Eva (13) und Una (15) tanzen wir Profis - aber vor Metrostationen (foto: Schnorbusch/SPZ)
Montag, 07.11.2005
Salsa auf dem Newski – bei 0 Grad
St. Petersburg. Ungezwungene City-Kultur oder Kinderarbeit am Rand der Sozialkatastrophe? Die SPZ sprach mit zwei Mädchen, die allabendlich mit Tänzen auf Petersburgs Straßen ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Samstag Abend auf dem Newski Prospekt, vor dem Ausgang der Metrostation „Gostiny Dwor“. Im Radius von vielleicht fünf Metern stehen Passanten um einen Kassettenrekorder. Das Publikum selbst begrenzt die Bühne von Una (15) und Eva (13) - dem Tanz-Duo „Cabrera“, wie die beiden sich nennen. Aus dem überforderten Gerät tönt tropisch klingende Salsa-Musik: „Carneval“ von Selia Cruz. Doch ich kann meinen Atem sehen. Die Temperatur beträgt um die null Grad.
Una (links) und Eva beim Gespräch in einem Cafe (foto: Schnorbusch/SPZ)
„Wenn wir tanzen, spüren wir die Kälte nicht,“ erklärt Una, und schlürft den Tee, zu dem ich die beiden Schwestern nach der Vorstellung eingeladen habe. Was es mit dem Namen „Cabrera“ (spanisch für Ziege) auf sich hat, frage ich sie. „Das ist ein Witz“, ergreift diesmal Eva das Wort und lacht: „Ich bin die Ziege und sie der Hirte.“
Tanzen statt Schule
Una und Eva tanzen seit acht Jahren auf der Straße. Zur Schule gehen beide seit vier Jahren nicht mehr. Ohne Vater aufgewachsen, leben sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem neun Jahre alten Bruder allein von dem Geld, das sie sich auf der Straße verdienen.
„Wir tanzen fast jeden Abend“, erzählt Una, „auch im Winter“. Drei Stunden von sieben bis zehn, wenn es gut läuft auch länger. Ihre Bühnen sind die Straßen und Plätze vor den belebtesten Metrostationen in der Innenstadt: Gostiny Dwor, Sennaja Ploschtschad, Wladimirskaja, Gorkowskaja, Tschernyschewskaja, Wasileostrowskaja, Newski Prospekt.
Die Mädchen haben ein breites Repertoire
Mit sieben respektive fünf Jahren haben sie in der Petersburger Tanzschule „Grazia“ zu tanzen begonnen. Nach einem halben Jahr Übung traten sie zum ersten Mal auf der Straße auf. „Das war in den Sommerferien auf dem alten Arbat in Moskau“, erinnert sich Una. Zunächst lernten sie Balltänze: Rumba, Jive, Passadoble, Jazz. Später dann in verschiedenen anderen Schulen Latino: Samba, Salsa, Reggaeton, Bacchata und Cha-Cha-Cha gehören auch zum Repertoire des Mädchen-Paares.
Warum sie keine reguläre Schule mehr besuchen, frage ich sie - Una ging nach der fünften, Eva nach der zweiten Klasse von der staatlichen Mittelschule ab. „Die Schulen sind übel“, fällt Eva Una ins Wort, die mir erklärt, dass sich die Lehrer nicht genug um die Kinder kümmerten. „Unsere Mutter unterrichtet uns jetzt.“
Sprachstudium für eine Show-Karriere
Una, die mit ihrer schwarzen Lederweste im Duo den Herren-Part darstellt, spricht etwas französisch. Sie versteht spanisch und italienisch, auch einige Wörter deutsch. In der Tanzschule lerne sie viel von den Fremdsprachen und nach den abendlichen Auftritten studiere sie immer noch zwei, drei Stunden zu Hause.
Was sie einmal werden wollen, frage ich die beiden: „Tänzerin, Schauspielerin“, antwortet die Jüngere, die in der Zwischenzeit aus ihrer Teekanne, einem Glas, Strohhälmen und einer Serviette einen Schwan gebastelt hat. „Was wird, wenn es nicht klappt?“ - „Es muss klappen.“
„Tanz ist in Russland beliebt“, fügt Una hinzu. Sie habe auch schon im Club „Conchita Bonita“ getanzt. Aber tagsüber lohne es sich nicht und abends dürfe sie wegen ihres jungen Alters noch nicht – das verbietet das Jugendschutzgesetz. „Aber auf der Straße kümmert sich niemand darum. Einige Male wurden wir von der Polizei aufgegriffen und mussten Strafe bezahlen. Am nächsten Tag tanzen wir wieder.“
Die kleine Maria (Mitte) spielt Geige auf dem Newski Prospekt (foto: Schnorbusch/SPZ))
Es ist schon spät – eigentlich viel zu spät für Mädchen ihren Alters nachts mitten in St. Petersburg. Als ich sie darauf anspreche - Lachen. Wir verlassen das Cafe. Ich begleite die beiden zur Metrostation. Auf dem Weg treffen wir Maria. Sie ist 13 Jahre alt, steht am Eingang einer Unterführung und spielt auf ihrer Geige. Die drei kennen sich, sind befreundet. Eva nimmt Maria das Instrument aus der Hand und hüpft albern damit herum, spielt einige schiefe Töne. Ein amüsierter Passant wirft Kleingeld ab. Una treibt ihre Schwester zur Eile an. „Jetzt komm endlich!“ Ganz wie Eva zu Anfang des Gesprächs sagte – sie ist die Ziege und Una der Hirte.
(Alexander Schnorbusch/SPZ)
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