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Dieses Eckhaus in der Innenstadt soll zugunsten der Metrostation Admiraltejskaja abgerissen werden (Foto: Siegrist/SPZ)
Dieses Eckhaus in der Innenstadt soll zugunsten der Metrostation Admiraltejskaja abgerissen werden (Foto: Siegrist/SPZ)
Montag, 24.09.2007

Neue Metrostation: Wenn ein Haus untergraben wird

St. Petersburg. Seit vier Generationen lebt die Familie Natschajew im Herzen der Stadt. Doch nun müssen sie bald ausziehen – denn ihr Haus soll zugunsten einer dringend nötigen neuen Metrostation geopfert werden.

Petersburgs Gouverneurin Valentina Matwijenko hat sich schon bei ihrem Amtsantritt 2003 einen massiven Ausbau des Metronetzes auf die Fahnen geschrieben. Denn die bisher vorhandenen vier Linien erschließen noch längst nicht alle Stadtteile. Nicht nur in den Außenbezirken gibt es solche Löcher im Netz, sondern auch in der historischen Innenstadt – was mit ein Grund dafür ist, dass so viele Menschen hier per Sammeltaxi oder mit dem eigenen Auto unterwegs sind.

Eines davon befindet sich im Bereich des regen Geschäftsviertels am Beginn des Newski Prospektes - was auch dazu führt, dass Touristen so zentrale Punkte wie die Eremitage oder die Isaak-Kathedrale nur nach einem langen Fußmarsch von der Metrostation Gostiny Dwor aus erreichen können.

Schildbürgersreich: U-Bahn-Station ohne Ausgang



Auf manchen voreilig erstellten Metroplänen ist hier auf der gelben Linie eine Station namens „Admiraltejskaja“ eingezeichnet. Wer genau aufpasst, bemerkt ihre verrammelten Bahnsteige auch auf der ewig langen Tunnelstrecke zwischen Sadowaja und Sportivnaja – einzig, die Züge halten hier nicht, denn diese Station hat keinen Ausgang!

Mit diesem Schildbürgerstreich aus den 90er Jahren soll nun alsbald Schluss gemacht werden und ein Weg aus der Geisterstation zur Oberfläche gebahnt werden. Das Problem war, dass sich lange Zeit Stadtplaner, Denkmalschützer und Metro-Ingenieure nicht darauf einigen konnten, wo in diesem dicht bebauten historischen Areal das „Vestibül“ der Metro eingerichtet werden kann.

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• Defekt: Rote Metrolinie in Petersburg steht (30.08.2007)
• Matwijenko schickt Beamte in öffentliche Verkehrsmittel (17.05.2007)
• Museum: Per Rolltreppe in die Metro-Geschichte (05.04.2007)
• Neu: Fahren Fliegen - in und nach St. Petersburg (26.02.2007)
Inzwischen hat man sich verständigt. Die Antwort findet man an der Bolschaja Morskaja Uliza 4, einem türkisfarbenen Eckhaus im stalinistischen Stil. Es soll vollständig abgerissen werden, um dem Metro-Eingang Platz zu machen. Für die Bewohner ist dies Schock und Chance in einem: Larissa Netschajewa lebt mit ihrem Mann und ihrer 18-jährigen Tochter Regina hier in einer der wenigen im Stadtzentrum noch übrig gebliebenen Kommunalwohnungen. „Ich habe mein ganzes Leben hier gelebt“, erzählt Larissa, „mein Vater genauso. Auch meine Großmutter verbrachte hier 50 Jahre ihres Lebens. Sie erhielt die Wohnung, als sie ein junges Mädchen war. Meine Tochter ist hier geboren und aufgewachsen. Dieses Haus ist so eng mit der Geschichte unserer Familie verbunden.“

Larissa holt eine Schachtel mit vergilbten Dokumenten, von den unterschiedlichsten Regierungen ausgestellt. Anfänglich besaß ihre Familie hier nur ein kleines Zimmer, erinnert sich Larissa. Durch den Wegzug vieler Nachbarn hat die dreiköpfige Familie inzwischen aber drei Zimmer zur Verfügung, nur Küche und Bad werden noch mit einer anderen Familie geteilt. Von der legendären Enge der „Kommunalkas“ ist hier wenig zu spüren, auch die Privatsphäre ist bestens gewahrt.

