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Auf Baumstämmen hocken und über dem Feuer kochen - dieses Ferienlager ist maximal naturnah (Foto: Huth/SPZ)
Auf Baumstämmen hocken und über dem Feuer kochen - dieses Ferienlager ist maximal naturnah (Foto: Huth/SPZ)
Donnerstag, 28.06.2007

Schulferien: Kindercamp zwischen Bäumen und Mücken

St. Petersburg. Während der Sommerferien sind nur wenige Kinder in der Stadt anzutreffen. Viele fahren zu Oma auf die Datscha, aber auch die traditionellen Ferienlager für Schulkinder sind ein weit verbreitetes Phänomen.

„Einmal nach Petjajarwi“ – da muss sogar die Dame am Bahnschalter zweimal hinhören. Das verschlafene Dörfchen 80 Kilometer nördlich von Petersburg dürfte bei den wenigsten Touristen auf der Besuchsliste stehen. Bei Einheimischen hingegen könnte sein Name durchaus Erinnerungen wecken. Schließlich befinden sich in den umliegenden Wäldern zahlreiche Kindererholungszentren, die es schon zu Sowjetzeiten gab.

Diese wollen jedoch erst einmal gefunden werden. Beim Verlassen der Elektritschka sucht man vergeblich nach Wegweisern. Lediglich die vielen Kinder, die in dem kleinen Lebensmittelladen neben dem Bahnsteig nach Chips, Cola und Schokolade anstehen, geben einen Hinweis auf das Ziel.

Lenin wacht nur noch über die Kleinsten



Zu Fuß geht es eine Dreiviertelstunde durch den Wald. Einmal passiert man ein umzäuntes Gelände, hinter dessen Tor eine Lenin-Büste den Wanderer grimmig begutachtet, doch tummeln sich dahinter vor allem Kleinkinder. Die Älteren scheinen den Schutz des großen Revolutionärs nicht mehr zu benötigen.

Die Flußüberquerung am Seil ist eine der aufregendsten Übungen im Wald (Foto: Huth/SPZ)
Die Flußüberquerung am Seil ist eine der aufregendsten Übungen im Wald (Foto: Huth/SPZ)
Ein ganzes Stück weiter, hinter einer morschen Brücke, stößt der Besucher nämlich auf Zelte mitten im Wald. So frei, wie diese dort zwischen den Bäumen stehen, bewegen sich hier auch Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 18 Jahren.

Lautes Kindergeschrei ist zu hören. „Nach dem Mittagessen ist die Einweisung für den Orientierungsmarsch, bis dahin haben sie frei“, erklärt Betreuer Alexej Wolkow. Den Teilnehmern würde ein umfangreiches Sport- und Erlebnisprogramm geboten, führt der 26-Jährige aus. Vom Wandern über Flussüberquerungen per Seil bis zum Kanufahren ist alles dabei.

„Diese Lager haben hier eine lange Tradition. In der Sowjetunion spielten natürlich auch ideologische Aspekte eine Rolle. Sport wurde damals immer auch als Mittel zur Erziehung zum sozialistischen Menschen verstanden“, sagt Wolkow. Dank dieser Tradition gäbe es aber bis heute in den Schulen ein Netzwerk von Ansprechpartnern, die Interessierte direkt an die Organisatoren weiterleiten würden.

Ein bissschen Survival-Training für Stadtkids



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Das Leben im Wald ist Natur pur und hat was von Überlebenstraining. Das zeigt schon das gemeinsame Mittagessen: Auf Baumstämmen sitzen die etwa 20 Kinder und ihre drei Betreuer um eine Feuerstelle herum. Im Metallpott über den Flammen köchelt ein Brei aus Reis, Fleisch und Gemüse. „Wir kaufen täglich frisches Trinkwasser aus dem Dorf, das ist Vorschrift“, meint Wolkow. „Man könnte aber auch aus dem Fluss trinken, so sauber wie der ist“, behauptet er. Für den Aufenthalt zahlen die Eltern 150 Rubel pro Tag und Sprößling, der Rest werde durch staatliche Fördermittel finanziert.

Taubstumme und Nichtbehinderte zelten gemeinsam



Auch viele Hör- und Sprachbehinderte befinden sich unter den jungen Teilnehmern. Zwei der Betreuer sind ebenfalls taubstumm und auch Alexej Wolkow hat gelernt, sich per Zeichensprache zu verständigen. „Das ist eine gute Sache und trägt natürlich zur Integration bei“, sagt er.

Währenddessen trainieren nebenan Jugendliche aus dem benachbarten Lager eine Flussüberquerung auf Zeit. In schnittigen Spezialanzügen laufen sie einen Abhang hinunter, hangeln sich zwischen zwei Seilen stehend über den kleinen Strom, dann nur noch an einem Seil wieder zurück und den Abhang rauf. „Stop“, meint der Trainer trocken, als der 16-jährige Oleg Gritsejko durchs Ziel stürzt. „Du bist besser geworden“, lobt er ihn. Für das Turnier sollte er aber noch etwas zulegen.

Wettbewerb: Auf Zeit durch den Wald



Einweisung zum Orientierungslauf - ganz ohne Glonass und GPS (Foto: Huth/SPZ)
Einweisung zum Orientierungslauf - ganz ohne Glonass und GPS (Foto: Huth/SPZ)
Plötzlich müssen sie weg. Die Einweisung für den Orientierungsmarsch findet gut einen Kilometer entfernt statt. Alle erhalten eine detaillierte Karte, auf der Markierungspunkte eingetragen sind. Mit einem gemütlichen Waldspaziergang hat das Vorhaben wenig zu tun. Denn auch hier läuft die Uhr mit. Dafür bekommt jeder eine persönliche Einweisung.

Geübt wird für einen großen Abschlusslauf am Ende des zweiwöchigen Lagers. Auch der 12-Jährige Ulik Shishkin wartet, bis er an der Reihe ist: „Klar macht der Orientierungsmarsch Spaß, aber ich will mich auch mal über den Fluß hangeln.“

Ihn stört es nicht, zwei Wochen ohne Dusche zu leben, schließlich könne er ja jeden Tag im Fluss baden. Und so schwirrt der Wald an diesem Tage vor Kindern und Jugendlichen, die zwischen Bäumen und Mücken eilig nach nummerierten Plastikschildchen suchen. Nach den Ferien dürften Fluss, Wald und Zelte den Stadtkindern noch lange in Erinnerung bleiben. Und das sicher nicht nur unter der warmen Dusche.

(Markus Huth/SPZ)


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