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Auch Steinwände sind nicht von Ewigkeit: In den sog. Kalten Bädern des Katharinenpalais (foto: eva/SPZ)
Auch Steinwände sind nicht von Ewigkeit: In den sog. Kalten Bädern des Katharinenpalais (foto: eva/SPZ)
Freitag, 27.01.2006

Zarskoje Selo: Nachwuchs für das Bernsteinzimmer

St. Petersburg. Nach der Rekonstruktion des Bernsteinzimmers wartet mit den renovierungs-bedürftigen Achatzimmern eine neuer Großauftrag auf die Schmuckstein-Spezialisten von Zarskoje Selo. Doch noch fehlt es am Geld.

„Die Achatzimmer sind Andrejs Angelegenheit, den nehmen wir am besten mit, wenn Sie die Räume besichtigen wollen,“ meint Marina Prusanowa, die Vizedirektorin der mittlerweile weltberühmten Bernsteinzimmerwerkstatt des Katharinenpalais von Zarskoje Selo (Puschkin). Andrej Nowikow ist der Finanzexperte und Buchhalter der Werkstatt und vor allem deshalb über den Zustand des nächsten Auftrages bestens informiert.

Unscheinbare Risse im Katharinenpalast im Schloss-Vorort Puschkin


Die Achatzimmer
Der schottische Architekt Charles Cameron (1746-1812) galt als ausgezeichneter Kenner der antiken Architektur. 1779, als der russische Zarenhof seine Liebe zum Klassizismus entdeckte, wechselte er von Rom nach St. Petersburg. Zu seinen Hauptwerken zählen der Palast mit Park von Pawlowsk, sowie seine Anbauten an das Katharinenpalais in Zarskoje Selo – die Achatzimmer, der Hängende Garten und die Große Galerie, die heute seinen Namen trägt.
Der Hängende Garten verbindet die Terrasse der Cameron-Galerie mit den Achatzimmern, in denen Katharina II. in den frühen Morgenstunden sich mit Dokumenten beschäftigte und Briefe schrieb. Sie befinden sich im ersten Stock der sogenannten „Kalten Bäder“, die aber keineswegs kalt waren. Dieser Name beruht lediglich auf der Tatsache, dass die Fensterfront sich nach Norden öffnet. In den Prunkräumen der Achatzimmer setzte Cameron die Wünsche der Kaiserin um: Das Innere ist mit Stuckmarmor und farbigem Jaspis aus dem Ural und dem Altai geschmückt und gilt als kunsthandwerkliche Meisterleistung.
Nachdem die Kaiserin Camerons Plänen gebilligt hatte, wurden ab 1783 die Wände der Räume mit neun Zentimeter dicken Jaspisplatten ausgekleidet. Eine besondere Schwierigkeit bereitete das Schleifen und Polieren des Gesteins, um seine hellen Farbtöne zu Tage zu bringen. Durch intensives Polieren erhielten die Platten schließlich den gewünschten gläsernen Glanz. 200 Quadratmeter Wände, Fensterverkleidungen und Kamine wurden so geschmückt. Die Wände der beiden Kabinette, die sich an den Kopfenden des „Großen Saales“ befinden, verkleidete man mit Jaspis von dunkelrotem Ton, der Einsprenkelungen von weißem Quarz hat. Da man diesen Jaspis im 18. Jahrhundert „Fleischachat“ nannte, erhielt der gesamte Gebäudekomplex die Bezeichnung „Achatzimmer“.
Bis auf kleinere Beschädigungen und Plünderungen blieb Camerons Architekturensemble während des Zweiten Weltkrieges im Vergleich zum Rest des Katharinenpalais verschont, da es im Schatten des Beschusses der deutschen Artillerie lag. Leider gab es zu Sowjetzeiten keinerlei Instandhaltungsmaßnahmen, weshalb eine intensive Restaurierung zum Erhalt der Räume längst überfällig ist. (pb/SPZ)
Die Achatzimmer sind Teil eines Anbaus des Katharinenpalais, der vom schottischen Architekten Charles Cameron gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach den Wünschen Katharinas der Großen verwirklicht wurde. Dieses „Cameronsche Architekturensemble“ muss nun von Grund auf saniert werden. Im dortigen „Großen Saal“ scheint eine Restaurierung auf den ersten Blick nicht notwendig. Als Andrej allerdings auf die meterlangen Risse im Stuckmarmor an den hohen Wänden zeigt, meint er: „Das ist viel Arbeit, auch wissen wir größtenteils noch gar nicht, wie wir diese Wände trocken bekommen sollen.“

