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Das Ford-Werk im Leningrader Gebiet ist bislang Vorreiter der Autoindustrie im Raum Petersburg - nun auch bei der Problembewältigung (Foto: Ford)
Das Ford-Werk im Leningrader Gebiet ist bislang Vorreiter der Autoindustrie im Raum Petersburg - nun auch bei der Problembewältigung (Foto: Ford)
Dienstag, 20.06.2006

Autoindustrie: Petersburg – das Detroit Russlands?

St. Petersburg. An der Newa geben sich Autobosse die Klinke in die Hand, um neue Fabriken aus dem Boden zu stampfen. General Motors, Nissan und Toyota stehen in den Startlöchern. Nun ziehen auch die Zulieferer nach.

Zahlreiche russische Großkonzerne, vor allem solche mit hohem Staatsanteil, verlagern gegenwärtig ihre Hauptquartiere aus Moskau an die Newa. Die Steuern der Gazprom-Öltochter Gazpromneft, der Außenhandelsbank Wneschtorgbank, der Reederei Sovtorgflot, die Pipeline-Firma Transnefteprodukt oder der Fluggesellschaft Transaero werden in Zukunft das notorisch magere Stadtbudget auffüllen.

Der Erfolg dieser Wirtschaftsansiedlung ist aber nur bedingt auf die für russische Verhältnisse durchaus guten Petersburger Investitionsbedingungen zurückzuführen, sondern administrativ gesteuert. Ausländische Unternehmen entscheiden sich dagegen aus nüchternen Kalkulationen für ihre Standorte.

Autoindustrie schaut gebannt auf Russland


Besonders emsig ist gegenwärtig die Automobilindustrie auf der Suche: Russlands Automarkt boomt gewaltig, die Zulassungszahlen von Import-Autos erreichen inzwischen die des früheren Quasi-Monopolisten Lada. Zudem laufen in diesem Jahr wegen des geplanten WTO-Beitritts Sonderkonditionen bei Importzöllen aus, die das russische Wirtschaftsministerium für die Errichtung von Kfz-Produktionsstätten im Land ausgeschrieben hat.

Aus diesem Grund entwickelt sich das „nördliche Venedig“ nun unvermittelt zum „russischen Detroit“ – und sahnte bislang die Hälfte aller ausländischen Autowerk-Projekte ab.

Dabei hatte die sonst eher als Standort von Werften, Stahlwerken und schwerem Maschinenbau bekannte Fünf-Millionen-Stadt in der Automobilindustrie bislang nichts zu bieten: Zu Sowjetzeiten konzentrierte sich diese neben Moskau (ZIL, Moskvich) in einem Dreieck an der mittleren Wolga, wo die traditionellen Hersteller Avtovaz (Lada), GAZ, UAZ, Kamaz und Izh beheimatet sind.

Doch im heutigen Autobau zählen andere Faktoren: Ein guter logistischer Anschluss (im Falle Petersburgs über den größten russischen Hafen), qualifizierte Arbeitskräfte, erschlossene Gewerbeflächen, lokale Steuervergünstigungen und die Nähe zum Hauptabsatzmarkt.

Zwei Autowerke an einem Tag angeschoben


Dieses Bukett sorgte dafür, dass während des diesjährigen Internationalen Wirtschaftsforums in der Newa-Stadt (eine Art kleinem „Davos“ für die GUS-Staaten) in St. Petersburg gleich zwei Projekte für Automobilfabriken offiziell angeschoben: Nissan-Chef Carlos Ghosn unterzeichnete einen Vertrag über den Bau eines Autowerkes im Nordwesten der Stadt – während gleichentags General-Motors-Generaldirektor Rick Wagoner im Südosten den ersten Spatenstich für die erste GM-eigene Autofabrik auf russischem Boden tat.

Der Chevrolet Captiva soll als erstes GM-Modell in Petersburg vom Band rollen (Werksfoto)
Der Chevrolet Captiva soll als erstes GM-Modell in Petersburg vom Band rollen (Werksfoto)
Nissan will 200 Mio. Dollar investieren, um hier ab 2008 jährlich 50.000 Autos zweier Baureihen zu montieren – einen SUV und ein Auto der Golf-Klasse. GM gibt sich mit 115 Mio. Dollar Investitionsvolumen bescheidener und peilt zunächst 25.000 Autos an. Erstes Modell soll der bislang bei Daewoo in Korea gefertigte Soft-Geländewagen Captiva werden. Mit einer provisorischen „Schraubenzieherfertigung“ des Captiva in angemieteten Hallen will GM sogar schon in diesem Herbst beginnen.

Toyota und Ford haben schon Vorsprung


Damit treten beide Hersteller aber nur in die Fußstapfen von Toyota: Der japanische Konzern hat nur schon ein Jahr Vorsprung und baut unweit des zukünftigen GM-Werkes bereits an seiner zukünftigen russischen Produktionsstätte für 50.000 Autos pro Jahr. Hier soll vorrangig der Camry entstehen – auch dies kein Kleine-Leute-Auto, sondern eine solide Business-Limousine.

