Freitag, 03.06.2011

Alte Börse auf der Wassili-Insel: Wer übernimmt sie?

Wer bekommt den griechischen Tempel auf der Strelka der Wassili-Insel in St. Petersburg? (Foto: Deeg/.rufo)
St. Petersburg. Das Gebäude der ehemaligen Börse auf der Landspitze der Wassili-Insel befindet sich jetzt im Besitz der Stadt St. Petersburg. Sie will dort erneut eine Börse sehen, aber Kenner halten den Ort für ungeeignet.
Bis zum 1. Juni 2011 befand sich das historische Gebäude auf der Landspitze (Strelka) der Wassili- Insel in föderalem Besitz, nun gehört es der Stadt. Damit ist der Weg offen, dieses Meisterwerk des Frühklassizismus einer neuen Bestimmung zuzuführen.

Ein teures Vergnügen


Bisher beherbergt das der klassischen antiken Tempelarchitektur nachempfundene Gebäude das Kriegsmarinemuseum. Bis Ende 2011 soll es aber vollständig in die restaurierte Krjukow-Kaserne am gleichnamigen Kanal gegenüber der Insel Neu-Holland umziehen. Der aufwendige Umzug läuft seit Herbst 2010.

Wer immer die alte Börse bezieht, hat große Aufgaben, denn eine Bedingung für den Erwerb des unter Denkmalschutz stehenden Hauses ist seine grundlegende Restauration. Die Petersburger Denkmalschutzbehörde schätzt die Kosten dafür auf rund 760 Millionen Rubel (19 Millionen Euro).

Das Haus ist zu groß


Innerhalb der nächsten zwei Monate muss die Stadt entscheiden, ob sie einen Wettbewerb ausschreiben wird. Die Bedingung dazu: Es muss sich mehr als nur ein Investor finden, der bereit ist, alle gestellten Bedingungen zum Unterhalt eines Architekturdenkmals dieser Rangordnung zu erfüllen.

Zurzeit laufen Verhandlungen mit verschiedenen Börsen, unter anderem mit der Petersburger internationalen Waren- und Rohstoffbörse. Deren Vizepräsident Timur Chakimow bestätigt das Interesse seines Instituts, findet das Gebäude mit einer Fläche von 12.000 qm aber zu groß, um es vollständig zu übernehmen.

„Wir weiten uns aus und brauchen natürlich neue Räume. Deshalb hat unser Interesse für das Gebäude auf der Strelka nicht abgenommen“, so Chakimow gegenüber der Zeitung „Kommersant“. „Aber wir brauchen keine 12.000 Quadratmeter, deshalb könnten die Räumlichkeiten auch von anderen Organisationen genutzt werden.“

“Völlig ungeeignet für eine Börse“


Die Idee, die alte Börse der Eremitage zu übergeben, die dort ein Heraldik-Museum einrichten wollte, ist wohl endgültig vom Tisch. Aber ob dort auch tatsächlich eine Börse residieren wird, weiß heute niemand. Viktor Nikolajew, der Direktor der Börse „St. Petersburg“, die nach einer Idee von Bürgermeister Anatoli Sobtschak bereits 1996 dort einziehen sollte, hält das Haus schlicht für ungeeignet.

„Es ist völlig unverständlich, was die Rohstoffbörse mit dem Gebäude anfangen will; sie hat genug Platz an ihren Standorten in Petersburg und Moskau“, so Nikolajew. „Auch wenn dort eine Börse einzieht, wird das Architekturdenkmal wohl anders genutzt werden.“

Dieser Meinung ist auch Igor Kokorew von der Consulting-Firma Knight Frank St. Petersburg: Er kann sich im alten Börsenhaus besser einen Konzert- oder Ausstellungssaal vorstellen. Für eine moderne Börse sei es „nicht optimal“:

„Dieses Gebäude wird Investoren anziehen, denen es weniger darum geht, maximalen Gewinn aus der Kapitalanlage zu ziehen. Ihnen geht es mehr darum, ein für sie und die Stadt imageträchtiges Objekt zu bekommen.“