Trotz Timoschenko: Polen und Ukraine erwarten gute EM
Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
Startseite


Die lutheranische Petrikirche am Newski Prospekt hat eine bewegte Vergangenheit (Foto: ld/rufo)
Die lutheranische Petrikirche am Newski Prospekt hat eine bewegte Vergangenheit (Foto: ld/rufo)
Dienstag, 24.07.2007

In der Schwimmbadkirche sprudelt das Kirchenleben

St. Petersburg. Das Heim der Petersburger deutschsprachigen Lutheraner ist ein Architektur-Unikum: In der Petrikirche am Newski Prospekt war zu Sowjetzeiten ein Schwimmbad eingebaut. Spuren davon gibt es noch.

Wer den berühmten Newski-Prospekt in St. Petersburg entlang schlendert, sieht sie nicht sofort; die Petrikirche. Sie steht etwas zurückgesetzt im Schatten der hohen Häuser – gleichsam, als wolle sie sich verbergen.

Wäre dies gelungen, so wäre der Kirche sicher einiges erspart geblieben. Doch zu Sowjetzeiten gab es kein Versteck vor den Bolschewiki und so teilte das Gebäude das Schicksal vieler anderer Gotteshäuser und wurde für irdische Zwecke missbraucht. In die Petrikirche bauten die Sowjets eine Schwimmhalle ein, weshalb sie seit ihrer Rückgabe an die lutherisch-evangelische Kirche den Spitznamen „Schwimmbadkirche“ trägt.

Ihre Anfänge reichen bis in das Jahr 1727 zurück. Genau vor 280 Jahren nämlich übergab Zar Peter I. der deutschen lutherischen Gemeinde in St. Petersburg ein Grundstück zum Bau ihrer Kirche. Schon drei Jahre später stand der Holzbau, der nach den Plänen des italienisch-schweizerischen Architekten Domenico Trezzini errichtet wurde.

Vor der Revolution 15.000 Gemeindemitglieder



Der jetzige Bau ist allerdings aus Stein und stammt aus dem 19. Jahrhundert. Alexander Brüllow entwarf das Gebäude im Stil einer romanischen Basilika. Die beiden Ecktürme verleihen der Kirche eine gewisse Leichtigkeit und Schlankheit. Sein Bruder, der berühmte russische Maler Karl Brüllow, schuf das Altarbild dazu. Die Petrikirche war auch sonst gut ausgestattet, denn der Gemeinde ging es gut. Vor der Revolution zählte sie über 15.000 Mitglieder.

Doch nach dem Sieg der Bolschewiki setzten die Verfolgungen ein. 1937 wurde das Gotteshaus geschlossen und zunächst als Lagerraum genutzt. Zu Sowjetzeiten war solch ein Gebrauch kein Einzelfall. Kirchen wurden als Garage, als Werkstatt oder Straßenbahndepot missbraucht.

Die berühmte Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale wurde sogar gesprengt, um anschließend an dieser Stelle ein Freibad zu bauen. Eine Sprengung blieb der Petrikirche erspart, doch der Bau musste schließlich – schon zu Chruschtschows Zeiten – ebenfalls als Bassin herhalten.

Wer genau hinschaut, entdeckt noch Schwimmbad-Überreste



Das ist selbst für russische Verhältnisse ein Unikum. Heute verleihe es der wieder als Gotteshaus genutzten Kirche ihren eigenen Charme, ist Pastor Hans Hermann Achenbach überzeugt. „Sie ist viel heller als früher“, erklärt er. Susanne Brammerloh, ein Mitglied der Gemeinde, liegt da „auf einer Wellenlänge“ mit ihrem „Schwimmbad-Pastor“.

Auch für sie hat das Ambiente etwas charmant Eigenes und Unnachahmliches. Auch wenn einige Besucher die noch sichtbaren Überreste des Schwimmbads in Form der Tribünen um das einstige Becken stören; die Gemeinde hat sich längst daran gewöhnt.

