, wurde aber jedoch vielfach praktiziert – es kam sogar vor, dass nur die Ecke eines Raums weitervermietet wurde. Dadurch entstanden an vielen Orten Wohngemeinschaften, die den Kommunalwohnungen der Sowjetzeit schon sehr ähnlich waren.

Soziale Schichtung: Arm und Reich unter einem Dach



In den Stockwerken darunter lebten höhere Beamte, Offiziere und Kaufleute – die zweite und dritte Etage (nach russischer Zählung – entspricht dem 1. und 2. OG), auf denen die Wohnungen oft das gesamte Stockwerk einnahmen, galten als die vornehmsten.

Komfort und Prestige des Tolstoi-Hauses sind auch heute bei Wohlhabenden gefragt - was man den Autos im Hof ansieht (foto: ld/rufo)
Komfort und Prestige des Tolstoi-Hauses sind auch heute bei Wohlhabenden gefragt - was man den Autos im Hof ansieht (foto: ld/rufo)
Damit sich die Angehörigen der verschiedenen Kasten möglichst nicht über den Weg liefen, verfügten viele der Häuser über zwei Eingänge. Durch oft reich verzierte Türen und über geheizte Treppenhäuser auf der Vorderseite gelangten die nobleren Mieter ins Haus. Falls ein Lift vorhanden war, führte er ebenfalls von dieser Seite hoch in die wohlhabenderen Etagen.

Die armen Mieter und das Dienstpersonal hatten nur über die schmalen „schwarzen Treppen“ vom Innenhof her Zutritt. Dadurch wurden die Mietshäuser zu einem genauen Abbild des damaligen Russlands – eine Zweiklassengesellschaft, die jedoch nicht nur Etagendecken und Eingangstüren, sondern auch ein tiefer sozialer Graben trennte.

(Eugen von Arb/SPZ)


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