 |
|
| Der eherne Reiter (foto:ld/rUFO) | |
Montag, 17.03.2003
Aktualisiert 01.01.2059 03:00
Erst das Geld, dann die Hymne
St. Petersburg. Ob Delegationen empfangen und verabschiedet werden, der „Rote Pfeil“ den Bahnhof Richtung Hauptstadt verlässt oder am Morgen in Peterhof die Springbrunnen aufgedreht werden – bei jeder Gelegenheit erklingt die „Hymne an die große Stadt“, die der Komponist Reinhold Glière in den 40er Jahren für das Ballett „Der Eherne Reiter“ geschrieben hatte. Allerdings illegal, wie Experten für das Urheberrecht nun feststellten.
|
|
Glières feierliche Melodie gilt bereits seit Beginn der 1990er Jahre als offizielle Petersburger Stadthymne, auch wenn das entsprechende Gesetz im Stadtparlament immer noch nicht angenommen wurde. Die Stadt müsste laut Urheberschutzgesetz den rechtmäßigen Erben des Komponisten für jedes Abspielen Geld bezahlen. Was sie nicht tut. Denn bis jetzt ist niemand auf die Idee gekommen, dass die Hymne irgendjemandem „gehört“ und ein Objekt für Honorarzahlungen sein könnte. Seit Leningrader Zeiten flattert sie sozusagen in der Luft herum und gehört zum Stadtbild wie die Tauben auf den Dächern. Und die verlangen ja auch kein Honorar.
Es hätte wahrscheinlich auch weiterhin niemand Anstoß an den kostenlosen Klängen genommen, wenn nicht die Nordwest-Filiale des Russischen Autorenvereins auf der letzten Sitzung des Stabes zur Vorbereitung des 300. Gründungsjubiläums diese Frage auf den Tisch gelegt hätte. Gerade bei der anstehenden großen Feier wird Glières Hymnus Hochkonjunktur haben. Und da täte es der Stadt gut, auf Nummer sicher zu gehen und ihr Recht auf die beliebte Musik mit dem Gesetz über die Urheberschaft in Einklang zu bringen.
Dies besagt, dass musikalische Werke im Laufe von 50 Jahren nach dem Tod des Autors gesetzlich geschützt sind. Glières Hymne unterliegt dieser Bestimmung noch bis 2010. Nach Angaben der Zeitung „Kommersant“ sind die Erben des Komponisten durchaus bereit, die Angelegenheit im gegenseitigen Einvernehmen zu regeln. Sie würden der Stadt die Hymne sogar unentgeltlich zur Verfügung stellen. Dafür müsste die Stadt nur offiziell und höflich darum bitten. Das ist bisher nicht geschehen, soll aber nun, da das Problem auf dem Tisch ist, schnell nachgeholt werden.
Die beiden Enkelinnen des Komponisten träumen allerdings von einem eigentümlichen Tauschgeschäft – die Stadt bekommt die Hymne umsonst, und das Mariinski-Theater nimmt endlich wieder das Ballett „Der Eherne Reiter“ in sein Repertoire auf. Ob es der Stadt gelingen könnte, auf die Inszenierungs-Politik der weltberühmten Bühne Einfluss zu nehmen, ist allerdings mehr als zweifelhaft.
(sb/rUFO)
|
|
|
|
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare
Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>