Natürlich sind es heute keine 15.000 Mitglieder mehr, auch der große Zulauf unmittelbar nach der Wiedereröffnung hat nachgelassen. „Dafür ist ein neues Bewusstsein entstanden, was die Kirche im Innersten bestimmt“, erklärt Achenbach. 300 zahlende Mitglieder sind registriert, zu jedem Gottesdienst erscheinen zwischen 50 – 100 Personen in der Petrikirche. An Feiertagen sind es deutlich mehr.

Die Gemeinde hat neuen Zulauf



Bei Russland-Aktuell
• Eine Woche lang „Deutsche Tage“ in Petersburg (12.04.2007)
• Putin beruft Baptisten in Religionsrat (02.04.2007)
• „Pures Glück, dass wir nicht verraten wurden“ (01.03.2007)
• Lutheraner: Streit um Frauen, Schwule und Deutsche (19.07.2006)
• Pastoren für Kirgisien und Kaliningrad (19.06.2006)
„Die Kirche lebt und gedeiht“, freut sich der Pastor, denn es kommen nicht nur alte Menschen zum Gottesdienst. Das Publikum ist ganz gemischt. Neben den wenigen alten Petersburger Lutheranern sitzen Russlanddeutsche aus Kasachstan und Sibirien, Teile der deutschen Gemeinde von St. Petersburg, aber auch Russen, die neu zum evangelischen Glauben gefunden haben und sich konfirmieren ließen. Schon lange muss der Gottesdienst daher zweisprachig durchgeführt werden.

Die Kapelle wurde inzwischen von Adam Schmidt, einem Russlanddeutschen aus Jaroslawl neu bemalt. Es sind Bilder über die Repressionen, „zum Teil sehr beeindruckende Werke“, findet Achenbach. Auch das unter dem Fußboden noch erhaltene Bassin wurde zu einer Gedenkstätte ausgebaut.

Ein Ort der Begegnung für Deutsche, Russen und Russlanddeutsche



Doch nicht nur als Mahnmal und Gotteshaus hat die Petrikirche enorme Bedeutung erlangt. Sie ist in Petersburg vor allem ein Ort der deutsch-russischen Kommunikation – sei es in den Räumen der für den ganzen GUS-Raum zuständigen Kanzlei des lutherischen Erzbischofs, im „Deutsch-russischen Begegnungszentrum“, das in einem Anbau untergebracht ist, in der Ausstellung über die Geschichte der Deutschen in St. Petersburg oder auch in Form der „St. Petersburgischen Zeitung“, die hier auch ihren Redaktionssitz hat.

Pastor Achenbach blickt daher optimistisch in die Zukunft seiner Schwimmbadkirche. So schnell wird sie den Bach jedenfalls nicht herunter gehen.


(André Ballin/epd)


Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Dienstag, 24.07.2007
Zurück zur Hauptseite







Die zwei Türme: Die goldene Kuppel der Isaaks-Kathedrale und die Nadel der Admiralität markieren weithin sichtbar das Petersburger Stadtzentrum. (foto: ld/rufo)




Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>



Petersburg intern
Schnelle Stadtnachrichten

24.05.2012Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
24.05.2012Alu-Zar Deripaska verliert Petersburger Großprojekt?
24.05.2012Vergewaltigtes Kind im Müllschlucker: 22,5 Jahre Haft
22.05.2012SPb.: Aus für Europa-Uferstraße und Ejfmans Tanzpalast?
18.05.2012Falschparken wird in St. Petersburg richtig teuer
17.05.2012SPB: Angriff auf Schwulen-Aktion trifft Gastarbeiter
17.05.2012USA zu Auslieferung von Viktor But prinzipiell bereit
15.05.2012Öffentlicher Nahverkehr in Petersburg wird teurer
15.05.2012Petersburg: „Kommunalkas“ noch im 22. Jahrhundert?
14.05.2012Bau von Petersburger Chinatown um drei Jahre verlängert
10.05.2012Erdölmagnat kauft Petersburger Flugterminal Pulkovo-2
09.05.2012Tag des Sieges – große Feiern in ganz Russland
04.05.2012Lenoblast vor Gouverneurs-Wechsel: Serdjukow muss gehen
04.05.2012Erstes Urteil wg. „Schwulenpropaganda“ in Petersburg
03.05.2012G20: Petersburger Konstantinpalast wird herausgeputzt