Der Schlüssel dazu liegt wohl in der Rekonstruktion der alten Technik. „Zuerst einmal muss das Dach komplett erneuert werden. Außerdem wurden die Räume durch ein kompliziertes Luftkanalsystem, das der Architekt Almosow 1850 installierte, belüftet und trockengehalten.“

Feuchte Mauern als Schrecken der Restaurateure


Stümperhafte Reparaturen führten dazu, dass diese Schächte verschlossen wurden und deshalb Feuchtigkeit in das Gemäuer eindringen konnte. Eine schnelle Trockenlegung mit Heizlüftern würde in diesem Fall nur noch zur weiteren Zerstörung der Wände führen. Deshalb entschied man sich für eine Sanierung in Form einer Wiederherstellung des alten Lüftungssystems.

Bedauerlicherweise hat man in die Sanierung der Räume bisher nur 50.000 Euro stecken können. Das scheint bei einem Gesamtaufwand von ca. sechs Millionen Euro nicht nur wie ein Tropfen auf den in diesem Fall feuchten Stein, man sieht es auch. Die geschliffenen roten Jaspisplatten der beiden Kabinette, denen der Raumkomplex den Namen „Achatzimmer“ zu verdanken hat, werden mit Gitterfolie zusammengehalten, metallene Baustützen halten die Decke. Keine guten Aussichten für einen Erhalt dieses Ensembles, das mit seiner Jaspisverkleidung weltweit einzigartig ist.

Zar Peters Wunsch: Bunte Steine für Russlands Paläste


Neben dem weltberühmten Bernsteinzimmer und dem Spiegelsaal nebenan sind die Achatzimmer ein Paradebeispiel für die Pracht von Zarskoje Selo: Geschliffenes Gestein gleißt in allen Farben – tiefgrüner Malachit, kräftig glänzender Lapislazuli, mächtige Granitsäulen oder übermannshohe Serpentinvasen.

Bereits im 16. Jahrhundert wurden im Ural Vorkommen harter Ziergesteine erschlossen, jedoch wusste man in dieser Zeit noch nichts um die Verfahren ihrer Verarbeitung. Die Verwendung „bunter Steine“, wie man farbiges Gestein im alten Russland bezeichnete, kam mit dem Wunsch Peters I. auf, eine Schmuckstein- verarbeitende Industrie in Russland zu schaffen. 1752 eröffnete in Peterhof die erste Granitfabrik Russlands, wo man Kunsthandwerk aus Gestein herstellte und Steinmetz-Meister ausbildete.

Gegenwärtig für Besucher nicht zugänglich: Die Achatzimmer (foto: eva/SPZ)
Gegenwärtig für Besucher nicht zugänglich: Die Achatzimmer (foto: eva/SPZ)
Vor allem Vasen, Tische, Säulen und sonstiger Wandschmuck wurde in Peterhof, später auch in Jekaterinburg und dem Altaigebiet vor Ort an den Fundstellen produziert. 1765 zog auf Erlass Katherinas II. eine Expedition unter Leitung des Mineralogen Dannenberg durch den Ural, die vor allem neue Jaspis-, Achat- und Karneolvorkommen erschloss. Anfang der 1780er Jahre wurde in den russischen Granitfabriken schließlich eine Technologie zur Schmuckstein-Verarbeitung entwickelt - und Peters alter Traum einer reichhaltigen Ausschmückung der Palastsäle mit Gesteinen wurde durchführbar.

Nach der Revolution wurden die großen Schmuckstein-Manufakturen des Landes geschlossen. Heute kennt man Russlands „bunte Steine“ vor allem als Zierwerk für Souvenirs und sonstiges, zumeist kleineres Kunsthandwerk. Die Wiedereröffnung der Bernsteinzimmer-Werkstatt bedeutete also die Renaissance eines alten traditionellen Handwerks.

