Von Susanne Brammerloh (St. Petersburg). Wenn es ein Zufall war, dann ein äußerst unglücklicher. Die Rückgabe der St. Annenkirche an die Petersburger Lutheraner stand kurz bevor, der bisherige Pächter sollte das Gebäude in der Kirotschnaja uliza per Gerichtsbeschluss räumen – doch dann brach am frühen Morgen des 6. Dezember ein Feuer aus, das die Innenräume des als Kino und Nachtclub genutzten Gotteshauses fast völlig vernichtete. Dieser Stand der Dinge konfrontiert die Ev-luth. Kirche in Russland und anderen Staates (ELKRAS) mit einem Riesenproblem.
Die Anwohner rund um den Brandort haben jedenfalls erst einmal ihre Ruhe. Sie waren genervt von dem Lärm, der in letzter Zeit allnächtlich aus den alten Kirchenmauern drang und wenn Neureiche oder von Alkohol und Discomusik erhitzte Jugendliche ihren Emotionen freien Lauf ließen. „Hätten sie das Haus doch lieber dem deutschen Pastor überlassen, als ein Bordell mitten im Wohnviertel zu haben“, so lautete zum Schluss die einhellige Meinung rund um die Kirotschnaja Nr. 8.
Die Leidenschaften um das Kinotheater „Spartak“ und seine diversen Untermieter schlugen schon lange hoch. Die Kinokirche ist ein Musterbeispiel für die Höhen und Tiefen der postsowjetischen Übergangszeit. Beteiligte: der Staat, die Stadt, das Kintopp, die Vergnügungsindustrie und die Religion.
Aber zunächst ein wenig Geschichte: Die lutherische Annenkirche, erbaut 1779 von dem deutschstämmigen Architekten und Angehörigen der dort ansässigen deutschen Gemeinde Juri Velten, wurde 1935 im Zuge der Stalin´schen Antireligionspolitik geschlossen. 1939 eröffnete dort das Kinotheater „Spartak“, das in den 70er und 80er Jahren ein Kultort für die Fans gehobener Kinokultur war. Nur hier konnte die Leningrader Intelligenz die allerbesten ausländischen Filme sehen, die woanders nicht durch die Zensur kamen. Mit der großen Wende zur Demokratie und dem Einzug der Massenkultur verlor das „Spartak“ nach und nach seine Existenzberechtigung. Und natürlich fanden sich bald andere Interessenten an dem 1200 Quadratmeter großen Saal.
Unterdessen hatte aber auch die wieder entstandene deutsche lutherische Gemeinde Rechte auf ihr ehemaliges Haus angemeldet. Zwischen 1992 und 1997 fanden allsonntägliche Gottesdienste im Kinosaal statt. Schon damals hatte sich die ELKRAS um die Rückgabe der Annenkirche bemüht, war aber mit dem Argument abgewiesen worden, „Spartak“ könne erst dann das Gebäude räumen, wenn eine adäquate Ersatzunterkunft gefunden sei. Im September 1997 zogen die Lutheraner in ihre wiedergeweihte Hauptkirche St. Petri auf den Newski um. Die Bemühungen um die Annenkirche wurden auf Sparflamme zurückgedreht, jedoch nie ganz zu den Akten gelegt.
1996 schloss „Spartak“ einen auf 15 Jahre ausgelegten Unterpachtvertrag mit einer Firma namens „Erato“. Und nun brachen in den ehemals heiligen Hallen die wilden Zeiten an – Discos, Spielautomaten, Konzerte, Modenschauen. Nach dem Motto: tagsüber seriöses Kino und nachts das große Vergnügen. „Erato“ investierte 2001 nicht mehr und nicht weniger als 600.000 US-Dollar in die Renovierung des Saales. Der Haken bei der Sache: Die Renovierung geschah ohne Absegnung durch das Petersburger Denkmalschutzamt, eine technische Revision brachte eklatante Verstöße gegen die Brandschutzregeln (!) zu Tage. Die ELKRAS insistierte indessen erneut auf die Rückgabe der Kirche, als offensichtlich wurde, dass sich im ehemaligen Kirchensaal ein Nachtclub eingenistet hatte.
Einer von der Stadt initiierten Räumungsklage gegen den Pächter „Erato“ wurde schließlich am 18. November stattgegeben. Die ELKRAS rechnete für das Frühjahr 2003 mit der endgültigen Übergabe der Kirche. Und dann brach das Feuer aus. Von außen ist der Annenkirche so gut wie nichts anzusehen, aber innen ist der Schaden so groß, dass man im Smolny sogar von Abriss sprach.
So weit wird es wohl nicht kommen. Die ELKRAS ließ offiziell verlauten, sie sei weiterhin an der Rücknahme der Kirche interessiert, es müsste nun jedoch auf einer völlig anderen Ebene mit der Stadt weiterverhandelt werden. In der Annenkirche sollte ein interkonfessionelles Kirchenzentrum entstehen, an dessen Aufbau und Unterhaltung sich auch die ingermanländische lutherische Kirche von St. Petersburg beteiligen wollte. Doch woher soll nun das Geld für die Wiederherstellung der Kirche kommen? Spendenaktionen allein können hier nicht helfen.
(sb/rUFO)
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)