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| Petersburger Stadtgespräch: Gab es vor 200 Jahren einen Anleger am Singer-Haus oder nicht? Foto: Deeg/.rufo | |
Dienstag, 19.10.2004
Bootsanleger am Newski – pro und contra
St. Petersburg. Um den Bau eines Schiffsanlegers an der Kasaner Brücke am Newski Prospekt ist ein wütender Streit entbrannt. Die Befürworter sehen in dem Projekt die Wiederherstellung historischer Wahrheit, die Gegner wittern einzig und allein handfeste Geschäftsinteressen. Im Denkmalschutzamt zerbricht man sich derweil den Kopf, ob es an der betreffenden Stelle überhaupt jemals einen Anleger gegeben hat. Denn wenn nicht, darf dort auch kein neuer entstehen.
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Eine typisch petersburgische Geschichte ist das Ganze. Die Firma „West-Travel“ will ernsthaft ins Exkursionsgeschäft auf Petersburgs Flüssen und Kanälen einsteigen und hat dafür sechs Anleger gemietet. Zwei sollen noch gebaut werden, einer davon direkt an der Kasaner Brücke gegenüber dem Singer-Haus, in dem bis vor kurzem noch das Haus des Buches residierte. So weit, so gut.
Die Stadtregierung war aber gleich dagegen und berief sich dabei auf „die Nähe von Architekturdenkmälern“, die nach alter Petersburger Tradition nichts Neues neben sich dulden würden. Also machten sich die Geschäftsleute auf und konsultierten die Geschichte. Und sie fanden tatsächlich heraus, dass an besagter Stelle bis Anfang des 19. Jahrhunderts ein Anleger existierte. Beweis: Ein Gemälde mit einer Ansicht der Kasaner Kathedrale von dem Künstler Fjodor Alexejew und „weitere Dokumente“.
War der Künstler unzurechnungsfähig?
Das Denkmalschutzamt zeigte sich zunächst beeindruckt von dieser wissenschaftlich einwandfreien Beweisführung. Bis der Architekturprofessor Andrej Punin auf den Plan trat und behauptete, Alexejew hätte den Anleger, wenn er denn überhaupt existierte, nicht richtig dargestellt.
Alexej Kowaljow, Abgeordneter des Stadtparlaments, fügte auf einer Pressekonferenz am Montag hinzu, die Biographie des Künstlers zeige eindeutig, dass Alexejew „ein schwerkranker Mann war und man ihm nicht trauen kann“. Am Ende hat der arme Maler gar Halluzinationen gehabt und einen Anleger gepinselt, der da gar nicht war.
In die gleiche Kerbe schlug Andrej Petrow, stellvertretender Generaldirektor der Immobilienfirma PAN. Der Bau eines Anlegers könnte sich negativ auf den Zustand der umliegenden Gebäude auswirken. Das Unternehmen hat zehn Millionen Dollar in die Restaurierung des benachbarten Singer-Haus investiert und ist strikt gegen eine Baustelle, solange die eigenen Arbeiten nicht beendet sind.
Geht es um das Wohl der Stadt oder nur den eigenen Gewinn?
Konstantin Bokutschawa von West-Travel sieht indes hinter den Argumenten von PAN ganz profanes Eigeninteresse. Er behauptet, die Immobilienfirma habe ganz andere Dinge vor, nämlich die Kasaner Brücke zu verbreitern und dort einen Parkplatz einzurichten. (Was würden die Denkmalschützer dazu wohl sagen?..)
Aus dem Denkmalschutzamt verlautete inzwischen, die Baugenehmigung für den Anleger werde erst einmal nicht erteilt. Nur wenn dessen einstige Existenz eindeutig nachgewiesen werde, wäre das Thema der weiteren Diskussion wert. „Einfach so die Uferstraße kaputtzumachen, lassen wir nicht zu“, sagte Amtschefin Vera Dementjewa am Montag gegenüber der Tageszeitung „Kommersant“. Also müssen die Kontrahenten wohl noch etwas tiefer in den Archiven graben. (sb/.rufo)
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