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Eine Parkbank taugt nur bei mildem Wetter als Schlafgelegenheit. Im Winter braucht es ein Nachtasyl (foto: ld/rufo)
Eine Parkbank taugt nur bei mildem Wetter als Schlafgelegenheit. Im Winter braucht es ein Nachtasyl (foto: ld/rufo)
Dienstag, 27.03.2007

Notschleschka – Obdachlosen-Hilfe mit Bus und Zelt

St. Petersburg. Nur wer genau hinschaut, bemerkt im herausgeputzten Stadtbild Petersburgs auch die Verlierer des Wandels der letzten Jahre: Bettler, Straßenkinder und Obdachlose. Hier wird elementare Hilfe gebraucht.

Rund 54.000 Menschen leben ohne festen Wohnsitz in der Newametropole, aber längst nicht allen sieht man ihr Schicksal an. Um die Verlierer und Vergessenen der Stadt kümmert sich die Organisation „Notschleschka“, deren Name soviel wie „Nachtasyl“ bedeutet.

Das Gebäude, in dem die einzige Hilfsstation für Obdachlose der Stadt untergebracht ist, macht von außen keinen einladenden Eindruck. Die Wände des Hauses sehen renovierungsbedürftig aus, die ganze Gegend sieht bei grauem Wetter deprimierend aus. Für rund 10.000 Obdachlose, welche die Dienste des Teams von Notschleschka jährlich in Anspruch nehmen, ist diese Adresse der einzige Anlaufpunkt – Tendenz steigend. „Die jetzige Bleibe ist schon eine Besserung im Vergleich zu dem, was uns noch vor kurzem zur Verfügung stand“, meint Maximilian, der als deutscher Zivildienstleistender ein Jahr lang für die Notschleschka arbeitet.

Zivi Maximilian arbeitet in diesem nicht unbedingt erheiternden Umfeld (Foto: tz/SPZ)
Zivi Maximilian arbeitet in diesem nicht unbedingt erheiternden Umfeld (Foto: tz/SPZ)
Vor gut 16 Jahren wurde Notschleschka als erste russische Hilfsorganisation für Obdachlose gegründet. Ihre Zielsetzung ist es, nicht nur direkte Unterstützung für Menschen ohne festen Wohnsitz zu geben, sondern auch die Öffentlichkeit auf diese Problematik aufmerksam zu machen und schrittweise Verbesserungen von Seiten der Politik durchzusetzen. Dies ist nötig, denn die Lage der Obdachlosen ist dramatisch.

Opfer der Bürokratie und krimineller Makler


Als Obdachloser gilt in Russland jeder, der keine amtliche Anmeldung für einen festen Wohnsitz besitzt. Dazu wiederum braucht man eigenen Wohnraum oder jemanden, der sich bereit erklärt, die Registrierung über seinen Wohnsitz laufen zu lassen. Wer diese offiziellen Dokumente nicht besitzt, hat so gut wie keine bürgerlichen und sozialen Rechte. So besitzen Obdachlose beispielsweise faktisch weder ein Wahlrecht noch eine Möglichkeit, medizinische Versorgung zu bekommen. Durch die Bürokratie um die Registrierung erklärt sich auch die hohe Zahl der Betroffenen.

Als nach dem Zusammenbruch der UdSSR der Wohnraum privatisiert wurde, verloren viele Menschen ihre Wohnungen durch unseriöse Immobilienfirmen oder offen kriminelle Umtriebe. Vor allem viele Alte und Kranke konnten sich dagegen nicht wehren. Allerdings lebt nur ein „kleiner“ Teil, etwa 8.000 der 54.000 Obdachlosen, tatsächlich auf den Straßen der Stadt. Manche kommen bei Verwandten oder Freunden unter.

„Dies erklärt auch den hohen Prozentsatz von Männern unter den Obdachlosen. Viele Menschen sind eher bereit eine Frau dauerhaft bei sich aufzunehmen, als einen Mann“, meint Maxim Jegorow, der Vorsitzende des Vereins Notschleschka. „Allerdings geht die Tendenz der letzten Jahre dahin, dass mehr und mehr auch Frauen und Kinder unsere Dienste in Anspruch nehmen müssen.“

Schlafgelegenheit, Kleidung, Obdachlosenzeitung


Die Hilfestellungen, die der Verein seinen Klienten gibt, sind vielschichtig. Neben der Hilfe in Rechtsfragen und der Möglichkeit, sich bei Notschleschka offiziell registrieren zu lassen, können die Obdachlosen hier Kleidung erhalten und waschen, bekommen Hilfe bei Alkoholsucht und eine kostenlose medizinische Versorgung. Wichtig ist es dem Verein auch, Versuche zu unternehmen, die Betroffenen wieder in ein geregeltes soziales Leben einzugliedern.

