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Zwangsarbeiter-Friedhof vor einem Bergwerk bei Workuta (foto: ld/rufo)
Zwangsarbeiter-Friedhof vor einem Bergwerk bei Workuta (foto: ld/rufo)
Montag, 23.01.2006

Workuta: Endstation in der eisigen Tundra

Workuta. Keine Stadt Europas ist so abgelegen und mit einer derartig düsteren Vergangenheit behaftet wie Workuta. Ein Besuch bei Menschen, die aus der Geschichte dieser Insel im Archipel Gulag kein Geheimnis machen.


„Herzlich Willkommen in Workuta“, steht in überdimensionalen grellgelben Buchstaben auf einem Schild über dem Bahnsteig. Die Leute im Zug rüsten sich für das Schneetreiben: Pantoffeln und Trainingsanzüge sind in den Taschen verschwunden und schwere Mäntel und Pelzmützen zum Vorschein gekommen. Der Zug aus St. Petersburg ist nach 50 Stunden Fahrt und 2000 Kilometern an seinem Ziel im äußersten Nordosten Europas angelangt.

Auf dem Bahnsteig herrscht wildes Treiben. Waren werden in Empfang genommen und schwer bepackte Bekannte und Verwandte begrüßt. Unter den Ankömmlingen ist auch Maxim. Der 27-jährige Staatsanwalt betritt die polare Stadt ein weiteres Mal mit gemischten Gefühlen. Die Sonderzulagen für Staatsbeamte haben den strebsamen Juristen und jungen Vater nach dem Examen nach Workuta gelockt. „Die Bezahlung ist gut und der Lebensstandard besser als in anderen Regionen Russlands, doch für mich ist bald Schluss“, betont Maxim. „Ich möchte, dass mein Sohn alsbald unter grünen Bäumen spielen kann.“

Erbaut auf Knochen: Fahrt über die „Todesstrecke“


„Ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Russland ist Zugfahren ein Genuss. Hier entspannt man sich, knüpft Kontakte und bringt gutes Essen mit. Das Zugabteil ist dein Zuhause und die Mitreisenden deine Familie“, sagt die Studentin Olga, die ihre Eltern im hohen Norden besucht. Und tatsächlich, in den vergangenen zwei Tagen wurden unzählige Kartenrunden gespielt, Gespräche über das Leben geführt und so manche Tasse heißen Tees getrunken.

Eine Großstadt in der unwirtlichsten Ecke Europas: Schneesturm im Workuta (foto: ld/rufo)
Eine Großstadt in der unwirtlichsten Ecke Europas: Schneesturm im Workuta (foto: ld/rufo)
Doch die Unbekümmertheit ist trügerisch, während der Zug langsam und behäbig durch die baumlose Schneewüste rollt. Die „Todesstrecke“ heißt der Gleisstrang im Volksmund – auch wenn er für Workuta die Nabelschnur zur Welt ist. Die Verlegung jeder Schwelle soll zwei Menschenleben gekostet haben. Erzählungen zufolge wurden die Leichen der Sträflinge direkt unter den Bahngleisen verscharrt. Stalins erbarmungsloser Plan, die Bodenschätze des Nordens zu erschließen, forderte unzählige Opfer.

Unmenschliche klimatische Bedingungen mit Temperaturen bis zu 50 Grad unter dem Gefrierpunkt sind der Preis für die Ausbeutung reicher Vorkommen an Kohle, Erdgas und Erdöl in der Tundra. Echte wie vermeintliche Gegner des Stalin-Regimes wie auch Kriegsgefangene mussten hier unter grausamen Haftbedingungen die Erschließung der tief im Permafrostboden begrabenen Reichtümer vorantreiben.

Eine aussterbende Stadt am Ende der Welt


„Einen Schwarz-Weiß-Film bekommt ihr hier zu sehen“, sagt ein Bahnreisender scherzhaft, als wir ihn auf Workuta ansprechen. Schnee und Kohle sind hier untrennbar miteinander verbunden. Feiner Kohlenstaub liegt in der Luft und färbt den Schnee schwärzlich. Kohle ist das Lebenselixier der Stadt. Doch als der Wind der Marktwirtschaft auch durch Workuta fegte, fielen die Löhne und unzählige Bergarbeiter wurden arbeitslos. Sieben der dreizehn Schächte wurden geschlossen. Wer Geld hatte, kehrte der Stadt sofort den Rücken.