Die Familie überlebte hier die Blockade



Das Haus wurde in den 1860er Jahren gebaut und war ursprünglich ein Hotel. Schon bald nach der Revolution wurden die Zimmer an Familien verteilt. „Auch die Blockade über hat meine Familie hier ausgeharrt“, ergänzt Larissa und erzählt, wie das Haus von einer deutschen Bombe fast gänzlich zerstört wurde.

„Die Wohnung hier hat es überstanden, aber die ganze Fassade und der Eckteil waren weg. Die Leute haben aber trotzdem weiter in den Trümmern gewohnt.“ Mit Fotos und Zeitungsausschnitten aus der Kiste kann sie das sogar illustrieren. Nach dem Krieg wurde die Fassade dann wieder neu hochgezogen, daher auch die Stuckaturen mit Sowjet-Symbolik.

Die Lage ist günstig: An der Malaja Morskaja, nur ein Steinwurf vom Newski entfernt (Foto: Siegrist/SPZ)
Die Lage ist günstig: An der Malaja Morskaja, nur ein Steinwurf vom Newski entfernt (Foto: Siegrist/SPZ)
„Und jetzt müssen wir raus“, sagt Larissa mit einem Seufzer. Seit etwa zehn Jahren wissen sie, dass ihr Haus wegen seiner zentralen Lage ein potentieller Standort für den Ausgang der neuen Metrostation ist. „Aber es war immer ein Hin und Her. Mal hieß es, man habe sich doch für eine Variante im Park vor der Admiralität entschieden, mal wieder etwas anderes – es war ein ständiges Bangen.“

Als sich die Frage der Privatisierung stellte, habe sie deshalb einen Juristen konsultiert. Der riet ihr von einer Übertragung der Wohnung in Privateigentum ab, denn die Entschädigung sei im Falle einer Kündigung der Wohnung wesentlich höher, wenn diese noch der Stadt gehöre.

Inzwischen sind die Wohnungspreise in dieser Lage mit bis zu 5000 Dollar pro Quadratmeter enorm hoch und viele ihrer Nachbarn fürchten, nicht mit dem gleichen Wert entschädigt zu werden. „Diejenigen, die privatisiert haben, ärgern sich jetzt darüber. Vor zwei Jahren noch haben Leute hier Wohnungen gekauft und renoviert. Diese leisten jetzt Widerstand, sammeln Unterschriften und reichen Petitionen ein, doch es wird kaum etwas nützen“, meint Larissa.

Ersatzwohnung in einem Neubauviertel



Mutter  und Tochter Netschajewa haben sich mit dem Umzug schon abgefunden (Foto: Siegrist/SPZ)
Mutter und Tochter Netschajewa haben sich mit dem Umzug schon abgefunden (Foto: Siegrist/SPZ)
Seit März wissen die Netschajews definitiv, dass sie ausziehen müssen. Wann genau, ist allerdings noch nicht klar. „Sicher noch dieses Jahr, vielleicht schon im Herbst“, ist die genauste Auskunft, die sie momentan geben kann. Immerhin weiß die Familie schon, wohin es gehen soll: Die Stadt habe ihnen drei verschiedene Wohnungen in einem neuen Haus bei der Metro-Station „Ladoshskaja“ zur Auswahl gegeben.

„Wenigstens haben wir es so näher zur Datscha“, witzelt Larissa und versucht, es positiv zu nehmen. Ihre 18-jährige Tochter hingegen ist weniger begeistert: Nach dem Umzug habe sie es zur Uni viel weiter und das Ausgehen sei natürlich auch nicht mehr ganz so einfach wie jetzt.

Für den Bau der Metrostation wird dann das Haus ganz abgerissen, nicht einmal die Fassade wird stehen gelassen. Natürlich haben sie ein gewisses Verständnis dafür, meinen Larissa und Regina. Schließlich nehmen sie auch oft die „Marschrutka“ den Newski Prospekt hinauf - „aber es ist eben schon schade.“

(Pascale Siegrist/SPZ)


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