Bei Russland-Aktuell
• General Motors fährt in Petersburg ein (08.06.2006)
• VW-Werk in Russland: Spät, aber nicht zu spät (30.05.2006)
• Volkswagen klotzt in Kaluga mit 370-Mio.-Projekt (30.05.2006)
• Sachsen projektieren in Petersburg neue Gießerei (23.05.2006)
• Autowerk GAZ: Neuer Wolga wird ein Ami-Schlitten (17.04.2006)
Allen dreien um mehrere Nasenlängen voraus ist Ford: In Wsewoloshsk, etwas außerhalb der Stadtgrenzen von St. Petersburg, läuft bereits seit 2002 ein neu errichtetes Montagewerk für den Ford Focus – exklusiv für den russischen Markt. Die Kapazität dieses Werkes hat jetzt 60.000 Autos erreicht.

Lediglich Volkswagen entschied sich in Russland für Kaluga als Standort eines VW-Skoda-Werkes und Renault produziert bereits in Moskau. Daneben lassen Hyundai und Kia einige Modelle in russischen Autowerken in Lizenz produzieren, ähnliche Vereinbarungen trafen für die Zukunft auch schon DaimlerChrysler, Fiat und Ssangyong.

“Automobil-Cluster“ im Entstehen


In Bezug auf den Raum Petersburg sprechen Fachleute nun mit Fug und Recht von einem „Automobil-Cluster“. Vier nagelneue Autowerke auf einem Fleck – dies macht Petersburg auch für die Zulieferindustrie interessant. So bekam unlängst das sächsische Unternehmen Hörmann-Rawema den Auftrag, für das Kirow-Werk, einen der Petersburger Industriegiganten, eine neue Gießerei zu projektieren. Als Abnehmer für die geplanten Präzisionsgußteile hat man insbesondere die Autoindustrie im Visier.

Zuliefer-Gigant Magna kommt ebenfalls an die Newa


Auch der kanadische Kfz-Zulieferer Magna, einer der weltweit größten Konzerne in dieser Branche, hat dieser Tage im Smolny wegen eines 50-Hektar-Grundstücks nachgefragt. Seine Grazer Tochter Magna Steyr AG will nach Auskunft aus der Stadtverwaltung 50 Mio. Dollar investieren, um hier Kunststoffteile für Karosserien und Kfz-Innenräume herzustellen. Auch von einer Getriebefertigung ist in der Perspektive die Rede.

Toyota hat neben der Ansiedlung seines eigenen Montagewerkes die Niederlassung eines Tochterunternehmens angekündigt, dass Autositze herstellen soll. Und ein russischer Konzern plant ganz in der Nähe die Errichtung einer 220 Millionen Dollar teuren Glasfabrik, die unter anderem Autoscheiben produzieren soll.

Mangelnde Lokalisierung brachte Ford-Werk in Not


Die Ansiedlung von seriösen Zulieferunternehmen ist für die Hersteller dringend nötig, denn die stark vergünstigten Zollsätze auf die Einfuhr von Autokomponenten sind ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Russland hat sie an Bedingungen zur schrittweisen Erhöhung der „Lokalisierung“, also des Anteils einheimischer Wertschöpfung am Endpreis des Autos geknüpft.

Pionier Ford steckt diesbezüglich momentan in der Klemme: Da die von Ford vertraglich für 2006 zugesicherten 40 Prozent angeblich nicht erreicht werden, blockiert der russische Zoll gegenwärtig die Auslieferung des wegen seiner günstigen Preise enorm gefragten Focus.

Das Fließband in Wsewoloshsk stand bereits eine Woche lang still. Wie der „Kommersant“ heute berichtet, zahlt Ford momentan ca. 4.000 Euro Zoll auf jeden importierten Focus-Teilesatz, geht aber davon aus, das Geld nach Klärung der Probleme wieder zurück zu bekommen. Gleichzeitig verhandelt der Konzern mit der Regierung um eine Nachbesserung der Bedingungen.

Die Petersburger Stadtverwaltung hat das Problem erkannt und will für ihre drei neuen „Geschäftspartner“ jetzt ein Lokalisierungs-Förderungsprogramm auflegen, so Vizegouverneur Michail Osejewski.

Matwijenko hat die Qual der Wahl – beim Dienstwagen


Seine Chefin verhedderte sich allerdings erst einmal in ihren eher persönlichen Versprechungen zur Unterstützung der neuen Arbeitgeber: Bei der Vertragsunterzeichung mit Nissan versprach Gouverneurin Valentina Matwijenko, die ganze Stadtregierung in Nissan-Dienstwagen zu setzen, sobald das Werk läuft.

Als man sie daraufhin daran erinnerte, dass sie das gleiche ein Jahr zuvor schon Toyota versprochen hatte, musste sie zurückrudern: Dann werde sie sich eben abwechselnd in einem Produkt von GM, Nissan und Toyota chauffieren lassen.

Bislang pflegt sich Matwijenko in einem 7er-BMW fortzubewegen – doch derartige Opfer müssen wohl gebracht werden, um den Ruhm des „russischen Detroit“ zu erlangen. Wobei sich der Petersburger Auto-Boom wohl nie bis zu einer solch ungesunden Monostruktur wie in der US-Autometropole auswachsen wird - selbst wenn noch der eine oder andere Konzern am Newa-Ufer andocken wird.
(Lothar Deeg/rufo)


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