Alte Sowjetbauten, die zunehmend ohne Bewohner bleiben: Blick über Workuta (foto: ld/rufo)
Alte Sowjetbauten, die zunehmend ohne Bewohner bleiben: Blick über Workuta (foto: ld/rufo)
Wer blieb und auf bessere Zeiten hoffte, wurde mit einem steilen Anstieg der nicht mehr subventionierten Lebensmittelpreise und einem rasanten Verfall des Werts der hiesigen Wohnungen konfrontiert. Stolze 230.000 Einwohner zählte einst die Stadt. Heute hat sich die Zahl beinahe halbiert und ein Ende der Schrumpfung ist nicht in Sicht. Vor zwei Jahren wurde ein ganzer Stadtteil geräumt. Heute spielen Kinder in den Ruinen der Geisterstadt.

Rentner und Arbeitslose sind die großen Verlierer des Wandels in Workuta. Auf der anderen Seite steht „Workutaugol“ (Workutakohle), eine Aktiengesellschaft, die hier heute den Ton angibt. Die Gewinner des Umbruchs rollen selbst im polaren Norden in deutschen und japanische Luxuskarossen über den breiten Leninski Prospekt, der mit seinen sowjetischen Prachtbauten die Achse der Stadt bildet. Um das Zentrum herum stehen Plattenbauten. Auch wenn bis heute keine einzige Straße nach Workuta führt, sieht die Stadt nicht viel anders aus als andere Provinz-Zentren zwischen St. Petersburg und Wladiwostok.

Bei Russland-Aktuell
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• Winter schlägt Kälterekord in Russland - Evakuierung (15.01.2006)
• Menschenrechtlerin in Workuta erschossen (22.07.2005)
• Drei Bergleute in Workuta gerettet (05.08.2004)
• EU überprüft Einhaltung der Menschenrechte (16.07.2004)
Im einzigen Museum der Stadt geht es um Flora und Fauna der Region, um den Bau des örtlichen Stadions und um die Helden des Großen Vaterländischen Krieges. Nur eine einzige Vitrine informiert über die Biografie eines Lagerinsassen. Workuta scheint seine Vergangenheit nicht gerne preiszugeben, Fremden gegenüber schon gar nicht.

Schnee und ein Mantel des Schweigens über den Lagern


„Ihr hättet besser in Deutschland fragen sollen“, entgegnet Alexander Kalmykow, der Vorsitzender der lokalen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, freundlich lächelnd. „Die Deutschen haben in der Aufarbeitung unserer Lagervergangenheit bessere und tiefer gehendere Arbeit geleistet. In Russland ist es leider gängige Meinung, dass die Gegenwart schwierig genug ist und man sich mit den Problemen der Vergangenheit nicht mehr auseinandersetzen muss. Um diesem Trend entgegen zu wirken, sind wir da.“

Mit diesem Satz kommt Leben in den gelernten Geologen. Wenige Minuten später ist der Tisch im Memorial-Büro bedeckt mit Karten, Büchern und Dokumentationsfilmen – und Kalmykow ganz in seinem Element, dem Kampf gegen das Vergessen der düsteren Vergangenheit seiner Stadt. Auf einer Karte markieren zahlreiche rote Punkte die ehemaligen Lager in der Republik Komi. Die meisten Flecken befinden sich in und um Workuta. Als Anfang der 30er Jahre die ersten Sträflinge in den hohen Norden kamen, gruben sie als Behausungen Wohnhöhlen in den eisigen Boden. Vor allem in den ersten Jahren raffte die Kälte und die magere Verpflegung unzählige Häftlinge hinweg. Die Sträflinge kamen in Viehwaggons, die auf dem Rückweg mit Kohle beladen wurden.

Ein Gedenkmuseum war unerwünscht


Heute erinnern nur noch verfallene Baracken und Stacheldrahtzäune in der Tundra an die Lager. Ein einziges Denkmal ist nahe des ersten Kohleschachts errichtet worden – und selbst dies gegen Widerstand. Die Eröffnung eines Gedenkmuseums scheiterte an der Stadtverwaltung. Sie wollte keine andauernde Betreuung zusagen, obwohl ausländische Spender eine vollständige Finanzierung garantierten, berichtet Kalmykow. Doch die Arbeit von „Memorial“ geht weiter. Zur Zeit ist die Gruppe dabei, ein digitales Archiv über ehemalige Lagerinsassen anzulegen. Doch da alles auf ehrenamtlicher Basis geschieht, geht die Arbeit nur sehr langsam voran.

