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Auch der Blick auf die Fontänen von Schloss Peterhof kommt Ausländer teurer zu stehen als Russen (Foto: ld/rufo)
Auch der Blick auf die Fontänen von Schloss Peterhof kommt Ausländer teurer zu stehen als Russen (Foto: ld/rufo)
Montag, 19.06.2006

Preis-Apartheid: Strafe für den falschen Pass?

St. Petersburg. An hiesigen Theater- oder Museumskassen müssen Ausländer meist ein Vielfaches mehr berappen als russische Touristen. Das Phänomen hat schon so manchem Besucher die Zornesröte ins Gesicht getrieben.

Ein paar Beispiele: Ein Besuch in der Ermitage kostet für Nicht-Russen 350 Rubel (10 Euro), während Inländer nur 100 Rubel berappen müssen. Auch bei Isaakskathedrale und „Blutkirche“ beträgt der Unterschied je 170 Rubel. Selbst ausländische Studenten zahlen hier mehr als Bürger der Russischen Föderation. Den Vogel schießt aber das Mariinski-Theater ab: So kostet beispielsweise eine Benoir-Karte für eine Aufführung von „Pikdame“ für Ausländer 3000 Rubel, für Russen jedoch nur 500 Rubel.

Bei Verkehrsmitteln und Hotels wurden die „Ausländerpreise“ abgeschafft


Rechtlich bewegen sich die Kultureinrichtungen damit auf dünnem Eis: Die Verfassung stellt In- und Ausländer gleich. Deswegen mussten beispielsweise Fluglinien, Hotels und die Eisenbahn bereits vor einigen Jahren die auch von ihnen praktizierte „Preis-Apartheid“ nach erfolgreichen Klagen ausländischer Kunden abschaffen.

Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: Um die heikle Frage zu umgehen, deklarieren Museen und Theater den höheren Ausländertarif als „Grundpreis“ und bieten für russische Staatsbürger einen „ermäßigten Tarif“ an – analog zu Sonderpreisen für Personengruppen wie Schwerbehinderte oder Kriegsveteranen. „Wir wollen damit den Menschen, die mit ihren Steuern unser Museum mitfinanzieren, die Möglichkeit bieten, es auch vergünstigt zu besuchen.“, so Ermitage-Vizedirektor Wladimir Matwejew.

Die Eremitage verwöhnt Studenten – egal woher – mit kostenlosem Eintritt


Das leuchtet zunächst ein, erst recht wenn man die Eremitage-Eintrittspreise mit denen anderer, in Umfang und Bedeutung ähnlicher Museen wie etwa dem Louvre, vergleicht. Für ein Museum, in dem man den ganzen Tag verbringen kann, ist ein sind 10 Euro als Obolus auch nicht übertrieben. Zudem sammelt Petersburgs größtes Museum Sympathiepunkte, indem es Schüler und Studenten, ganz gleich welcher Nationalität, kostenlos einlässt.

Stephanie Tsomakaeva vom Reisebüro Ost-West-Kontaktservice sieht kein Problem in den Ausländertarifen: „Die meisten Touristen verstehen, dass man versucht, auch ärmeren Bevölkerungsschichten den Zugang zur Kultur zu ermöglichen.“ Kulturhorte wie etwa das Mariinski-Theater seien wegen der unzureichenden staatlichen Unterstützung auf Grundlage der „Russen-Preise“ nicht zu finanzieren. Ärgerlich, so Tsomakaeva, sei das System aber für dauerhaft in Russland lebende Ausländer.

Selbst wer in Russland Steuern zahlt, hat es nicht immer leicht


Gegen Vorlage einer Arbeitsbescheinigung (was sie ja ebenfalls als Steuerzahler identifiziert) sollten auch sie an den meisten Kassen ermäßigte Karten erhalten. In der Praxis muss man aber doch regelmäßig bangen, ob diese „Sprawka“ („Bescheinigung“) auch anerkannt wird. Das hängt nämlich maßgeblich vom Wohlwollen des diensthabenden Personals ab.

Bei Russland-Aktuell
• Alexandersäule: Leichter Engel auf schwerem Bein (05.06.2006)
• Heute Eintritt in alle russischen Museen kostenlos (18.05.2006)
• Die grüne Augenweide auf der Apothekerinsel (03.05.2006)
• Petersburg hat einen Vogel - den Tschischik-Pischik (03.03.2006)
• Rjasan: Kirche und Museum kämpfen um den Kreml (06.06.2006)
Wer statt der geplanten Besichtigung nicht seinen persönlichen Fall mit dem Museumsdirektor (im günstigsten Fall) oder einem knurrigen Wachmann (das dürfte eher die Regel sein) ausdiskutieren möchte, der bezahlt eben doch zähneknirschend den Ausländerpreis.

Wegen lächerlicher 15 Rubel, dem Unterschied zwischen einem „Bilet“ für russische Erwachsene und einem „Ticket“ für ausländische Studenten, lässt man etwa in Schloss Peterhof fremdländische Besucher gerne noch mal vom Einlass zurück zur Kasse laufen und die Preisdifferenz ausgleichen – wobei sich nicht mal das Personal des „russischen Versailles“ einig ist, ob das nun richtig, rechtens und angemessen ist.

“Abzocke“ bei Nix-russki-Ausländern …


Zwischen den Zeilen klingt bei dieser Preispolitik immer ein Argument mit, dass man offiziell natürlich nie verlauten lässt: „Die im Westen sind ohnehin reicher als wir und können deswegen auch mehr bezahlen.“ Darin liegt der Grund für das Unbehagen vieler Touristen: einmal mehr hat man das Gefühl „abgezockt“ zu werden.

So kommt es oft genug vor, dass an der Mariinski- Kasse für Ausländer nur die besten und somit teuersten Plätze zu haben sind, obwohl prinzipiell auch Karten auf den hinteren Rängen für etwa 1000 Rubel zum Verkauf stehen. Und im Jussupow-Palast wird schon mal für 13-jährige Kindern ein Erwachsenenticket berechnet.

Verschärfend kommt hinzu, dass aus anderen Ex-Sowjetrepubliken stammende Ausländer (wie auch begabte Slawisten) eindeutig im Vorteil sind: Wer in einigermaßen aktzentfreiem Russisch sein Billett kauft, wird nie nach dem Pass gefragt.

… und ein unschöner Hauch von Alltags-Rassismus


Da ist es dann plötzlich egal, ob man den russischen Staat samt seiner Kulturinstitutionen durch emsiges Steuerzahlen unterstützt oder nicht. Fragt man hierzu beim museal-theatralen Personal genauer nach, hört man nur: „Die haben ja ein genauso niedriges Einkommen wie wir und dürfen deswegen billiger rein.“ Doch warum ein Unternehmer aus der Ukraine oder ein russischstämmiger US-Bürger auf Heimattrip so viel weniger Geld haben soll als ein deutscher Bafög-Empfänger, das leuchtet nicht wirklich ein.

Wer als Tourist von dieser unschönen Diskriminierung nach russischer Sprachfertigkeit – faktisch auch eine Spielart von praktiziertem Rassismus – nichts mitkriegen möchte, sollte Petersburg am besten im Komplettpaket buchen. Führungen, Theaterkarten und Ausflüge sind dann inklusive. Nur sind diese Angebote auch den vermeintlich so reichen Westlern zunehmend einfach zu teuer.

(Hannah Beitzer/SPZ)


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