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Immer wie frisch aus dem Ei gepellt: Junge Russinnen fühlen sich zu gutem Aussehen verpflichtet (Foto: bardachok.ru)
Immer wie frisch aus dem Ei gepellt: Junge Russinnen fühlen sich zu gutem Aussehen verpflichtet (Foto: bardachok.ru)
Dienstag, 12.06.2007

Mode: „In Russland müssen sich Mädchen hervorheben“

St. Petersburg. Die Rubrik „Russland richtig verstehen“ ist eine feste Einrichtung auf den Seiten der „St. Petersburgischen Zeitung“. Jetzt gibt es die redaktionsintern „Russenversteher“ genannte Kolumne auch online.

Modisch sein in Russland – gewusst wie



Das Auftreten russischer Mädchen ist auffällig und scheint enorm viel Geld und Energie zu erfordern. Schichtenweise perfekt sitzendes Make-up, lange Fingernägel, meist verschiedenfarbig maniküriert, knallenge Jeans, Täschchen farblich zu den Schuhen passend.

Sind die Haare in Natur gelockt, werden sie morgendlich gestreckt, falls sie glatt sind genau umgekehrt – gefärbt sind sie in beiden Fällen. Meist ist die junge Russin von einer fast umwerfenden Duftwolke umgeben, bestehend aus Haarspray, Pflegekuren, Deo, Parfum, Nagellack, …

Es scheint dabei eher um Schein als um Sein zu gehen. Oft sind die Klamotten selbst für Modemuffel auf den ersten Blick als Plagiate zu erkennen. Handtaschen und Schuhe sehen billig aus, das Make-up vieler Russinnen würde man andernorts als „trashy“ bezeichnen. Dies ist anscheinend nicht störend, Hauptsache man sieht gepflegt aus.

Russisches Know-how: Trotz Großstadt-Trubel immer wie aus dem Ei gepellt



Aber nicht nur der unglaubliche Aufwand ist bewundernswert. Es beeindruckt vor allem, wie die Russinnen es schaffen, einen Tag in einer Stadt wie St. Petersburg zu verbringen, ohne auch nur einen Flecken abzubekommen. Die Kleider sind nie verknittert, das Make-up nie verschmiert und die Absätze der mehreren Zentimeter hohen Schuhe immer in makellosem Zustand – wie machen die Mädels das nur?

Selbstverständlich trifft diese Obsession mit Mode nicht auf die ganze Bevölkerung zu. Ab etwa 30 Jahren scheint das modische Interesse kontinuierlich zu sinken, bis es dann mit etwa 60 den Nullpunkt erreicht hat. Ob dass ein Zeichen dafür ist, dass Männerfang die Hauptaufgabe der Aufmachung ist, sei dahingestellt.

Bei der Männerwelt kommt schon das Waschen zu kurz



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Bei den Männern selbst stehen definitiv andere Qualitäten im Vordergrund: Die Herren scheinen durch Mode nämlich kaum berührt zu werden. Natürlich nur mit Ausnahme der fast schon obligatorischen Vorne-kurz-hinten-lang Frisur. Auch scheinen sich die weiblichen Hygienevorstellungen beim männlichen Geschlecht geradezu ins Gegenteil zu verkehren – am späteren Nachmittag kann manche Metrofahrt für empfindliche Nasen etwas ungemütlich werden…

In Russland scheint es zudem keine Entsprechung der westeuropäischen Vorstellung von „dress to the occasion“ zu geben. Es ist möglich, dass eine junge Mutter im weißen Pelzmantel und mit Pfennigabsätzen am Sandkasten sitzt – genau so wie man Leute im Trainingsanzug in der Disco sehen kann. Für Ausländer mit modischen Unsicherheiten ist diese Vielfalt aber durchaus von Vorteil: Es ist praktisch unmöglich, in Russland over- oder underdressed zu sein…

UND WAS MEINT VOLKES STIMME DAZU?



Juliana, 30, Russischlehrerin

Die russischen Mädels beschäftigen sich viel mit Mode, auch ich kleide mich immer modisch. Frauen lesen viele Modezeitschriften, vor allem die ausländischen Modezeitschriften wie „Glamour“, „Shopping“ und „Lisa“ sind beliebt und es gibt in jedem Magazin eine Modeseite. Bei uns ist es halt so, dass auf einen Mann in der Disco oft fünf Frauen kommen. Da muss man sich schon hervorheben, nur die hübschen Mädchen finden einen Freund. Es gibt aber auch modebewusste Männer – vor allem die Businesstypen, insbesondere die in der Modeindustrie natürlich. Sie geben sehr viel Geld für Markenkleidung aus und stylen sich aufwändig. Die gehen manchmal sogar zur Maniküre!

Valeria, 39, Frisörin

Natürlich ist Mode sehr wichtig, es kommt schon darauf an, dass man gut aussieht und sich schön anzieht. Ich achte sehr darauf, dass ich immer gut geschminkt und gekleidet bin und natürlich auf die Frisur. In meinem Beruf ist das besonders wichtig, denn es gibt sehr viele „Parikmacherskajas“ in St. Peterburg und die Kundinnen beurteilen einen nach dem Aussehen. Ich kämme mich immer wieder und ziehe den Lippenstift regelmässig nach. Für viele Männer ist Mode zwar nicht ganz so wichtig, aber sie interessieren sich schon auch für ihr Aussehen. Viele Kundinnen haben sehr genaue Vorstellungen davon, was sie wollen, was meine Arbeit sehr schwierig macht. Aber sie sind immer sehr glücklich, einen neuen Haarschnitt zu bekommen!

Israil, 20, Bauarbeiter

Ich interessiere mich eigentlich nicht für Mode. Doch den Mädchen ist es schon wichtig, wie ein Mann sich kleidet und dass er gepflegt ist. Aber schöne und modische Klamotten sind oft sehr teuer. Wenn ich arbeite, kann ich mich natürlich überhaupt nicht stylen, sondern trage praktische Arbeitskleidung. Doch wenn ich ausgehe, hole ich das nach. Im Nachtleben ist die Aufmache besonders wichtig. Bei Männern kommt es auch auf den Haarschnitt an, momentan liegt der „Vorne-kurz-hinten-lang“-Schnitt, wie Dima Bilan es hat, im Trend. Doch für Frauen ist Mode viel wichtiger. Die Russinnen ziehen nur selten typisch russische Kleider an, ihnen gefällt die ausländische Mode. Vor allem die französischen Marken sind in Russland sehr beliebt.

(Text, Fotos und Interviews: Pascale Siegrist/SPZ)


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