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Dunkle Wolken über Strelna-Neudorf (foto: ld/rufo)
Dunkle Wolken über Strelna-Neudorf (foto: ld/rufo)
Montag, 04.07.2005

Neudorf-Strelna: Hängepartie statt neuer Heimat

René Kuhn, St. Petersburg. Im Vorort Strelna steht seit sechs Jahren das kleine Wohngebiet Neudorf. Finanziert wurde es weitgehend vom deutschen Staat, denn hier wurden Russlanddeutsche angesiedelt.



Doch bis heute ist deren rechtlicher Status ungeklärt – und die Bewohner wissen nicht, ob ihnen und ihren Nachkommen die Häuser jemals gehören werden. Oder ob nicht plötzlich der Bescheid ins Haus flattert, sie hätten in städtische Notunterkünfte umzuziehen.

Für die Frösche ist Neudorf-Strelna kein Segen. Die Straße zur russlanddeutschen Siedlung führt mitten durch ihr frühjährliches Zuggebiet. Und so liegen viele von ihnen hier, plattgedrückt und ausgepresst. So fühlen sich auch die meisten Bewohner von Neudorf-Strelna. Auch ihre Existenz in den kleinen zweistöckigen Häusern mit einer Wohnfläche von 90 bis 110 Quadrametern ist gefährdet. Und dies, nachdem sie alles zurückgelassen hatten in ihrer alten Heimat. Viele kamen aus Kasachstan, wo sie ihre Wohnungen und Häuser verscherbeln mussten, um hierher ziehen zu können – angelockt vom Versprechen, eine sichere neue Zukunft zu finden.

Nun fühlen sie sich überfahren, übervorteilt, nicht ernst genommen, hingehalten. Fünf Jahre schon. Vom wem? Auf diese Frage gibt man nur zögerlich Auskunft, einem Fremden erst recht, und schon gar nicht mit Nennung von Namen, denn man fürchtet Repressionen. Man verweist auf „da hinten“.

„Da hinten“ ist eine unscheinbare Holzbaracke. Dort ist die Verwaltung untergebracht, „Entwicklungsagentur Strelna-Neudorf“ heißt sie. Geht man dort hin, teils auf der bereits aufgebrochenen Straße, teils auf dem hingepfuschten Gehweg, trifft man auf verschlossene Lippen. Dabei haben sich viele Fragen in den letzten sechs Jahren aufgetürmt. Die neueste ist die, was eigentlich mit den Geldern geschehen ist, welche die Stadtregierung für dieses Jahr für die Rekonstruktion der Straßen und für Umgebungsarbeiten versprochen hat, wovon aber noch keine Kopeke investiert wurde. Dafür hätten, argwöhnen die Siedler, die Chefs der Agentur je einen schönen neuen Wagen, Preisklasse Edelblech.

Dabei fing alles so schön an: aussiedlerbeauftragtre Horst Waffenschmidt (links) und Gouverneur Wladimir Jakowlew bei der Grundsteinlegung 1996 (foto: ld/rufo)
Dabei fing alles so schön an: aussiedlerbeauftragtre Horst Waffenschmidt (links) und Gouverneur Wladimir Jakowlew bei der Grundsteinlegung 1996 (foto: ld/rufo)
So ernüchternd die heutige Realität, so vielversprechend war der Anfang von Strelna-Neudorf in den 90er Jahren. Die Bundesrepublik Deutschland wollte den Zustrom von Russlanddeutschen ein wenig eindämmen und versuchte, einen Teil von ihnen zum Bleiben zu bewegen – in der durchaus richtigen Überlegung, dass es klüger und billiger ist, den Menschen in Russland eine Existenz zu ermöglichen, als sie im Sozialstaat Deutschland oft einfach durchfüttern zu müssen. Außerdem wollte man die Chance nutzen, die fast dreihundertjährige Tradition deutscher Siedlerkolonien im Raum St. Petersburg wieder zu beleben.

Große Pläne im Ansatz stecken geblieben

Strelna-Neudorf sollte eine Mustersiedlung und ein Pionierprojekt werden. Geplant wurden insgesamt 170 Häuser, in denen einmal 1000 Russlanddeutsche ein neues Heim finden sollten. Eine Gartenstadt solle hier entstehen, schwärmten die Väter des Projekts – natürlich mit Sozialeinrichtungen wie einem Begegnungshaus, einem Kindergarten und selbstverständlich auch einem Dorfladen. Außerdem sollten die Neusiedler im unmittelbar angrenzenden Gewerbegebiet eigene Betriebe errichten können, wofür ihnen auch Kredite in Aussicht gestellt wurden.

Das Projekt wurde von beiden Ländern so genehmigt, etwa zehn Millionen Mark aus Deutschland flossen – und damit begannen die Probleme. So recht vorwärtskommen wollte das Projekt nämlich nicht. Schlussendlich wurde nur der erste Bauabschnitt fertiggestellt: 38 Häuser, in denen heute 50 Familien leben. Alles andere ist Fehlanzeige. Dafür steht am Siedlungsrand heute ein Haus, das auf keinem Plan verzeichnet wurde, aber vielleicht die Frage beantwortet, wieso die Häuser dermaßen spartanisch gebaut wurden und wo das den Siedlern versprochene Baumaterial geblieben ist. Auch ist es den Bewohnern bis heute ein Rätsel, was mit den vielen hochwertigen Vaillant-Heizsystemen geschehen ist. Eingebaut wurden sie schon – in die wenigen Häuser, die von der deutschen Abnahmekommission inspiziert wurden. In den anderen wurden billige russische Heizkörper installiert.

Teurer Boden weckt Begehrlichkeiten

Eigentlich war Strelna als Standort eine glückliche Wahl – paradoxerweise wohl eine zu gute. Denn die Gegend gilt heute als elitär. Neudorf liegt in unmittelbarer Nähe zum Konstantins-Palast, dem Repräsentations-Objekt der Putin-Ära und ist nur wenige Kilometer von der alten Zarenresidenz Peterhof entfernt. Das Land hier ist teuer und begehrt, auch der Boden, auf dem Neudorf steht. Rundherum haben Leute gebaut, die zu Geld gekommen sind. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb die Bewohner von Strelna-Neudorf bis heute keine dauerhafte Meldebestätigung haben und damit auch die Überschreibung der Häuser auf die Siedler, wie eigentlich geplant, nicht abgesichert ist.

Dies liegt auch daran, weil sich die Entwicklungsagentur des Projektes weigert auszuführen, was sie seit fünf Jahren schon hätte tun müssen: Nämlich die Verantwortung für die Infrastruktur (Telefon, Strom, Gas, Straßen) an die Stadtbehörden abzugeben, das Projekt damit definitiv abzuschließen und somit auch die Verantwortung für die dort lebenden Menschen abzugeben – die zugleich eine Handhabe über sie ist. Dagegen haben die Siedler schon in unzähligen Eingaben an deutsche und russische Behörden protestiert. Vergebens. Das Hinhalten hält an.

Vielleicht ist dieser Ort nicht nur für die Frösche fatal. Einige Menschen haben bereits kapituliert und sind doch nach Deutschland ausgewandert. Außerdem wurden hier deutsche Steuergelder in den Sumpf gesetzt. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
(rk/SPZ)

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