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Die Zuhörer, zumeist Studenten der Petersburger Uni, hörten spannende Geschichten aus 40 Jahren deutsch-russischer Diplomatie. (Foto: Brammerloh/.rufo)
Die Zuhörer, zumeist Studenten der Petersburger Uni, hörten spannende Geschichten aus 40 Jahren deutsch-russischer Diplomatie. (Foto: Brammerloh/.rufo)
Donnerstag, 25.10.2012

Kind der Entspannung: 40 Jahre Konsulat SPb., Teil I

Susanne Brammerloh, St. Petersburg. Mit einer spannenden Podiumsdiskussion wurde am Mittwoch der 40. Gründungstag des Generalskonsulats in Leningrad begangen. Diplomaten und Journalisten ließen bewegte Jahre Revue passieren.

Im Audimax der Fakultät für Internationale Beziehungen der Petersburger Uni hinter der Smolny-Kathedrale ging es gestern Nachmittag um „Petersburg/Leningrad aus der Sicht der Deutschen – eine Retrospektive von 40 Jahren russisch-deutscher Beziehungen“.

“Wandel durch Annäherung“


Das deutsche Generalkonsulat wurde 1972 gegründet und war, wie Benedikt Haller, der heutige Generalkonsul, es formuliert, „ein Kind der Entspannungspolitik“. Zwei Jahre zuvor waren die Ostverträge abgeschlossen worden, und die Welt machte sich langsam auf den Weg heraus aus atomarem Patt und Kaltem Krieg.

Das Motto der Zeit war das von Egon Bahr geprägte Wort „Wandel durch Annäherung“. Das Ziel war die Überwindung der Konfrontation, die 1962 in der Kuba-Krise fast den Dritten Weltkrieg ausgelöst hätte. Der Sowjetunion ging es zwar weniger um Wandel, dafür aber um Stabilität und Koexistenz.

“Leningrad war nicht vorbereitet“


Wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen sollten den „Eisernen Vorhang“ erträglicher machen. Dazu gehörte denn auch die Einrichtung eines Generalkonsulats. Botschafter a. D. Dieter Boden war damals dabei, als die erste deutsche diplomatische Vertretung nach dem Zweiten Weltkrieg im Hotel „Astoria“ ihre Tätigkeit aufnahm.

„Es war eine besondere Zeit“, erzählt er. Seit dem Ende des Krieges waren nur 27 Jahre vergangen und die Bundesrepublik galt nicht gerade als befreundeter Staat. In Leningrad hatten damals nur Finnland und die DDR Konsulate. „Leningrad war nicht vorbereitet, uns normale Arbeitsbedingungen zu geben“, so Boden.

Die Möglichkeiten seien sehr begrenzt gewesen, es gab nicht einmal die Erlaubnis, Visa zu erteilen. „Die Stadt war abgeschnitten, es gab nur eine Flugverbindung nach Helsinki. Die Überwachung war allgegenwärtig.“ Alle Entscheidungen mussten über Moskau abgewickelt werden.

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Die Initiative für einen Schüleraustausch mit der Partnerstadt Hamburg konnte damals nur scheitern. Was heute eine Alltäglichkeit und Selbstverständlichkeit ist, war damals Utopie. „Leningrad war tiefste Provinz und wurde aus Moskau regiert“, sagt dazu Ulrich Brandenburg, der 1984 bis 1986 Generalkonsul in Leningrad war und heute deutscher Botschafter in Moskau ist.

“Diplomaten gingen da natürlich hin!“


Der bekannte Journalist Fritz Pleitgen kam 1970 als Korrespondent der ARD nach Moskau und blieb sieben Jahre. Er erinnert sich an abstruse Arbeitsbedingungen ohne Kamerateam und unter ständiger Zensur. Erst ein fast zufällig zustande gekommenes Interview mit Breschnew (das erste eines westlichen Journalisten überhaupt) wendet das Blatt.

„Menschliche Erleichterungen“ im Zuge des Helsinki-Prozesses lassen das Eis langsam tauen. Pleitgen tut sich auf nonkonformistischen Kunstausstellungen um, begeistert sich für die mutigen Stücke von Regisseur Juri Ljubimow im Moskauer Taganka-Theater, verfolgt das Schicksal des Menschenrechtlers Andrej Sacharow.

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Auch in Leningrad entwickelt sich eine alternative Künstler- und Literaturszene. Boden erlebt an der Newa den Beginn der künstlerischen Freiheit nach Jahrzehnten des dogmatischen „sozialistischen Realismus“. Zimmerausstellungen, halblegale Kunstschauen – „Diplomaten gingen da natürlich hin!“

Gorbatschow macht alles neu


Und in Deutschland wandelt sich langsam das Bild von dem „Riesenreich im Osten“: „Die Entspannungspolitik hat dazu beigetragen, die Sowjetunion nicht mehr nur als Militärmacht anzusehen“, erinnert sich Pleitgen.

Brandenburg memoriert Gorbatschows ersten Besuch in Leningrad als Generalsekretär der KPdSU. Man wollte ihm Potjomkinsche Dörfer vorsetzen, aber er ließ es sich nicht gefallen. Statt einen extra für ihn auf Schick getrimmten Lebensmittelladen zu besuchen, steuerte er ein anderes Geschäft an, wo die damals übliche Tristesse herrschte.

Schon da war klar, dass sich etwas ändern würde im verknöcherten Sowjetsystem. Erst hieß das Zauberwort „Beschleunigung“; es klang noch sehr sowjetisch-sozialistisch. Aber dann begannen Glasnost und Perestroika. Um die „neuen Zeiten“ geht es im zweiten Teil unseres Berichts, der Freitag erscheint.



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Uwe Niemeier 25.10.2012 - 12:16

... ja, das waren noch Zeiten, damals ...

Ich selber bin allerdings erst 1980 nach Leningrad gekommen und dort vier Jahre geblieben. Gerüchteweise hatte(n) ich(wir) gehört, dass es auch ein Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland, unseres Klassenfeindes, gab. Aber als ostelbische Bewohner Deutschlands war für uns nur das Generalkonsulat der DDR interessant – alles andere war tabu.
Ja, die Zeiten waren nicht einfach. Im Jahre 1982/83 durfte ich noch das revolutionäre Lebensmittelprogramm des Genossen Breshnew studieren, konspektieren und mit praktischen Schlussfolgerungen versehen. Meine ehrlichen Bemühungen das Programm zu verstehen brachten mir aber in den leeren Lebensmittelläden keinerlei Vorteile – leider.
Besuch von Museen und Ausstellungen – gar keine Frage, ein MUSS. Allerdings hatte ich nie etwas von diesen alternativen Zimmerausstellungen gehört – woher auch … Ich war fleißig in vielen Leninmuseen (nicht in allen, das ist nicht zu schaffen, auch nicht in vier Jahren). Es gab damals so einen bissigen Spruch: Wenn alle Leninmuseen in Wohnungen umgewandelt würden, gäbe es keine Wohnungsnot mehr in Leningrad. Naja, so waren die Zeiten.
Herrn Brandenburg habe ich erst vor einigen Jahren in Kaliningrad kennengelernt. Ein kleiner Gedankenaustausch im Beisein des damaligen Generalkonsuls in Kaliningrad – dem unvergessenen Dr. Herz. Ich bin 1984 aus Leningrad abgereitst – da kam Herr Brandenburg erst an … Dass Herr Brandenburg mal Botschafter wird … hätte ich das damals schon gewusst …
Na, dann warten wir mal gespannt auf die Fortsetzung am Freitag.


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