Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Syrien-Einigung: Das dicke Ende kommt noch
Startseite


Botschafter a. D. Dieter Boden freut sich über jeden neuen Besuch in St. Petersburg. (Foto: Brammerloh/.rufo)
Botschafter a. D. Dieter Boden freut sich über jeden neuen Besuch in St. Petersburg. (Foto: Brammerloh/.rufo)
Freitag, 26.10.2012

40 Jahre Konsulat Petersburg: wilde und ruhige Jahre

Susanne Brammerloh, St. Petersburg. Im zweiten Teil unseres Berichts über 40 Jahre Generalkonsulat Leningrad geht es um die „wilden Neunziger“ und die stabile Gegenwart der deutsch-russischen Beziehungen.

„Es war eine sehr spannende Zeit“, erinnert sich Brandenburg, der 1986 nach Moskau versetzt worden war, an die Perestroika. „Auf einmal war die Presse interessant; wir konnten uns vor Besuchern nicht retten.“ Alle wollten die „neue Sowjetunion“ mit der plötzlichen möglichen Freiheit sehen.

Matthias Rust und die Improvisation


Einer stellte sie auf ungewöhnliche Weise unter Probe: Matthias Rust. Just am Tag der Grenztruppen landete er am 28. Mai 1987 mit einem Sportflugzeug auf dem Roten Platz. Generalsköpfe rollten, der Hamburger Hobbyflieger kam ins Gefängnis. Aber ein Jahr später war er schon wieder frei, und die Beziehungen zu Deutschland hatten nicht gelitten. Die Zeiten hatten sich tatsächlich geändert.

Bei Russland-Aktuell
• Kind der Entspannung: 40 Jahre Konsulat SPb., Teil I (25.10.2012)
Brandenburg: „Von Rusts Unternehmen waren wir genauso überrascht wie alle anderen. Es herrschte zuerst eine unglaubliche Nervosität. Das Medieninteresse war riesig, in etwa so wie jetzt wegen Pussy Riot.“

Die Diplomatie war damals von „viel Improvisation“ geprägt, erinnert sich Generalkonsul Haller, der in den Jahren vor der Wiedervereinigung in Moskau arbeitete. Auf einmal ging alles sehr schnell, „bis zur deutsch-deutschen Fusion blieb nur ein Jahr“.

Die DDR stellte sich quer, sie wollte partout „nicht renovieren, nur weil der Nachbar die Tapeten wechselt“. Der Nachbar warnte im Gegenzug: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Honecker zog, wie wir alle wissen, in diesem Schlagabtausch den Kürzeren.

Die wilden und höchst interessanten Neunziger


Ina Ruck, heutige ARD-Korrespondentin in Moskau, hat ihre journalistische Karriere in den chaotischen 1990er Jahren begonnen, die auch gern als die „wilden 90er“ bezeichnet werden. „Das war eine hochspannende, intensive Zeit, heute ist sie das weniger“, meint sie.

„Die Presse war wesentlich freier, es gab gute Ansätze.“ Nicht nur „Banditen und Neue Russen“ bestimmten das Bild, sondern eine tatsächliche Pressefreiheit. Journalisten hätten „Zugang zu den Zimmern der Macht“ gehabt. „Journalisten durften schon mal in Jelzins Flugzeug mitfliegen“, so Ruck.

Die großen Demos des vergangenen Winters erinnern sie an die ganz frühen neunziger Jahre, in den Zeiten des Putsches gegen Gorbatschow. „Damals MUSSTE man fernsehen. Heute herrschen drei Staatssender, die sind auf Linie und werden zensiert. Die kritische Presse sitzt im Internet.“

Was Petersburg betrifft, erinnert sie sich an eine Reise im Jahre 1998. Gerade war die Währung zusammengebrochen, die kritische Politikerin Galina Starowoitowa war erschossen worden. Die Wahlen zum Stadtparlament wurden zu „den schmutzigsten in der Geschichte“ deklariert; die Stadt wurde gemeinhin als „Banditen-Petersburg“ gegeißelt.

Zurück in die provinzielle Dumpfheit


Da hatte Petersburg seine besten Zeiten bereits hinter sich, meint Dieter Boden. Unter Bürgermeister Sobtschak ab Anfang der 1990er Jahre in der „Avantgarde des Umbruchs“, war sie in ihre Rolle als „große Stadt mit Provinzschicksal“ zurückgekehrt, der sie gerade entwachsen zu sein schien.

„1996 begann die Restauration“, so Boden. „Die Stadt bewegt sich wieder zurück in die Dumpfheit. In Sachen Demokratie gibt es heute keine Rivalität mehr zwischen Moskau und Petersburg.“

„Die richtigen Lehren gezogen“


Ulrich Brandenburg bescheinigt der deutsch-russischen Gegenwart „eine solide Vertrauensbasis auf beiden Seiten“, was die Wirtschaft betrifft, und „keine akuten politischen Probleme“. Man habe „die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen“.

Benedikt Haller betont die große deutsche Präsenz in St. Petersburg – u. a. mit dem Goethe-Institut, der Handelskammer und dem großen Konsulat. „Wir haben es herrlich weitgebracht“, zitiert er Goethe. Für die Zukunft wünscht er sich aber stärkere russische Investitionen im Ausland und mehr ausgeglichene Wirtschaftsbeziehungen.

