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Nicht schön, aber zweckmäßig - und leider geschlossen: Das neue Staatsarchiv bei der Metrostation Ladoshskaja (Foto: rusarchives.ru)
Nicht schön, aber zweckmäßig - und leider geschlossen: Das neue Staatsarchiv bei der Metrostation Ladoshskaja (Foto: rusarchives.ru)
Donnerstag, 18.09.2008

Neues Staatsarchiv öffnet alsbald – einen Türspalt

St. Petersburg. Letztes Jahr wurde der Umzug des Historischen Staatsarchivs in einen fast perfekten Neubau abgeschlossen – doch Zugang zu den Akten gibt es für Historiker immer noch nicht. Es fehlt an Personal…

Für Geschichtsforscher, die für ihre Arbeit auf Akten und Unterlagen aus dem Zarenreich angewiesen sind, ist das „Zentrale Historische Staatsarchiv“ Russlands seit einigen Jahren Grund zum Frust: Man kommt einfach nicht an das Material heran.

Unzugänglich seit bald fünf Jahren


„Das geht jetzt schon etwa fünf Jahre so. Erst arbeitete das Archiv nicht, weil es sich auf den Umzug vorbereitete, dann zog es um und nun spricht die Archivleitung von Mangel an Personal“, klagt Galina Lisizina, Prorektorin der Europäischen Universität in St. Petersburg. Eine Dissertation ohne Dokumente aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu schreiben, sei für einen Historiker aber unmöglich.

Zur Erinnerung: Das Staatsarchiv befand sich früher in den imposanten Gebäuden von Senat und Synod, direkt neben dem „Ehernen Reiter“ an der Newa. Dort hatte die Sowjetregierung nach der Revolution alle Unterlagen der zaristischen Ministerien und Behörden in der ehemaligen Hauptstadt zusammentragen lassen.

An dieser prominenten Ecke residiert inzwischen das Verfassungsgericht (foto: ld/.rufo)
An dieser prominenten Ecke residiert inzwischen das Verfassungsgericht (foto: ld/.rufo)

Daa alte Archiv: Zentral, würdig - aber immer in Gefahr


Die Unterbringung der kostbaren Archivalien war unter fachlichen Gesichtspunkten dort haarsträubend: Die Gefahr, dass Russlands Geschichte hier eines Tages ein Raub der Flammen, des Schimmels oder einstürzender Dächer würde, war eminent.

Dennoch wehrte sich das Archiv lange gegen einen Umzug, da man befürchtete, mit einem ewigen Provisorium in einer zugigen Lagerhalle abgespeist zu werden – nur um die noble alte Adresse freizumachen. Die Ängste wuchsen noch, als die Kreml-Verwaltung die Hand auf den Gebäudekomplex legte.

Beim schicken Neubau wurde dann nicht gespart


Inzwischen fand dieses Problem eine würdige Lösung: Für etwa 90 Millionen Euro ließ der Staat am Sanewski Prospekt ein ehemaliges Gebäude der Zentralbank zu einem zeitgemäßen Archiv umbauen – nach dem neuesten Stand der Technik. Und etwa 11 Millionen Euro kostete dann der fachgerechte Umzug der sich über 200 „Regalkilometer“ erstreckenden Archivalien, der vor über einem Jahr für abgeschlossen erklärt wurde.

Angeblich soll dabei keine einzige Mappe der 7,5 Millionen Dokumente verloren gegangen sein - im Gegenteil: Man fand einige verlorene Stücke wieder. Stolz wurde der Neubau dem damaligen Präsidenten Wladimir Putin präsentiert.

Teuer auch der Umzug des Verfassungsgerichts


In den daraufhin eilig, aber teuer umgebauten und sanierten Senat und Synod zog inzwischen das aus Moskau nach St. Petersburg verlegte Verfassungsgericht ein – womit St. Petersburg erstmals formell eine Hauptstadtfunktion übernahm.

Bei Russland-Aktuell
• Verfassungsgericht startet mit großen Hindernissen (27.05.2008)
• Militär überlässt St. Petersburg einen Zarenpalast (18.02.2008)
• Flottenhauptquartier soll nach Petersburg umziehen (31.10.2007)
• Verfassungsrichter zaudern mit Petersburg-Umzug (26.12.2006)
• Historiker und Archivare drücken Umzugssorgen (12.12.2005)
Was das Archiv angeht, gibt es aber bislang kein Happy-End: Der neue Bücherbunker mit den alten Folianten ist trotz all seiner schönen Lesesäle für das Fachpublikum nach wie vor nicht zugänglich, berichtet fontanka.ru. „Wir können nur Fernanfragen per e-mail bearbeiten, denn wir haben ernsthaften Personalmangel“, so Archiv-Vizedirektor Jewgeni Miletin.

Auf diese – zudem nicht billige - Weise kommt man aber nur an Material, wenn man als Forscher exakt weiß, in welchem Band auf welcher Seite das gewünschte Dokument liegt. „Die Arbeit von Historikern liegt aber eben oft in der Suche“, so Lisizina gegenüber der Petersburger Internetzeitung fontanka.ru.

Aber am Geld für würdige Löhne fehlt es


Die Hälfte der Stellen sei nicht besetzt, klagt Archiv-Leiter Miletin. Das vorhandene Personal sei nur ausreichend, um das Wichtigste, die Lagerung der Dokumente zu gewährleisten: „Es gibt niemanden, der mit Besuchern arbeiten könnte.“

Bei Russland-Aktuell
• Staatsarchiv bekommt eine neue Adresse (05.11.2003)
• Archivare fordern Putins Machtwort (22.04.2003)
Grund für die Misere seien die niedrigen Löhne, die der Staat seinen Archivaren zahlt, so Miletin. Und die übergeordnete Behörde Rosarchiv könne nicht ausgewählten Staatsbediensteten die Gehälter erhöhen, anderen aber nicht.

Kleiner Besucherverkehr soll alsbald beginnen


Allerdings, wenigstens einen Türspalt weit wird das Archiv alsbald öffnen: Im Oktober soll, so Miletin, der Zugang zur Bibliothek und den Katalogen geöffnet werden. Danach werde man schrittweise auch den Lesesaal in Betrieb nehmen – nicht für alle Bestände und nicht an jedem Tag, aber immerhin sollen sich wieder so erste Arbeitsmöglichkeiten für Geschichtsforscher ergeben.

Bei der Eröffnung des Neubaus vor einem Jahr hatte Putin erklärt, in seiner kulturellen Bedeutung sei das riesige Petersburger Archiv mit der Eremitage vergleichbar.

Doch würde Russlands Kunst-Tempel auf die gleiche Weise einmal für Jahre geschlossen, ginge ein Stöhnen durch die Reiseführer-Verlage und Feuilleton-Redaktionen der Welt. Dem stillen Volk der Historiker ist es aber offenbar zuzumuten.



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