Notbehelf im Notschleschka-Hof: Den Winter über schlufen viele in diesem beheizten Zelt (Foto: tz/rufo)
Notbehelf im Notschleschka-Hof: Den Winter über schlufen viele in diesem beheizten Zelt (Foto: tz/rufo)
Dies geschieht unter anderem mit dem Projekt einer Obdachlosenzeitung. Wer will, kann einen Vertrag eingehen, der ihn zum Verkäufer der Zeitung macht. Neben einer geregelten Beschäftigung erhalten die Verkäufer 50 Prozent des Erlöses und können sich so ein kleines Taschengeld erarbeiten. Im Haus befinden sich auch 35 Schlafplätze, die dem Projekt ihren Namen gegeben haben. Diesen Winter wurde im Hof davor zusätzlich ein beheiztes Zelt aufgebaut, in dem sich weitere 40 Menschen vor der oft tödlichen Kälte retten können

Von der Gesellschaft ignoriert oder missachtet


Dem ärmlichen Äußeren dieser Anlaufstelle für Bedürftige entspricht die Einstellung der Öffentlichkeit gegenüber den Obdachlosen. Viele sind der Meinung, man sei selbst dafür verantwortlich, wenn man auf der Straße lande und habe deswegen auch kein Anrecht auf Hilfe. Und so kommt es, dass die Arbeit mit den Ausgestoßenen nur eine kleine Lobby hat und die Politik sich weitgehend aus der Verantwortung zurückziehen kann.

Die Hilfe der staatlichen Institutionen ist spärlich und wird nur nach Ausübung von Druck gewährt. Weil die Obdachlosen keine Wählerlobby sind, können sie von der Politik ignoriert werden. Neben Unterernährung, Kälte und schlechter medizinischer Versorgung leiden sie auch oft unter gewaltsamen Übergriffen. Rund die Hälfte davon geht auf das Konto der Polizei.

Geld kommt vor allem aus Hamburg und Brüssel


Koordinaten der Notschleschka
Uliza Borowaja 112B
Tel.: 974-8442
Internet: www.homeless.ru

Für Spenden per Überweisung:
Bank “St.Petersburg” PLS
Commercial Department 2
Newski Prospekt 178,
193167 St. Petersburg, Russland
SWIFT: JSBSRU2P
Kto. (Euro): 40703978533000100680
Notschleschka finanziert sich ausschließlich durch Spenden, die zum großen Teil aus dem Ausland kommen: Ganz oben auf der Liste der Unterstützer stehen das Diakonische Werk Hamburg und die Europäische Union. Auf die Frage, warum die russisch-orthodoxe Kirche nicht mehr Hilfestellung leiste, antwortet Maxim mit einem traurig-ironischem Lächeln: „Die Vertreter der orthodoxen Kirche haben uns gegenüber geäußert, sie hätten nicht genügend Geld…“

So kommt es, dass die sieben hauptamtlichen Mitarbeiter zuweilen vom Idealismus allein leben müssen: 1995 war es beispielsweise so, dass den Mitarbeitern ein Jahr lang keine Gehälter gezahlt werden konnten. Die Arbeit wurde von dem Team trotzdem weitergeführt – und das bei wachsenden Aufgaben.

Multifunktionale Nachtbusse versorgen die Randgebiete


Maximilian schneidet das Brot für den Nachtbus-Einsatz zurecht (Foto: tz/SPZ)
Maximilian schneidet das Brot für den Nachtbus-Einsatz zurecht (Foto: tz/SPZ)
Seit Anfang 2002 unterhält Notschleschka auch zwei Kleinbusse („Notschnoi Awtobus“), die fünfmal in der Woche von 19 bis 23 Uhr festen Routen in den Randgebieten der Stadt abfahren, um vor Ort Hilfe zu leisten. Warmes Essen und Kaffee werden genauso angeboten wie winterfeste Kleidung oder ärztliche Betreuung durch eine Krankenschwester. Auch hier hilft der deutsche Zivi Maximilian regelmäßig aus.

