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Sturm auf den Winterpalast 27.5.2003 (foto: ld.RUFO)
Sturm auf den Winterpalast 27.5.2003 (foto: ld.RUFO)
Dienstag, 27.05.2003

Der dritte Sturm des Winterpalastes

Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Zwei Tage bevor auf Putins Einladung 40 Staatsoberhäupter samt ihrer Gefolge die Stadt zum Geburtstagsgipfel in Beschlag nehmen, feierte St. Petersburg am Dienstag seinen 300. Stadtgeburtstag ganz für sich: Die Polit-Prominenz machte sich rar, Gouverneur Jakowlew durfte sich – neben Stadtgründer Peter I. - als Held des Tages profilieren.

Auch der Herrgott meint es heute gut mit dem Geburtstagskind St. Petersburg: Kurz nach Mitternacht gab es ein reinigendes Donnerwetter, das die aufgestaute Schwüle aus der Stadt trieb. Den Tag über herrscht bisher Kaiserwetter mit strahlendem Sonnenschein und einem steifen Nordwind, der all die Fahnen und Flaggen steif im Wind stehen lässt. Wird es nicht ruhiger, werden die Segelschiffe und Boote heute abend bei der „Wasser-Show“ auf der Newa zwischen Winterpalast und Festung einige Mühe haben, nicht aus der Choreographie zu tanzen.

Der Tag begann mit einem Ritual, das die Stadtführung an jedem 27. Mai absolviert. Am „Ehernen Reiter“, dem größten und berühmtesten Denkmal für den Stadtgründer wurden Blumen niedergelegt. Bis Freitag nachmittag sind sie sicher etwas welk und schon wieder weggeräumt, denn dann treffen sich hier Putin und die Staats-Chefs der EU-Staaten zum Auftakt-Shakehand des Geburtstagsgipfels-West. Mit seinen Amtskollegen aus den GUS-Staaten sitzt Putin schon vorher an Bord des Kreuzfahrtschiffes „Silver Whisper“ beisammen, das inzwischen am Englischen Ufer festgemacht hat.

Aber zurück zum eigentlichen Stadtgeburtstag: Um 11.30 Uhr versammelten sich die städtischen Honoratioren auf der Kaiserbastion der Peter-und-Pauls-Festung. Dieser – im Gegensatz zu den anderen Feststandorten noch nicht sanierte – Bau soll in Zukunft der Nachwelt beweisen, dass die Petersburger am 27. Mai 2003 sich der Stadtgründung erinnerten: Auf einem dort gesetzten Gedenkstein steht: „An diesem Ort wurde am 27. Mai 1703 die erste Bastion der Peter-Pauls-Festung begründet, die zu Ehren des Zaren Peter I. benannt wurde und von wo der Bau der Stadt sienen Ausgang nahm“. Keine Stadt in Europa könne so exakt Ort und Zeit ihrer Gestehung bestimmen, erklärte der Schriftsteller Daniil Granin stolz.

Der bescheidene Granitkubus auf der Festungsmauer ist alles, was von den einst grandiosen Plänen zur Errichtung eines 300-Jahr-Denkmals übrig geblieben ist: Der zu diesem Zweck ausgerufene Künstlerwettbewerb für ein Monument am nahen Mytninskaja-Ufer hatte durchweg so erschreckende Entwürfe hervor gebraucht, dass die Jury nach der Begutachtung der Bewerbungen nur ein paar Trostpreise verteilt. Die geplante zweite Wettbewerbsrunde wurde abgesagt und das Projekt schamhaft beerdigt.

Stadtoberhaupt Wladimir Jakowlew eilte dann schon wieder weiter auf den Schlossplatz zur nächsten Petersburger Traditionsveranstaltung: Am Stadtgeburtstag paradieren hier die diversen Kadettenanstalten der Stadt vor dem Gouverneur – keine schwere Technik also, sondern uniformierte Jungs im Schüleralter, die sich angestrengt bemühen, einen möglichst zackigen Gleichschritt hinzubekommen.

Diesmal wurde der Aufmarsch mit der Dankesprozession der orthodoxen Kirche kombiniert: In einem farbenprächtigen Umzug waren Priester und Gläubige samt Ikonen und den Reliquien des Apostels Andreas, die dafür eigens vom Berg Athos eingeflogen worden waren, von der Isaakskathedrale zum Schlossplatz gezogen. Der Gouverneur auf dem Schlossplatz eingerahmt von Popen und Militärs, von Ikonen und Standarten: In diesem Moment kam beim Stadtjubiläum die Athmosphäre eines Festaktes aus der guten alten Zarenzeit auf – so könnte auch der Stadtgeburtstag 1903 ausgesehen haben.

Gleicher Ort, eine halbe Stunde später: Inzwischen befinden wir uns Herbst des Jahres 1917, der Zar hat schon abgedankt und die Bolschewiken stürmen den Winterpalast, auch noch die bürgerliche Kerenski-Regierung zu stürzen. Monumental-Regisseur Sergej Eisenstein hätte seine liebe Freude an diesem Moment gehabt, denn wie in seinem propagandistischen Filmwerk „Oktober“ von 1927 drängten die Volksmassen vom Schlossplatz frontal durch das Haupttor des Palastes – und nicht etwa über die Seitentreppe, über die das Häuflein Bolschewiken den Palast tatsächlich in Besitz nahm.

Der demnach dritte Sturm des Winterpalastes geschah mit ausdrücklicher Billigung von Ermitage-Direktor Michail Piotrowski: Seit Jahren hatte das größte Museum Russlands auf diesen Moment hingearbeitet. Denn erstmals seit 1917 müssen jetzt Besucher des Winterpalastes nicht mehr den Hintereingang vom zugigen Newa-Ufer nehmen, sondern schreiten direkt vom Schloßplatz durch einen der drei Torbögen in den großen Paradehof und betreten von dort das Museum.

Wer mag, kann hier unter alten Bäumen an einem Springbrunnen noch eine Verschnaufpause einlegen – und sich dabei vorstellen, wie zu Zarenszeiten hier die Equipagen übers Kopfsteinpflaster holperten. Petersburg hat eine grüne, stille und stilvolle Oase mehr – und wie die Ermitage verspricht, einen exquisiten Platz für Open-Air-Konzerte mit bis zu 5000 Zuhörern.

Die Fotografen entdeckten derweil in der Gegenrichtung eine bisher nicht gesehene Perspektive auf den Schlossplatz: Mächtige zweiköpfige goldene Adler krönen die hohen schmiedeeisernen Tore von anno 1855 und scheinen zum Petersburger Schutzengel auf der Spitze der Alexandersäule hinaufflattern zu wollen.
(ld/.rufo)

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