Im Winter kann es in Workuta bis zu minus 50 Grad kalt werden - und der Schnee häuft sich zu gewaltigen Bergen an (foto: ld/rufo)
Im Winter kann es in Workuta bis zu minus 50 Grad kalt werden - und der Schnee häuft sich zu gewaltigen Bergen an (foto: ld/rufo)
„Das Ungesagte zu erforschen“, ist Kalmykows Antrieb. Wer die Lagerzeit überlebte, musste ein Dokument unterschreiben, in dem er sich verpflichtete, über die Haftzeit Stillschweigen zu bewahren. „So kommt es, dass nicht einmal die Kinder vieler Insassen von den Erlebnissen ihrer Eltern wissen“, erzählt Kalmykow. „Es liegt noch immer ein Mantel des Schweigens über die Ereignisse der Lagervergangenheit.“ Wie etwa jenes am 1. August 1953: Bei einem Aufstand am Schacht Nr. 29 kamen mehr als fünfzig Menschen ums Leben. Die Wärter schossen in die Menge. Die Leichen wurden nahe des Orts des Massakers verscharrt. Heute erinnern hier Kreuze an die Toten und jedes Jahr versammeln sich dort Überlebende und Angehörige. Doch, was an diesem Tag genau geschah, wissen nur die Wenigsten.

Ein Traum von Weimar in Workuta


„Die deutsche Sprache klingt in meinen Ohren wie Musik. Sie müssen mir unbedingt von Deutschland erzählen“. Galina Dall hat zum Tee geladen und ist trotz der späten Stunde und ihres fortgeschrittenen Alters in bester Verfassung. Doch sie möchte nichts hören von Hartz IV oder Bundestagswahlen. Ihr Deutschland sind Goethe, Schiller und Heine, deren Gedichte sie in ihrer Kindheit von ihrem Großvater in Moskau gehört hat. Sie unterbricht die Erzählung und berichtet von ihren Reisen nach Weimar. Von Goethes Wohnhaus, das sie nicht mehr verlassen wollte – und von deutschen Lagerinsassen in Workuta, mit denen sie abends um den Ofen herum versammelt Volkslieder gesungen hat.

Galina Dall kam als junges Mädchen sterbenskrank in ein Lager in Workuta (foto: Stähle/SPZ)
Galina Dall kam als junges Mädchen sterbenskrank in ein Lager in Workuta (foto: Stähle/SPZ)
Ihr Gesicht ist vom Leben gezeichnet, doch voller Energie und die deutschen Worte sprudeln nur so aus ihr heraus. Immer wieder kommt sie auf ihren Glauben zu sprechen. Sie erzählt, wie sie abends unter der Decke in der schmutzigen Holzbaracke durch Gebete die Kraft für den nächsten erbarmungslosen Arbeitstag im Gulag schöpfte.

Verbannt wegen eines Brot-Jobs für die Deutschen


Galina Dall ist beraubt worden - der besten Jahre ihres Lebens, ja vielleicht sogar ihres ganzen Lebens, das sie nach der zehnjährigen Haftstrafe in Workuta verbringen musste. Doch keine Klage oder Anschuldigung kommt über ihre Lippen. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges hatte sie in der Ukraine für die deutschen Besatzer auf einem großen Landwirtschaftsbetrieb als Übersetzerin gearbeitet. Als Lohn erhielt sie Lebensmittel für sich und ihre Familie.

Als die Rote Armee kam, wurde ihr dies zum Verhängnis. Sie wurde wegen „Landesverrat“ angeklagt und verurteilt. Die wochenlange Fahrt, eingepfercht in einem Viehwaggon, hätte der damals 22-Jährigen beinahe das Leben gekostet. Doch wie durch ein Wunder überlebte sie und kam auf der Krankenstation des Lagers wieder auf die Beine. Sie arbeitete als Krankenschwester und in einer Straßenbaubrigade. Nach Stalins Tod wurde sie entlassen und gründete in der Verbannung eine Familie.

Die Erinnerung scheint der 82-Jährigen Dame zuzusetzen. Ihr Gesicht hat die Frische verloren. Immer wieder mischen sich russische Worte in ihre Erzählung. Sie wirkt müde und erschöpft. Plötzlich hellt sich ihr Gesicht auf. Sie zeigt eine Fotografie ihres jüngsten Enkels und berichtet voller Stolz, dass er in Moskau studiert. „Er ist in besseren Zeiten geboren worden. Er wird später entscheiden können, wo er leben und arbeiten möchte und hoffentlich wird er auch mal nach Weimar fahren“, sagt sie. Galina Dall hat ihren Frieden gefunden. Nicht in Workuta, wo „nichts wächst und gedeiht und Menschen nichts verloren haben“, sondern im Schoß ihrer Familie.

Am nächsten Tag verlässt unser Zug wieder den Bahnhof. Kalmykow verabschiedet uns mit einem festen Händedruck. „Erzählt von Workuta. So etwas darf nie wieder passieren“, sagt er zum Abschied.
(Daniel Stähle/SPZ)


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spatz32 10.01.2010 - 15:22

Workuta

Ich suche Haftkameraden aus dem
Schacht 12/14/16 von 1952/53
Der Brigadier hieß Below.
Wer kann mir helfen


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