Mehr Petersburg bei www.petersburg.aktuell.ru >>>


Schnell gefunden
Petersburg Kultur
Petersburg Wirtschaft
Petersburg Architektur
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH








Die Top-Themen
St.Petersburg
Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
Kopf der Woche
Deripaska setzt auf Ex-Stasi-Agent und Putin-Spezi
Kommentar
G-8 u ASEAN: russische-amerikanische Beziehungsprobleme
Moskau
Protest-Lager: Barrikadnaja statt Saubere Teiche
Thema der Woche
Ämtertausch vollendet: Medwedew ist Premierminister
Kaliningrad
AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Freitag, 25. Mai
01:03 

Russland Geschichte: Aus finstersten Tiefen

Donnerstag, 24. Mai
18:22 

ESC: udmurtische Äffin sagt Sieg der Babuschki voraus

17:57 

Russland verliert Raketen-Radarstation in Aserbaidschan

17:22 

Trotz Timoschenko: Polen und Ukraine erwarten gute EM

16:14 

Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns zeigen!“

15:04 

Alu-Zar Deripaska verliert Petersburger Großprojekt?

13:58 

Minister verspricht Abschleppdienst per Helikopter

12:42 

Irak: Vier russische Biker sitzen in Militär-Gefängnis

12:13 

Vergewaltigtes Kind im Müllschlucker: 22,5 Jahre Haft

10:53 

Kremlwache kauft Atomschlag-sichere Kinder-Wiegen

09:23 

Demonstrantenführer Udalzow wieder auf freiem Fuß

01:03 

Geschichte Russland: Die „Aurora“ läuft vom Stapel

Mittwoch, 23. Mai
18:23 

Moskauer sollen eigene Speakers Corners bestimmen

17:53 

Ukraine lehnt Behandlung von Häftlingen im Ausland ab

17:13 

Verletzte bei Bruchlandung von Militärflugzeug

16:24 

Vor der EM: Sportjournalist pöbelt über Nationalspieler

15:11 

Tschetschenische Saurier-Eier sind profane Steine

13:51 

Kapitalflucht aus Russland kann auf 100 Mrd. USD steigen

12:35 

Anti-Alkoholkampagne: Wodka in Jakutien nur nachmittags

12:04 

Rosneft-Boss Setschin – der Mann, der Yukos beerbte

10:20 

Russlands Pop-Omas singen sich ins Finale des ESC

08:53 

Gorbatschow dementiert Gerüchte über seinen Tod

01:03 

Russland Geschichte: Schachkönig Karpow geboren

Dienstag, 22. Mai
18:33 

Späte Wiedergutmachung: Beutekunst zurück in Russland

17:55 

Studienplätze: Bildungsminister hat schlechten Einstand

17:22 

Medwedew jetzt offiziell Mitglied der Kreml-Partei

16:09 

Ukrainische Fußballerfrauen: sexy Posen für den Sieg!

15:17 

SPb.: Aus für Europa-Uferstraße und Ejfmans Tanzpalast?

13:41 

Viermal lebenslänglich im Prozess um Zuganschlag

12:49 

Medwedew führt Regierung der Stellvertreter an

11:15 

Alte Minister erhalten warmes Plätzchen bei Putin

10:11 

Gouverneur von Karelien Nelidow vorzeitig entlassen

09:04 

Weltkriegsveteran tötet Einbrecher im Handgemenge

01:03 

Geschichte Russland: Tretjakow-Galerie gegründet

Montag, 21. Mai
19:16 

Olympia in London: Kein Wodka im Beisein von Sportlern

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell








google.com
yahoo.com