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Quo vadis, Petersburg? Foto: Deeg
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Montag, 08.09.2003

Historiker diskutieren Vergangenheit und Zukunft

St. Petersburg. „History takes place – Geschichte findet statt.“ So lautete das Motto der Ersten Sommerakademie, die die Hamburger Zeit-Stiftung unter dem Titel „Europäische Gedächtnisorte“ in der European University von St. Petersburg durchführte. Zehn Tage lang diskutierten junge Historiker (Studenten und Doktoranden) aus Deutschland, der Schweiz und Russland unter wissenschaftlicher Anleitung von Prof. Karl Schlögel die „Geschichtsstätte“ St. Petersburg. Wenn dabei die Behandlung der Vergangenheit reibungslos vonstatten ging, so wollte eine Prognose für die Zukunft der Stadt nicht so recht gelingen.

Es war keine rein akademische Veranstaltung. Neben Vorträgen zu verschiedenen Themen (wie etwa „Das St. Petersburg der Fabriken und Betriebe“ oder „Das jüdische Petersburg in der russischen Revolution“ oder „Leningrads Verhältnis zur alten Hauptstadt des Kaiserreiches“) gab es thematische Ausflüge und Filmvorführungen. Zuweilen wurden die Referate an den Orten gehalten, um die es dem Vortragenden ging (z.B. vor dem Taurischen Palais oder im Garten neben dem berühmten „Turm“ von Wjatscheslaw Iwanow). Abgerundet wurde das Programm durch Beiträge namhafter Petersburger Historiker.

Die Teilnehmer ließen sich durch die erste Linie der Petersburger Metro führen, im Lauftempo durcheilten sie den Prospekt Statschek mit seiner konstruktivistischen und Stalin-Architektur, in Zarskoje Selo folgten sie den Spuren der Zarenfamilie und in Kronstadt dem Gang der Ereignisse im Bürgerkrieg. Petersburg-Petrograd-Leningrad und wieder Petersburg kompakt, in höchster Dichte und Konzentration. Durch drei Jahrhunderte in zehn Tagen, das fühlte sich fast an wie „In achtzig Tagen um die Welt“. Dementsprechend erschöpft waren alle, als am Sonntag das Programm mit einem Rundtisch-Gespräch über die Rolle Petersburgs in der Zukunft zu Ende ging.

Wie sich dort herausstellte, ist die Suche nach der Vergangenheit eine leichte Übung in dieser Stadt. Geht es aber um die Bestimmung der Zukunft, tun sich Abgründe auf. Die geladenen Gäste – hochkarätige Stadthistoriker und Persönlichkeiten der Öffentlichkeit – konnten sich nicht lostrennen vom „Erbe Peters des Großen“ und der so verlockenden Aussicht auf die Übertragung von Hauptstadtfunktionen auf St. Petersburg.

Die jungen Historiker aus dem Ausland guckten und staunten und waren schließlich arg enttäuscht über diesen abgehobenen Diskurs aus dem Elfenbeinturm der älteren Generation. Symptomatisch war dieses Gespräch, denn es zeigt, dass in Petersburg ein Generationenwechsel vonnöten ist. Frischer Wind ist gefragt, und frische Kräfte müssen den Diskurs weiterführen.

Denn Theorie ist wichtig und gut, aber die Praxis erfordert Handeln. Oder wie ein Teilnehmer sagte: „Die Renaissance von Petersburg beginnt in dem Moment, wenn ich den Klempner rufe, er tatsächlich kommt und seine Arbeit vernünftig macht.“ Wenn keine Rohrbrüche mehr die Wohnungen und Keller überschwemmen, wenn die Treppenhäuser sauber und hell sind, wenn keine Häuser mehr vor Altersschwäche in sich zusammenstürzen. Ob Petersburg dabei erste oder zweite Hauptstadt ist, ist zweit- bis drittrangig. Ein normales Leben in einer normal funktionierenden Stadt ist das, was heute dringend nötig ist. Weg vom Pathos, hin zur Praxis.

Es gibt sie auch schon, die Leute mit neuen und frischen Ideen. Nur zum Zuge müssen sie noch kommen. Die Teilnehmer der Sommerschule wurden sozusagen Zeugen eines sich andeutenden Umbruchs in der Rezeption und Präsentation von St. Petersburg von innen heraus. Wir dürfen gespannt sein auf die kommenden Entwicklungen in dieser Richtung.
(sb/.rufo)

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