Ein Stück Bernsteinzimmer für Neue Russen


Zurück in die Werkstatt: Dort herrscht geschäftiges Treiben. An die 30 Mitarbeiter sind mit dem Schleifen von Bernstein beschäftigt. Um die Zukunft muss man sich nach der Fertigstellung des Bernsteinzimmers überraschenderweise keine Sorgen mehr machen. Heute fertigen die Kunsthandwerker unter anderem Kopien von Teilen des Zimmers für reiche Russen. Ein kleiner staatlicher Musterbetrieb mit selbstständiger finanzieller Verantwortung ist entstanden.

Den Bernsteinschleifern von Puschkin hat der Weltruhm ihres Meisterwerks viel Arbeit eingebracht (Foto: eva/SPZ)
Den Bernsteinschleifern von Puschkin hat der Weltruhm ihres Meisterwerks viel Arbeit eingebracht (Foto: eva/SPZ)
Dabei war diesem Projekt der Erfolg keineswegs in die Wiege gelegt: Nachdem 1979 die Sowjetregierung eine Rekonstruktion des Bernsteinzimmers beschlossen hatte, stand man hier vor schier unlösbaren Aufgaben: Nicht nur musste das vergessene Wissen um das Schleifen und Färben des Bernsteins neu erlernt werden, um den Raum zu rekonstruieren – es fehlte auch dauernd an Geld. Als 1999 die deutsche Ruhrgas als Sponsor einstieg, waren gerade einmal 40 Prozent geschafft. Dank des deutschen Geldes ging es dann schnell: Das Bernsteinzimmer konnte im Mai 2003 der Öffentlichkeit präsentiert werden.

„Wir haben immer wieder ausgefallene Wünsche von Privatkunden,“ berichtet Marina. „Ein guter Auftrag kam von Faber Castell aus Deutschland, für die wir im letzten Jahr 2000 Stifthülsen aus Bernstein herstellten.“ Diesen „Pen of the Year 2004“ kann man heute für stolze 2.200 Euro bei der deutschen Firma bestellen.

Und wieder ist man auf der Suche nach Sponsoren


Doch was haben nun die Bernsteinschleifer bei der Rekonstruktion der Achaträume zu tun? „Die meisten unserer Meister sind ja eigentlich Steinmetze, die sich zusätzlich das Handwerk des Bernsteinschleifens angeeignet haben,“ antwortet Marina. Auch Werkstatt-Direktor Boris Igdalow kommt aus diesem Metier. „Die vier Florentinischen Mosaike des Bernsteinzimmers hatte Boris in den 80er Jahren selbst rekonstruiert. Dafür ging er lange nach Florenz, denn die Schwarz-Weiß-Fotos konnten ihm ja wenige Anhaltspunkte liefern. Als dann in Bremen 1997 ein Original auftauchte, war der Vergleich für ihn wie ein Sieg.“

Werkstattchef Boris Igdalow (sitzend) hat gegenwärtig viele Aufträge zu unterzeichnen (foto: eva/SPZ)
Werkstattchef Boris Igdalow (sitzend) hat gegenwärtig viele Aufträge zu unterzeichnen (foto: eva/SPZ)
Boris Igdalow sitzt an einem schweren Schreibtisch in seinem Büro gleich neben dem Eingang zur Werkstatt. Auf dem Tisch liegen ungeschliffene handgroße Brocken von Malachit und Lapislazuli als Briefbeschwerer. Er selbst ist zuversichtlich, dass man im Frühjahr mit der eigentlichen Restaurierung beginnen kann: „Wir machen auf der Suche nach Sponsoren natürlich viel Werbung für die Achaträume. Im November waren wir auf den Münchner Mineralientagen, der zweitgrößten Mineralienmesse der Welt, wo eine Sonderschau zum Thema Achat statt fand. Wir haben viele Freunde dort,“ meint er freudig, als sei ein Geldgeber bereits gefunden.

Außerdem gäbe es bald auch Geld vom Staat für die Restaurierung. Bleibt nur zu hoffen, dass Sponsoren wie staatliche Förderung nicht zu lange auf sich warten lassen, damit in der Werkstatt alsbald die Poliermaschinen angeworfen werden können. Igdalow: „Der Jaspis liegt bereits in den Kellern des Katharinenpalais zur Verarbeitung bereit und muss im Vergleich zum Bernstein nicht erst gesucht werden.“

(Peter Burdack/SPZ)


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