Architekt Wolfgang Pawlak kann in Petersburg nicht nur arbeiten, sondern auch Ahnenforschung betreiben (Foto: Burdack/SPZ)
Mittwoch, 08.02.2006
Schwedische Mega-Mall - und Wein für die Zaren
St. Petersburg. Der 39-jährige Architekt Wolfgang Pawlak aus Hamburg arbeitet für die deutsche Projektmanagementfirma Drees & Sommer. Wie ihn ein Auftrag von IKEA nach St. Petersburg führte, erzählte er im SPZ-Interview.
Was war für Sie der Anlass, nach Petersburg zu gehen?
Ich hatte schon länger die Absicht, ins Ausland zu gehen. Für mich gab es die Alternativen Kanada, England, die Schweiz oder Russland. Da ich einerseits immer noch gerne einen Bezug zu Europa haben wollte, andererseits mir Westeuropa zu langweilig war, entschied ich mich für Russland.
Auch empfinde ich hier immer noch eine Gründerstimmung, auch politisch. Ich finde es sehr wichtig, wenn junge Leute aus dem Westen hier im Dialog mit den Einheimischen stehen.
Mein Interesse für Osteuropa entstand neben den Ereignissen um die „Orange Revolution“ auch über meine damalige ukrainische Freundin, über die ich in regen Kontakt mit in Hamburg lebenden Russen und Ukrainern kam. Nachdem ich dann die Gelegenheit bekam, im Auftrag von IKEA mit Drees & Sommer nach St. Petersburg zu gehen, war für mich die Entscheidung klar. Denn sogar meine ukrainischen Freunde meinten, das wäre eine tolle Stadt.
Was genau machen Sie und Ihre Firma dort für IKEA?
Das bereits bestehende IKEA-Gebäude wird in ein 135.000 qm großes „IKEA Mega Family Shopping Center“ integriert, dessen Gesamtkosten an die 250 Millionen Dollar betragen. Dieses Konzept haben die Schweden in Moskau bereits zweimal verwirklicht, auch in Kasan wurde eine dieser Malls vor kurzem eröffnet.
„IKEA–Mega 2“ in Moskau–Chimki ist mit 150.000 qm eines der größten Einkaufszentren Europas. Wir übernehmen hier das Controlling des Baus von „Mega IKEA Dybenko“. Diese Mall wird eine große Halle mit zahlreichen Geschäftszeilen und einer Kunsteisfläche im Zentrum sein.
An die Halle grenzen dann Einkaufsmärkte des französischen Handelskonzerns „Auchan“ und von OBI sowie voraussichtlich ein Kino an. Das deutsch-russische Team von Drees & Sommer macht beim Bau die „Site Inspection“ – das heißt die Qualitäts- und Zeitkontrolle.
Welche Firmen sind noch am Bau beteiligt?
Bauherr ist die türkische Baufirma „Renaissance Construction“. Sie ist auch gleichzeitig Generalunternehmer. Geplant wurde die Mall in Petersburg, Moskau und auch in Ankara. Bei den Bausitzungen geht es sehr bunt zu: Schwedische IKEA-Bauherren, türkische Architekten und Bauleiter, deutsche Controller, russische Ingenieure, polnische und französische Architekten von Auchan. Auf der Baustelle selbst arbeiten an die 1.000 Bauarbeiter rund um die Uhr. Die meisten von ihnen sind Türken, Rrussen und Aserbaidschaner.
Die Bauarbeiten für IKEA werden im September abgeschlossen sein. Mein arbeitgeber steht an der Newa aber erst am Anfang seiner Aktivitäten. Deeshalb denken wir natürlich über weitere Möglichkeiten nach und sind bezüglich diverser Folgeprojekte im Gespräch.
Zum Beispiel auch bei der Umgestaltung der Insel „Neu Holland“im Stadtzentrum Petersburgs. Die Herausforderung hierbei wäre eine Besondere – könnten wir doch unsere Erfahrungen aus Projekten multifunktionaler Nutzung in einen historischen Kontext einbringen.
Für uns wäre das eine enorme Chance. Die Entscheidung über die Vergabe des Projekts fällt bei der Stadt noch im Februar.
Und wie lebt es sich hier?
Im Großen und Ganzen sehr gut. Anders als im Vergleich zu Hamburg, wo ich die letzten Jahre arbeitete, bekam ich hier sofort Anschluss und baute in kurzer Zeit einen Freundeskreis auf. Auch meine jetzige Freundin Olga ist Russin. Leider hatte ich vor meiner Ankunft kein Russisch lernen können. Das hole ich jetzt zwar nach, doch bleibt nach der Arbeit bedauerlicherweise wenig Zeit dafür.
Was in Petersburg jedoch sehr negativ ist, ist der enorme Verkehr und die Umweltbelastung. Hier kann ich einfach nicht mal kurz zum Joggen oder Fahrrad fahren vor die Tür gehen. An das feuchtkalte Klima muss man sich auch erst einmal gewöhnen.
Dabei haben wir gehört, sie seien mit St. Petersburg auch durch ihre Familiengeschichte verbunden...
Ja, das stimmt. In Köln lebt meine mittlerweile 96-jährige Großtante, die in St. Petersburg aufgewachsen ist. Meine Ahnen der Familie Spitz waren wohlhabende Weinhändler und gar Hoflieferanten des Zarenhauses. In den Revolutionswirren floh mein Urgroßvater mit seiner Familie nach Warschau.
Zum Ende des Hitler-Regimes musste die Familie dann „heim ins Reich“ und siedelte sich in Berlin an. Die Geschichte meiner Ahnen hier interessiert mich sehr, deshalb nehme ich mir für die Zukunft vor, sie hier in Petersburg zu erforschen. Auch das ist ein guter Grund, die nächste Zeit an der Newa zu verbringen.
Herr Pawlak, vielen Dank für das Gespräch!
(Interview: Peter Burdack/SPZ)
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