Zunächst müssen in der Notschleschka-Küche große Warmhaltetöpfe mit Kaffee gefüllt werden und ein riesiger Berg Brot geschnitten werden. Das Brot ist die einzige Gabe der orthodoxen Kirche, die sich das mit einem großen Plakat an der Innenseite der Bustür danken lässt.

Mit an Bord: ein deutscher Zivi und ein Sozialarbeiter


Bevor es zur ersten Station geht, werden Essens-Spenden abgeholt. Einige Restaurants, Hotels und Cafes helfen, indem sie nicht verkauftes Essen spenden. Ein weiterer Halt wird gemacht, um auf einen der wenigen einheimischen Ehrenamtlichen zu warten, die sich an den nächtlichen Touren beteiligen und helfen, das Essen zu verteilen.

Mit an Bord ist außerdem immer ein Sozialarbeiter, der mit den Obdachlosen über ihre akuten Probleme spricht und ihnen Lösungswege zeigt. Heute ist es Dmitri, der seine Hauptaufgabe darin sieht, seinen Klienten den Willen zur Veränderung wieder zu geben: „Was für viele Menschen ein alltägliches Problem ist, kann sich für einen Obdachlosen ganz anders darstellen. Viele von ihnen schrecken vor kleinen Hindernissen auf ihrem Weg zurück. Sie haben oft alle Hoffnung und Kraft verloren. Ich bin nicht nur dazu da, ihnen ganz konkrete Hilfe in Rechtsfragen etc. zu geben, sondern auch, um sie zu motivieren. Und diese Arbeit ist es, die mich hauptsächlich erfüllt.“

Anstehen für eine warme Mahlzeit


Eine erfreuliche Erscheinung für Hungrige: Der Nachtbus (Foto: tz/SPZ)
Eine erfreuliche Erscheinung für Hungrige: Der Nachtbus (Foto: tz/SPZ)
An der ersten Station warten bereits zwei Dutzend Bedürftige auf die Ankunft des Nachtbusses. Die Mitarbeiter ziehen sich schnell ihre Jacken über, die sie als Helfer von Notschleschka zu erkennen geben und machen sich an die Arbeit. Maximilian öffnet die Hecktür des Busses, steigt ein und klappt ein Holzbrett herunter, das als Ausgabetheke dient.

Vor ihm hat sich bereits eine Schlange hungriger und durchgefrorener „Bomshi“ gebildet. Zu Drängeleien oder Streitereien kommt es nicht und so kann Alexander erstmal im Wagen sitzen bleiben. Alexander ist nicht nur Fahrer des Nachtbusses, sondern auch Chef des Sicherheitspersonals von Notschleschka: „Gerade bei einer Organisation wie der unseren braucht man jemanden, der den Überblick über die Ordnung behält. Alkoholprobleme sind unter unserem Klientel natürlich stark verbreitet, da kann es schon mal passieren, dass es zu Schlägereien kommt.“

Die Hilfe muss zu den Betroffenen kommen – nicht umgekehrt


Unter den Wartenden bleibt es aber friedlich, viele von ihnen sind den Mitarbeitern des Teams schon bekannt: „Wir haben in jedem Viertel der Stadt ein eigene Gruppe von Obdachlosen. Zum einen liegt das daran, dass viele von ihnen in Kellern oder leer stehenden Gebäuden hausen. Wenn sie einmal etwas Gutes gefunden haben, wechseln sie nicht gleich wieder ihre Bleibe. Zum anderen stellt der Fahrpreis für die öffentlichen Verkehrsmittel ein echtes Hindernis da. Ein Obdachloser kann nicht jeden Tag mit der Metro durch die Stadt fahren. Dies war auch ein Grund, warum wir zusätzlich das Projekt des Nachtbusses eingerichtet haben“, meint Dmitri.

Ob die Zahl der Obdachlosen in näherer Zukunft einmal wieder rückläufig sein wird, bleibt zu bezweifeln. Die Leute des Teams von Notschleschka träumen jedenfalls nur davon, eines Tages einmal nicht mehr gebraucht zu werden. (Tilmann Ziegenhain/SPZ)


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