„Spione sind völlig überflüssig“


Fritz Pleitgen verteidigt die oft kritische deutsche Berichterstattung über Russland. Es ginge nicht um Kritik als Selbstzweck, sondern darum, „die Wahrheit zu berichten“. Aktuelle Tendenzen zur Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit führten „zu Besorgnis“.

Bei der abschließenden Fragestunde wollte ein Student wissen, wie es um „die Rolle der Spionage“ bestellt ist. Pleitgen fand eine kurze und bündige Antwort: „Spione sind völlig überflüssig und erreichen nichts.“ Das habe die Geschichte mehr als einmal bewiesen.



Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Beachten Sie unbedingt die >>> Regeln für Leserkommentare. Sie können hier oder auch im Forum ( www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Uwe Niemeier 26.10.2012 - 11:30

... der deutsche Botschafter ...

Ulrich Brandenburg bescheinigt der deutsch-russischen Gegenwart „eine solide Vertrauensbasis auf beiden Seiten“, was die Wirtschaft betrifft, und „keine akuten politischen Probleme“.

Nun, als Diplomat hat Herr Brandenburg richtig gesprochen. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, entgegen der Meinung von Herrn Pleitgen, dass Russland kritisiert wird um der Kritik willen. Ich habe eben mal kurz nachgedacht, wann Russland vom Westen für irgendwas anerkennend erwähnt wurde – mir ist nichts eingefallen. Sollte das dann im Umkehrschluss bedeuten, dass in Russland alles schlecht ist? Wohl kaum – behaupte ich mal als neuer Russland-Deutscher aus Kaliningrad.

Aber um auf St. Petersburg und das dortige Generalkonsulat zurückzukommen. Ich habe die Stadt im Jahre 2002 erstmals nach meinem Studium wieder besucht. Ehrlich gesagt: Leningrad hat mir 1980 besser gefallen – ja, kleine nostalgische Anwandlungen spielen da natürlich eine Rolle. St. Petersburg ist westlicher geworden. Viel Verkehr, noch mehr Reklame, die die schönen Häuser verdeckt, hektisch, die Menschen sind ungeduldiger (ich hätte auch ein anderes Wort wählen können), die Metro, naja …

Das Generalkonsulat kenne ich nicht, aber dortige Mitarbeiter kenne ich noch aus Kaliningrader Zeiten. Ich habe angenehme Erinnerungen und bedaure in diesem Zusammenhang immer, das die „Verweildauer“ auch von guten deutschen Diplomaten immer auf 3 – 4 Jahre beschränkt ist.


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Freitag, 26.10.2012
Zurück zur Hauptseite







Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)

Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Petersburg intern
Schnelle Stadtnachrichten

31.10.2015224 Tote: Absturz über Ägypten schockiert Russland
19.09.2015Ermordete Zarenkinder werden in St. Petersburg beigesetzt
13.09.2015Neuer russischer Ostseehafen: Bronka geht in Betrieb
13.09.2015Neuer russischer Ostseehafen: Bronka geht in Betrieb
19.05.2015St. Petersburg macht sich klein – im Maßstab 1:87
22.03.2015Opel ade: General Motors räumt den russischen Markt
31.01.2015St. Petersburg: Deutsche Visa auf der Petrograder Seite
23.04.2014Petersburger Wasserbusse fahren 2014 auf längerer Linie
26.03.2014Flughafen-Umzug beendet: Pulkovo-2 wird stillgelegt
04.12.2013Deutschland-Flüge eröffnen neues Terminal in Pulkowo
21.11.2013Bedingt frei: Greenpeace-Aktivisten verlassen Gefängnisse
20.11.2013Wechselberg stiftet Petersburg ein Faberge-Museum
19.11.2013Greenpeace-Fall: Ärztin und Fotograf kommen frei
13.11.2013Pussy-Riot-Sängerin und Greenpeace-Aktivisten verlegt
08.11.2013Deutsche Lastwagen aus Petersburg: MAN-Werk eröffnet

Mehr Petersburg bei www.petersburg.aktuell.ru >>>


Schnell gefunden
Petersburg Kultur
Petersburg Wirtschaft
Petersburg Architektur
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
Kommentar
Das neue Märchen: Putins Bomben sind Grund der Migrantenflut
Moskau
Parken: Moskaus Lizenz zum Gelddrucken
Kopf der Woche
Moskauer Polizei jagt Baulöwen nach vier Morden
Kaliningrad
Pech für Kaliningrader Glücksspielbetreiber
Thema der Woche
Russland in Syrien: Imagekorrektur per Krieg gegen IS
St.Petersburg
Ermordete Zarenkinder werden in St. Petersburg beigesetzt

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.sotschi.ru
www.wladiwostok.ru, www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.zeit.ru





top us casino sites for you!! casino payment solutions http://www.playonlineblackjack.us.com/ best us deposit bonus casinos Dragon Orb and many more the newest online slot play trusted online casinos still accepting U.S. players best online blackjack review Do you want to play real money slots 24/7?) Click to grab your slots bonus - up to $2500) best online casinos for usa players + Play the best casino games + Claim generous slots bonuses I found the best online casino bonus us friendly ever. Play online casino games with the best bonuses. TOP USA Casinos accepting credit cards - Visa, Mastercard, Amex - reliable deposits. One of the most popular casino sites among slots lovers. Start playing Polar Explorer, one of RTG's newest slots machines at rtgbrands. slots games how to win in vegas slots best online casino allow us customers big bonus online gambling sites