Donnerstag, 27.10.2005

Peter-Denkmal: Worauf der Eherne Reiter galoppiert

Schwertransport anno 1770: Zwei Segelschiffe transportierten den Findling übers Wasser (Bild: Archiv-SPZ)
St. Petersburg. Das sich aufbäumende Ross und sein Reiter sind weltberühmt. Nur der Fels, auf dem sie stehen, wird wenig beachtet. Dabei war es auch ein Meisterstück, den „Donnerstein" in die Stadt zu schaffen.
Wer nicht bereits nach den ersten Minuten eingeschlafen ist oder den Kopf vor lauter Rechts-Links-Drehen nur noch stur geradeaus richtet, wird während seiner Sightseeing-Tour durch Petersburg garantiert das Reiterstandbild von Peter dem Großen zu sehen bekommen.

\'Der
Per Lautsprecherdurchsage wird man dazu in etwa folgende Infos verabreicht bekommen: „1782, nach zwölf Jahren Arbeit, wurde das Denkmal des Stadtgründers Peters I. unweit von Admiralität und Newa feierlich enthüllt. Katharina II. hatte dem französischen Bildhauer Maurice Etienne Falconet den Auftrag erteilt, eine Statue ihres Vorgängers anzufertigen, den sie glühend verehrte. Wirklich berühmt wurde das grandiose Werk jedoch erst 1833, als Alexander Puschkin es in seinem ‚Ehernen Reiter’ verewigte. Und jetzt bitte alle aussteigen zum Fotohalt!\"

Lange gesucht: der \"Donnerstein\"

Ein wichtiges Detail wird den Touristen dabei meist vorenthalten: Der Sockel. Die Geschichte des 1625 Tonnen schweren Granitklotzes, der unter dem Zaren schöne Wellen schlägt, ist mindestens ebenso spektakulär wie die ganze Garnitur darüber.

Bereits 1767 unternahm man Expeditionen in die Umgebung Peterburgs, um einen geeigneten Steinsockel für Falconets Zarenbild zu finden Ц ohne Ergebnis. Ein Jahr später versuchte man, mit einem Aufruf in der Zeitung \"Sankt Peterburgskie Wedemosti\" fündig zu werden - und hatte Glück: Der Bauer Simjon Wischnjakow aus dem Dorf Lachta nördlich von Petersburg meldete einen riesigen Findling. Diesem war während eines Gewitters eine Ecke abgeschlagen worden, weshalb er von der Dorfbevölkerung \"Grom-Kamen\" genannt wurde Ц der \"Donnerstein\".

Der Transport - ein \"Alptraum\"

Der passende Sockel für Falconets Denkmal war gefunden, soweit, so gut. Aber wie sollte dieses Ungetüm, ein Monolith von 13,4 Meter Länge, 6,7 Meter Breite, 8,23 Meter Höhe und einem Gesamtgewicht von 1800 Tonnen ausgegraben und aus der Wildnis in das Petersburger Zentrum gebracht werden?!

Der Bibliothekar der Akademie der Wissenschaften, Iwan Backmeister, bemerkte in seinen Aufzeichnungen, dass allein der Gedanke an einen Transport dieses Steins Alpträume wecke. Wieder stand man vor einem Rätsel. Man beschloss, nun schon in ganz Europa per Ausschreibung nach einer technischen Lösung für dieses schwergewichtige Problem zu suchen. Nachdem man den ganzen Winter mit Prüfungen und Experimenten verbracht hatte, konnte man im März 1769 dem Donnerstein mit einer sogenannten \"Kugelmaschine\" zu Leibe rücken.

\'Schlittenfahrt
Dem massiven Transportmittel lag das Prinzip des Kugellagers zugrunde. Ein Holzschlitten, der auf Metallkugeln über Holzschienen rollte, sollte den Steinklotz vorwärts bewegen. Doch so genial der technische Kniff auch war, wieder musste der Transport verschoben werden. Schuld war diesmal das warme Frühlingswetter, das den Boden weich und für ein solches Schwergewicht nicht mehr tragfähig genug machte.

Väterchen Frost schafft frei Bahn

Erst im darauffolgenden November war die Zeit reif für den Kraftakt, denn nun war der Boden fest gefroren. Zentimeter für Zentimeter, gezogen von einem Flaschenzug, der durch reine menschliche Muskelkraft über zwei riesige Holzräder bewegt wurde, ruckelte der Stein in Richtung Meer. Die Transportarbeiten, an denen bis zu 400 Arbeiter beteiligt waren, stellten ein einmaliges Spektakel dar und zogen Massen von Schaulustigen an. Am 20. Januar 1770 besuchte gar Katharina II. höchstpersönlich den Schauplatz.

Nach rund fünf Monaten waren die acht Kilometer bis ans Meer überwunden, und bis Ende August hatte man den Stein auf einen speziell angefertigten Ponton bugsiert, der von den zwei Segelschiffen \\"Heiliger Apostel Markus\\" und \\"Jekaterina\\" in Bewegung gesetzt wurde. Am denkwürdigen 23. September 1770, ziemlich genau zwei Jahre, nachdem er gefunden worden war, segelte der Donnerstein über den Finnischen Meerbusen und die kleine Newa an jene Stelle, wo er noch heute steht.

Wer an dieser unglaublichen Geschichte zweifelt, der fahre nach Lachta. Noch heute liegen am Strand des Datschen-Vororts Überreste des Donnersteins, die zur Verminderung des Gewichts abgeschlagen worden waren. Außerdem führen noch jetzt Reste des 190 Meter langen Steinpfads ins Wasser hinaus, der für die Schiffsverladung ins Meer gelegt wurde.
(-eva/rufo) / SPZ