Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Erstmals seit über 70 Jahren wurden wieder internationale Star-Architekten zu einem Wettbewerb nach Russland eingeladen. Die Aufgabe ist delikat: Für das weltberühmte Mariinski-Theater soll mitten in der Neubau-freien Petersburger Altstadt eine hochmoderne zweite Bühne errichtet werden.
St. Petersburg ist zu Recht stolz auf seine 30 Quadratkilometer große Innenstadt: Was hier Baumeister aus ganz Europa im Auftrag der Zaren innerhalb von zwei Jahrhunderten errichtet hatten, blieb nach 1918 fast unverändert stehen. Mit der Hauptstadtverlegung nach Moskau kam die Zarenmetropole unter eine architektonische Käseglocke. Die einzige Kunstform, die das Zentrum der rusisschen „Kulturhauptstadt“ deshalb nicht bieten kann, ist moderne Architektur.
Doch nun soll Petersburg aus dem Dornröschen-Schlaf erwachen – mit einem Paukenschlag aus dem Mariinski-Theater. Das unter Direktor Valeri Gergijew zu neuem Weltruhm aufgestiegene Haus für Oper und Ballett braucht dringend mehr Raum zur Verwirklichung von dessen Ambitionen. Das altehrwürdige Gebäude am Theaterplatz deckt die Bedürfnisse der Mariinski-Truppe nur zu 40 Prozent. Zur Erweiterung soll ein Neubau her – auf einer engen Parzelle gleich hinter dem Theater. Die totale Verschmelzung verhindert jedoch der Krjukow-Kanal, der hinter dem Bühnenhaus vorbeiplätschert.
Bis 2009 will der russische Staat für ca. 100 Millionen Dollar das „Mariinski II“ errichten. Der Kulturpalast mit einem 2000-Sitze-Saal soll Russlands Auferstehung aus den Sowjet-Ruinen bezeugen – und auch dessen erneute Öffnung zur westlichen Welt: Erstmals seit 1931 wurden zu einem Architekturwettbewerb neben russischen Büros wieder internationale Planer-Stars geladen.
Die Entwürfe der elf Bewerber wurden jetzt in der Petersburger Kunstakademie der Öffentlichkeit präsentiert. Der erste Andrang war gewaltig, denn für Petersburg ist dies ein historisches Ereignis: Die ausländischen Baumeister sind zurückgekehrt – und stellen die Jury Ende Juni vor eine schwere Entscheidung. Denn anders als etwa Montferrand, Quarenghi oder Stakenschneider, deren Bauwerke heute organische Bestandteile des gewachsenen historischen Stadtbilds darstellen, sind deren Nachfolger weniger um Anpassung an die Bausubstanz bemüht als um Kontrast: Auf Individualität zu verzichten, nur weil Petersburg baulich das 20. Jahrhundert verschlafen hat, dazu war keiner der Promi-Planer bereit.
Mariinski II nach Hollein
Der Schweizer Mario Botta präsentiert einen gewaltigen „Coachtisch“, oben zwei Etagen rechteckig, unten oval und Botta-typisch geriffelt. Der Österreicher Hans Hollein spielt mit Raumstation-Design. Der Franzose Dominique Perrault versteckt seinen Bau komplett unter einer zerknitterten Goldfolie. Arata Isozaki aus Japan zitiert Bauhaus und Malewitsch. Der Niederländer Erick van Egeraat läßt das Mariinski als einen verwitterten Felsblock erscheinen.
Eric Owen Moss verfeinerte seine in Petersburg schon berühmt-berüchtigte Foyer-Fassade. Diesem letztes Jahr auf Gergijews Initiative erarbeiteten Entwurf des Amerikaners ist überhaupt der Wettbewerb zu verdanken: Die Wellen der Empörung über Moss und seine Kultur-frevelnden „Müllsäcke“ schlugen damals so hoch, dass sich Gegner wie Befürworter auf eine breitere Ausschreibung einigten: Petersburg will sicher gehen, dass zeitgenössische Bauten so grell aussehen.
Die russischen Kollegen, international bislang ohne Renomee, dürften dagegen das richtige Gespür haben, was dem lokalen Geschmack entspricht. Doch auch diese fünf Beiträge brechen mit der in Petersburg zuletzt üblichen super-dezenten Gestaltung von Neubauten. Nun lautet die Devise „Klotzen statt Kleckern“. : Am extremsten kommt dies im neo-stalinistischen Entwurf des Petersburger Duos Semzow/Kondiajn zum Ausdruck, die der Optik wegen auch gleich das Nachbar-Quartal abreißen wollen.
Nur ein einziger Bewerber, der Moskauer Sergej Kisseljow, zitiert mit einem goldenen Nadelturm die klassische Petersburger Bausymbolik. Dank einer gläsernen Verlängerung des alten Bühnenhauses ist sein Entwurf zugleich der einzige, der das alte und das neue Mariinski zu einem optischen Ganzen vereint. Die zehn anderen Projekte sind eigensinnige Solitäre – weltläufig, aber ohne den rechten Bodenkontakt. Sie sehen über dem Krjukow-Kanal nur überdachte Laufstege vor, über die zumindest der rastlose Maestro Gergijew von Haus zu Haus wird hasten können. (ld/.rufo)
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)