An der Petersburger Staatsuniversität studieren auch 1500 Ausländer (foto: ld/rufo)
Montag, 14.11.2005
Wir leben hier so unauffällig wie möglich ...
St. Petersburg. In letzter Zeit kam es hier oft zu brutalen, teils tödlichen Übergriffen auf junge Ausländer aus Asien, Afrika und Südamerika. Wir fragten nach, wie sicher sich ausländische Studierende noch fühlen.
Besonders berüchtigt sind für derartige Attacken Woronesch und St. Petersburg. Erst im Oktober wurde in Petersburg ein chinesischer Student durch Schläge und Messerstiche auf offener Straße schwer verletzt.
Rund 1500 ausländische Studenten aus aller Welt studieren allein an der Staatsuniversität in St. Petersburg – und noch viele mehr an anderen Hochschulen der Stadt. Antje Wunderlich sprach für die „St. Petersburgische Zeitung“ mit einigen von ihnen über ihre Gefühle und ihre Angst angesichts der rassistischen Gewalttaten.
Takahiro Hariya (Foto: Wunderlich/SPZ)
Takahiro Hariya (21, Student der Ostwissenschaften aus Japan)
Mich macht diese Situation sehr traurig. Zu Beginn meines Aufenthalts in Russland bin ich mit Freunden häufig abends in Restaurants und Bars am Newski gewesen. Heute bleiben wir lieber in der Nähe des Wohnheims, das ist sicherer. Ich hoffe, irgendwann bessert sich die Situation für Ausländer in Petersburg, vielleicht dann, wenn größere Teile der russischen Bevölkerung einen höheren Lebensstandart erreicht haben.
Shan Shunzin (Foto: Wunderlich/SPZ)
Shan Shunzin (26, Russisch-Studentin aus China)
In China habe ich mich viel mit russischer Kultur befasst und damals einen völlig anderen Eindruck von der russischen Bevölkerung gewonnen. Jetzt hat sich das Bild gewandelt. Ich fühle mich hier nicht sicher. Ich weiß nicht, warum viele Russen – vor allem die Jüngeren - Asiaten nicht mögen. Aber ich weiß, dass es sich viele Chinesen mittlerweile sehr genau überlegen, ob sie nach Russland kommen sollten oder es lieber bleiben lassen.
Lee Wan Hee (Foto: Wunderlich/SPZ)
Lee Wan Hee (25, Russisch-Student aus Korea)
Ich finde die Situation für Ausländer in Petersburg beängstigend. Auf der Straße bin ich immer nervös, schaue mich um und beobachte mein Umfeld. Eins ist sicher, im April habe ich vor, irgendwohin nach Europa zu verreisen. Da ist Hitlers Geburtstag und es soll hier besonders gefährlich sein.
Sarah Stoll (Foto: Wunderlich/SPZ)
Sarah Stoll (24, Russisch-Studentin aus den USA)
Ich habe keine Angst vor rassistischen Attacken, was aber nur daran liegt, dass ich aufgrund meines Äußeren als Russin durchgehen kann. Ich versuche immer so russisch auszusehen wie nur möglich. Ich finde es furchtbar, dass in Petersburg viele meiner asiatischen Freunde um ihr Leben fürchten müssen. Ich habe lediglich Angst vor Kontrollen durch die Miliz. Ich habe gehört, dass Polizisten in den Papieren von Ausländern immer Fehler finden können, wenn sie nur wollen.
Cho Sang In (Foto: Wunderlich/SPZ)
Cho Sang In (21, Russisch-Studentin aus Korea)
Ich mag die russische Sprache sehr und wollte unbedingt nach Russland, um sie zu lernen. Bereits in Korea wurde ich gewarnt, dass man in Russland mit asiatischem Äußerem gefährlich leben würde. Das war mir damals egal. Jetzt wo so viel passiert ist, habe ich Angst und will zurück nach Hause. Ich und meine Freunde leben hier so unauffällig wie möglich, gehen zur Uni und zurück ins Wohnheim. Das ist alles.
(Veröffentlicht in der St. Petersburgischen Zeitung 11/2005 - Text und Fotos: Antje Wunderlich/SPZ)