Von Lothar Deeg (St. Petersburg) Vor 22 Jahren wurde mit dem Bau des Hochwasserschutzdamms vor St. Petersburg begonnen. Nun soll er „beschleunigt“ fertiggestellt werden – was aber auch bis zum Jahr 2009 auf sich warten lassen wird. Diese Frist sieht jedenfalls ein Programm vor, dass der russischen Regierung im März vorgelegt wird. Die EBRD als potentieller Geldgeber lässt schon jetzt von holländischen Fachleuten die Umweltverträglichkeit des auf mindestens 700 Millionen Euro veranschlagten Großprojektes prüfen.
Neben der Baikal-Amur-Magistrale (BAM) in Ostsibirien war der „Anlagenkomplex zum Schutz Leningrads vor Hochwasser“ eine der Großbaustellen der ausgehenden Sowjetunion. Doch das 1979 begonnene – und auf zwölf Jahre Bauzeit veranschlagte - Jahrhundertbauwerk durch den Finnischen Meerbusen blieb unvollendet: Erst führten ökologische Bedenken Ende der 80er Jahre zum Baustopp, dann ging dem Staat das Geld aus. Seitdem gart „der Damm“, wie das Projekt allgemein genannt wird, auf kleiner Flamme: Die bereitgestellten Mittel reichten im letzen Jahrzehnt nur aus, um den zu etwa zwei Drittel vollendeten Wall mehr schlecht als recht vor dem Zerfall zu bewahren.
Darüber, dass der 25 Kilometer lange Damm fertig gebaut werden muss, sind sich inzwischen in- wie ausländische Fachleute aller Disziplinen einig: Schon 1992 hatte eine internationale Expertenkommission unter holländischer Führung die sowjetischen Planer rehabilitiert. Ihr Fazit: Der unvollendete Damm schädigt die Umwelt weit mehr als der fertige. Die vorgesehenen sechs Wasserdurchlässe und zwei Schiffspassagen werden für einen ausreichenden Wasseraustausch im Finnischen Meerbusen sorgen. Auch droht der im flachen Newa-Delta liegenden Fünf-Millionen-Stadt St. Petersburg samt ihren Palästen, einzigartigen Kunstschätzen und Industriebetrieben durch Flutwellen von der Ostsee reale Gefahr – bis hin zu Katastrophen gigantischen Ausmaßes: Bei einer Flut von 3,45 Meter Höhe, wie sie bislang einmal in 100 Jahren vorkam, stünden 20 Prozent des Stadtgebietes und die Häuser von 1,5 Millionen Einwohnern unter Wasser.
Zudem rollen die von Sturmtiefs aufgetürmten Fluten immer öfter an: In der 299-jährigen Geschichte Petersburgs wurden 292 ernst zu nehmende Hochwasser gezählt. Seit 1980 schwappte die Ostsee aber schon 44-mal über den kritischen Pegelstand von 1,60 Meter. Wäre der Damm einsatzfähig, würden bei solcher Wetterlage innerhalb von 30 Minuten die Fluttore geschlossen - und St. Petersburg bleibt trocken.
Immer wieder auftauchende Fertigstellungstermine für den Damm - 2001, dann das Stadt-Jubiläumsjahr 2003, schliesslich 2005 – erwiesen sich angesichts der realen Finanzierung als unhaltbar. Nun wird als neuer Endtermin das Jahr 2009 angepeilt, erklärte Viktor Loktionow, seit Herbst amtierender Chef der Damm-Baufirma „Lengidroenergospezstroj“ (LenGESS). Mit der staatlichen Finanzierung allein wird dies aber nicht zu schaffen sein: Im Budget für 2002 sind für den Dammbau nur 180 Millionen Rubel (etwa 7 Mio. Euro) vorgesehen. Das ist nur 1 Prozent der benötigten Gesamtsumme - und weniger als die Schulden, die LenGESS gegenwärtig drücken. Aber besser als nichts, so Loktionow, denn mit diesem Geld kann 2002 zumindest der Bau der beiden unvollendeten Schifffahrtstore fortgesetzt werden.
Dass Petersburgs oberster Deichbauer dennoch zuversichtlich ist, das titanische Bauwerk innerhalb von sieben Jahren zu vollenden, hat zwei Gründe: Einerseits sei inzwischen der Kreml und zahlreiche führende Posten in der Regierung von „Patrioten unserer Stadt“ eingenommen; Präsident Putin nahm den Dammbau prompt unter seine „persönliche Kontrolle“. Zum anderen gibt es mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) einen potentiellen Geldgeber, der erwägt, dem Projekt mit einem Kredit in der Größenordnung von 250 Millionen Euro auf die Sprünge zu helfen. Damit dieser Kredit erteilt werden kann, wird das einstige „landesweite Komsomol-Projekt“ jetzt nach allen Regeln der westlichen Auditoren-Kunst auf seine technische, wirtschaftliche, ökologische und finanzielle Wasserdichtigkeit durchleuchtet.
Parallel machte sich der Staat als Auftraggeber auf der Damm-Baustelle ans Aufräumen: Im letzten Jahr entzog die staatliche Baubehörde Gosstroj der städtischen Organisation „Morsaschtschita“ die Bauherren-Rolle. Die Beamten nahmen auch die bislang als Monopol-Baufirma wirtschaftende LenGESS an die Leine und unter die Lupe: Deren Generaldirektor Juri Sewenard, ein bekennender Kommunist, der seit 20 Jahren dem Dammbau vorstand, musste seinen Hut nehmen. Doch noch ist das Gerangel um die einträgliche Großbaustelle nicht beendet: Stadt und Staat, LenGESS und die private Bauindustrie, Baubehörde und Verkehrsministerium konkurrieren um die Pfründe. Neben seiner Funktion als Hochwasserschutz soll der Damm schließlich auch ein Teilstück der (voraussichtlich Maut-pflichtigen) Ringautobahn um Petersburg tragen und neue Hafenanlagen im Vorfeld der Stadt erschließen.
Die Ingenieure der holländischen Beratungsfirma Nedeco ficht das weniger an: Sie prüfen jetzt im Auftrag der EBRD zunächst die ökologische Seite der „beschleunigten Fertigstellung“ der Flutbarriere und klären, ob die ausstehenden Arbeiten den europäischen wie russischen Umweltnormen entsprechen. Gestern gab es dazu im „Haus der Wissenschaftler“ eine erste öffentliche Anhörung. Die Frage, ob der Damm als solcher ökologisch sinnvoll ist oder nicht, blieb dabei - unter Verweis auf die geschaffenen Tatsachen und die vorhandenen Gutachten - von vornherein ausgeklammert: Projektleiter Herman Gerritsen betonte, dass die Verschmutzung in der stark belasteten Newa-Bucht weit mehr von Faktoren wie Umfang und Reinigungsgrad der Petersburger Abwässer oder dem Erhalt von Feuchtgebieten in der Uferzone abhänge als von der Existenz des Damms.
Entsprechend zurückhaltend war das Interesse bei der „Öffentlichkeit“: Der einst zu Glasnost-Zeiten zur ökologischen Schicksalsfrage der Stadt hochgespielte Dammbau motivierte nur noch eine Hand voll Redner zu teils konfusen, teils sachfremden Beiträgen: St. Petersburg sieht seiner endgültigen Verdammung ganz offensichtlich mit Bereitwilligkeit und Ungeduld entgegen.
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Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)